• Benjamin Franklin hat mit seinen Blitzen womöglich geflunkert Das legendäre Gewitter-Experiment erscheint Historikern zweifelhaft

Gesundheit : Benjamin Franklin hat mit seinen Blitzen womöglich geflunkert Das legendäre Gewitter-Experiment erscheint Historikern zweifelhaft

Hubertus Breuer

In einer Sturmnacht des Jahres 1752 macht Benjamin Franklin auf einem Feld in Pennsylvania ein lebensgefährliches Experiment: Er lässt einen Drachen mit einer Metallspitze unter einer Gewitterwolke kreisen. Nach einer Weile schlägt ein Blitz in die Spitze ein, der Strom schießt die regennasse, leitende Schnur hinab in einen herabbaumelnden Schlüssel. Als der in Bodennähe gerät, springen Funken aus dem Metall zur Erde über. So zeigen historische Abbildungen den Druckereibesitzer, späteren Gründervater der Vereinigten Staaten und ersten Wissenschaftsstar der Aufklärung.

Die Sache hat indessen einen Haken. Wie der amerikanische Wissenschaftshistoriker Tom Tucker in einem gerade in den USA erschienenen Buch darlegt, hat das weltberühmte Experiment womöglich nie und keinesfalls so stattgefunden.

Den Bericht über das Experiment publizierte Franklin erstmals in dem kleinen Blättchen „Pennsylvania Gazette“. Wer den Artikel heute aufmerksam studiert, stellt fest, dass der gewitzte Kopf empfiehlt, den künstlichen Vogel nur aus einer Stube zu steuern, dann leite das trockene Schnurende keinen Strom. Also keine Heroentat unter freiem Himmel. Aber Tucker streut noch mehr Zweifel. Der am Isothermal Technical College in North Carolina lehrende Forscher stellt fest, dass Franklin, ganz gegen seine Gewohnheit, in dem Artikel weder Ort noch Zeugen für das epochale Ereignis nennt. Von einem Blitz ist keine Rede. Mehr noch: Franklin behauptet in seinem ersten Bericht nicht einmal, er habe den Drachen eigenhändig steigen lassen. Vielmehr lesen sich seine Zeilen wie ein pfiffiges Gedankenexperiment.

Tucker entschied sich prompt, praktische Wissenschaftsgeschichte zu betreiben: Er baute Franklins Drachen nach dessen Angaben nach. Aus einem „großen Seidentaschentuch“ konstruierte er das Fluggefährt. Doch der Drache erwies als zu schwerfällig, um abzuheben. Doch selbst wenn der Seidenvogel fliegen würde, ließe er sich kaum erfolgreich aus einem Fenster steuern, erkannte Tucker.

Der Historiker ist sich deshalb sicher: Franklin hat sich das später gefeierte Experiment nur ausgedacht. Tuckers Kritiker wenden ein, Franklin sei kein Wissenschaftsbetrüger. Schließlich habe er entdeckt, dass Elektrizität in positiven und negativen Ladungen vorkommt. Außerdem treffe die Schlussfolgerung des Experiments zu: Gewitterwolken sind elektrisch geladen. Allerdings erscheint es ebenso plausibel, dass Franklin auf Grund seines umfangreichen Wissens die naturgesetzten Grenzen kannte. Den Donnergott herauszufordern, war zu riskant, gelehrte Spekulation erschien als gefahrloser Notbehelf. Wenn es so geschah, tat er gut daran. Einige seiner Nachahmer starben an Elektroschocks.

Tom Tucker, „Bolt of Fate: Benjamin Franklin and His Electric Kite Hoax“, Public Affairs, 2003, 320 Seiten, 25 Dollar

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