Gesundheit : Aronson-Preis für Bakteriologie an Berliner und Lübecker Forscher

Adelheid Müller-Lissner

Bei der gestrigen Doppel-Verleihung des Aronson-Preises für die Jahre 1999 und 2000 an Ernst Theodor Rietschel und Andreas Radbruch konnte Senatorin Christa Thoben auf eine lange Tradition zurückblicken. Sie reicht in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts zurück. Der mit 20 000 Mark höchstdotierte Forschungspreis in Berlin wird seit dem Jahr 1921 jeweils am 8. März verliehen, dem Todestag Hans Aronsons (1865-1919). Der Forscher und spätere Charlottenburger Kinderarzt, der in Zusammenarbeit mit der Firma Schering ein Heilserum gegen die Diphtherie entwickelt hatte, hatte einen beträchtlichen Teil seines Kapitals testamentarisch für einen Preis bestimmt, der an Wissenschaftler auf dem Gebiet der Bakteriologie oder experimentellen Therapie verliehen werden sollte.

Wie gut deren Auswahl gelang, zeigt sich schon an der Tatsache, dass zweimal spätere Medizin-Nobelpreisträger ausgezeichnet wurden: Im Jahr 1926 Karl Landsteiner, der Entdecker der Blutgruppen, und im Jahr 1944 Gerhard Domagk, der Entdecker der Sulfonamide als Heilmittel gegen Infektionskrankheiten. Doch in der Geschichte des Preises gibt es auch düstere Kapitel: Ab 1933 durften jüdische Forscher nicht mehr berücksichtigt werden, der Name des Stifters wurde aus dem der Stiftung entfernt.

Um den Preis und das Vermächtnis von dessen Stifter nach dem Zweiten Weltkrieg trotz des nach der Währungsreform erheblich zusammengeschmolzenen Kapitals zu sichern, beschloss das Kuratorium im Jahr 1969, die Stiftung aufzulösen und den Rest des Geldes auf das Land Berlin zu übertragen. Die Initiative dazu ging vom damaligen Vorsitzenden aus, dem langjährigen Leiters des Robert-Koch-Instituts Georg Henneberg. Seit 1970 ist der Aronson-Preis also ein Preis des Landes Berlin, einer "Hochburg der Mikrobiologie und der medizinischen Biologie seit der Zeit Robert Kochs", wie Frau Thoben im Institut für Infektionsmedizin der Freien Universität betonte.

Mit Andreas Radbruch, dem Direktor des Deutschen Rheumaforschungszentrums Berlin, ist in diesem Jahr denn auch ein in der Hauptstadt ansässiger Forscher ausgezeichnet worden. Im Zentrum von Radbruchs wissenschaftlichem Interesse steht die Frage, wie es im menschlichen Immunsystem genau zu schützenden und schädlichen Immunreaktionen kommt. Dabei hat sich der 47jährige Biologe unter anderem mit den molekularen Grundlagen des Funktionswechsels von Antikörpern und mit dem "Gedächtnis" von Abwehrzellen beschäftigt, dessen Funktionieren für gesunde, aber auch für überschießende Immunreaktionen bei allergischen und Autoimmun-Erkrankungen maßgeblich ist.

Wichtiger Bestandteil seiner wissenschaftlichen Arbeit war aber auch die Entwicklung raffinierter neuer Methoden, um Zellen zu sortieren und zu färben. Auch Grundlagenforschung wie die seine könne "sehr schnell sehr drastische Konsequenzen" für neue Therapien haben, davon zeigte sich der Preisträger in seiner Dankesrede überzeugt. Er denkt dabei zum Beispiel an die Verbesserung von Impfverfahren, aber auch an die Entwicklung neuer Behandlungsverfahren gegen Autoimmunkrankheiten, zu denen rheumatische Erkrankungen gehören.

Ernst Theodor Rietschel, Inhaber des Lehrstuhls für Immunchemie und Biochemische Mikrobiologie der Medizinischen Hochschule Lübeck und Direktor im Forschungszentrum Borstel, ist Preisträger für das Jahr 1999. Der 58jährige Chemiker wurde für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Entstehung und Behandlung der durch Bakterien verursachten Blutvergiftung ausgezeichnet. Sie ist derzeit die häufigste Todesursache auf den Intensivstationen nach Operationen, bei weiterhin steigender Tendenz.

Rietschel schlug in seiner Rede den Bogen zum Bakterienforscher und Preisstifter Hans Aronson: Während der sich noch überzeugt zeigte, dass die Zerstörung des gefährlichen Bakteriengifts für die Beherrschung der Blutvergiftung entscheidend sei, setzen Rietschel und seine Arbeitsgruppe heute auf die Gegenspieler. Sie machen die Giftstoffe unschädlich, indem sie sich an sie binden. Besondere Hoffnungen verbindet Rietschel dabei mit der Entwicklung passender monoklonaler Antikörper.

In ihrer Ansprache hatte es Senatorin Thoben zuvor als besonderes Anliegen des Senats bezeichnet, das neue Berlin "trotz aktueller Bedrängnisse im Haushalt" zu einer Stätte innovativer medizinischer und medizintechnischer Forschung, zur "Global City des Wissens", zu machen. Ernst-Otto Riecken, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, zu dessen letzten Amtshandlungen als Kuratoriumsvorsitzender die Würdigung der Preisträger gehörte, nahm es als gutes Omen auch für die Zukunft des traditionsreichen Aronson-Preises.

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