Gesundheit : Auf der Suche nach der leeren Couch

Wer in Berlin einen Psychotherapeuten braucht, telefoniert oft wochenlang vergeblich. Die Situation könnte sich demnächst noch verschärfen

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So soll es sein. Psychoanalytiker Sigmund Freud und neben ihm viel Platz – leider nur im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds in Berlin. Foto: Mike Wolff
So soll es sein. Psychoanalytiker Sigmund Freud und neben ihm viel Platz – leider nur im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds...Foto: Mike Wolff

Er hat mitgezählt: Bei 70 Psychotherapeuten hat Birger S. (Name geändert) angerufen, 65 Mal war der Anrufbeantworter dran, fünf Therapeuten konnten ihm einen Ersttermin anbieten – mit mehrmonatiger Wartezeit. Nach seiner Scheidung hatte der Grafiker im letzten Sommer dringend professionelle Hilfe gesucht. Glücklicherweise hatte er seine Energie nicht völlig eingebüßt. „Wäre ich schwer depressiv gewesen, hätte ich gar nicht die Kraft für diese zermürbende Suche gehabt“, sagt er heute, nach einigen Monaten Psychotherapie.

„Jemanden wegzuschicken, der nicht mehr ein und aus weiß, fällt mir wahnsinnig schwer“, sagt Pilar Isaac-Candeias. Die Psychotherapeutin hat sich immer noch nicht daran gewöhnt, obwohl kaum eine Woche vergeht, ohne dass sie einen verzweifelten Menschen enttäuschen muss, mit dem sie ein Beratungsgespräch vereinbart hat, um ihm zumindest Orientierung zu geben oder ihn bei der Suche zu beraten. Gespräche, die in der Gebührenordnung nicht vorgesehen sind.

Wer es bis in ihre Schöneberger Praxis geschafft hat, die sie zusammen mit fünf anderen psychologischen Psychotherapeuten betreibt, ist schon weit gekommen und hat zum Beispiel eine Terminlücke erwischt, die durch die kurzfristige Absage eines Patienten entstanden ist. Den meisten muss Isaac-Candeias schon am Telefon mitteilen, dass sie derzeit schlicht „voll“ ist. Viele ihrer Kollegen überlassen diese undankbare Aufgabe gleich ganz dem Anrufbeantworter. Das bringe sie nicht übers Herz, sagt Isaac-Candeias. Lieber gibt sie persönlich Adressen von Kollegen weiter oder verweist auf den Suchdienst der Psychotherapeutenkammer. „Oft schreiben mir aber die Anrufer noch Monate später, dass sie bisher nur ergebnislos herumtelefoniert haben.“

Berlin ist dabei noch gut dran: Hier wartet man – laut einer Umfrage der Bundestherapeutenkammer – im Schnitt „nur“ 8,4 Wochen auf ein erstes Gespräch mit einem von der Krankenkasse zugelassenen Psychotherapeuten. Im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen sind es immerhin 13,8, in Brandenburg sogar 19,4 Wochen. „Viele Patienten geben während der wochenlangen Suche entmutigt auf und verzichten ganz auf eine Behandlung“, sagt Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. So zeigt eine Umfrage, dass fast ein Drittel der Patienten, denen vom Arzt wegen des Verdachts auf eine Angststörung eine Psychotherapie empfohlen wurde, nach zwei Monaten Wartezeit resignieren und auf eine Behandlung verzichten. Andere landen in der psychiatrischen oder psychosomatischen Abteilung eines Krankenhauses, obwohl sie die Behandlung gut als ambulante Patienten von zu Hause aus hätten beginnen können.

Beim Hausarzt müssten nur drei von 100 Patienten mehr als drei Wochen auf einen Termin warten, beim Facharzt nur jeder fünfte, sagt Brigitte Kemper-Bürger, Geschäftsführerin der Psychotherapeutenkammer Berlin. Sie hält es für angemessen, wenn Hilfesuchende ihren Termin für ein Probegespräch innerhalb einer Woche bekommen und die eigentliche Behandlung nach spätestens drei Wochen beginnt. Selbst mit den vergleichsweise vielen Kollegen in den Großstädten sei das allerdings nicht zu machen. 62 pro 100 000 Einwohner sind es in Berlin, 77 in München, weniger als zehn im ländlichen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Bayern. Bedenkt man, dass das Risiko, einmal im Leben zumindest für kurze Zeit unter einer psychischen Störung zu leiden, bei über 50 Prozent liegt, sind auch die Millionenstädte nicht üppig versorgt. Verwirrung stiftet, dass sich nicht hinter jedem Praxisschild, auf dem das Signalwort „Psychotherapie“ prangt, ein Therapeut mit einschlägigem Studium und therapeutischer Zusatzausbildung verbirgt. Auch mit der „kleinen“ Heilpraktiker-Prüfung kann man eine „Praxis für naturheilkundliche Psychotherapie“ aufmachen. Dagegen sind die Inhaber der begehrten Kassensitze ausschließlich diejenigen, die eine Ausbildung zum psychologischen, ärztlichen oder zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten durchlaufen haben.

Die Kammern wollen an der Verteilung der Kassenzulassungen beteiligt werden. Dem trägt ein Gesetzentwurf, den das Bundeskabinett am 3. August beschlossen hat, Rechnung. Darin steht, dass die Bundesländer künftig Arbeitsgemeinschaften bilden können, die den Bedarf an Kassenarztsitzen für Ärzte und Psychotherapeuten planen. Michael Krenz, Präsident der Psychotherapeutenkammer Berlin, begrüßt die Einrichtung solcher Gremien. Ausgesprochen beunruhigt ist er jedoch über einen anderen Punkt des Gesetzes: Weil Berlin nach den dort angestellten Berechnungen mit Psychologischen Psychotherapeuten überversorgt ist, könnten in den nächsten Jahren 648 von 2113 Kassenzulassungen abgebaut werden. Als Normwert gilt der Stand des Sommers 1999. Den kann die Kammer nicht anerkennen: „Weil das neue Psychotherapeutengesetz erst am 1.1.1999 in Kraft getreten war, haben viele Kollegen zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Kassenzulassung gehabt, trotzdem aber Kassenpatienten behandelt“, so Krenz. Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen rangieren inzwischen im Gesundheitsbericht 2009 der AOK und der Barmer für Berlin-Brandenburg auf Platz 7 aller Erkrankungen, bei den Gründen für eine Krankschreibung liegen sie auf Platz 3. Betroffene werden im Schnitt schon mit 48 berentet, drei Jahre früher als Menschen mit klassischen „organischen“ Leiden.

Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse sparen die Kassen Geld, wenn sie für Psychotherapien Geld ausgeben: Jeder investierte Euro bringt einen Nutzen von zwei bis vier Euro. Nicht nur werden das Krankenhaus vermieden und Behandlungen verkürzt, es gibt auch weniger Krankschreibungen und vorzeitige Berentungen, heißt es. Das bedeutet aber nicht, dass viel immer viel helfen würde. „Psychisch schwer beeinträchtigte Menschen brauchen zwar meist eine Langzeittherapie. Bei einer Krisenintervention können aber schon fünf oder zehn Stunden große Erleichterung bringen“, sagt Pilar Isaac-Candeias. Vor allem, wenn man nicht fünf bis zehn Monate auf den Beginn der Therapie warten muss.

Die Service-Telefonnummer der Psychotherapeutenkammer Berlin lautet: 030/88714020

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