Gesundheit : Boxeraufstand: "Pardon wird nicht gegeben"

Alexander Marek

Jetzt heißen sie wieder Iltis-, Lans- und Takustraße. Für ein paar Tage trugen die Straßen in Dahlem die Namen von Ernst Fraenkel, James Franck und Helmut Gollwitzer. Die Beseitigung ihrer symbolischen Umbenennungsaktion durch das Bezirksamt müssen jetzt die Zehlendorfer Sozialdemokraten und Professoren der Freien Universität aus der eigenen Tasche berappen - 311 Mark und 89 Pfennige. Sie hatten die Straßenschilder Mitte Juni überklebt und daran erinnert, mit welchem Ereignis sie in Verbindung stehen: mit dem Aufstand der Boxer gegen die Präsenz ausländischer Mächte in China, der sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt.

"Iltis" hieß das deutsche Kanonenboot, das unter seinem Kapitän Lans am 17. Juni 1900 das chinesische Fort Taku beschoss. Zum ersten Mal tauchte die Bewegung, der die Europäer den Namen "Boxer" gaben, 1898 im Hinterland des deutschen "Pachtgebietes" Tsingtau in der Provinz Shandong auf. Man gab den Aufständischen den einprägsamen Namen in Anlehnung an die von ihnen praktizierten traditionellen Kampfsportarten. Tatsächlich aber wussten die imperialistischen Staaten, die sich überall in China Einflusssphären gesichert hatten, so gut wie nichts über die Boxer. "Sie besaßen weder eine einheitliche Führung, noch eine zusammenhängende Ideologie", sagt Klaus Mühlhahn, Sinologe am Institut für Ostasienwissenschaften der FU Berlin.

Hinter dem Aufstand stand die Verzweiflung der von Naturkatastrophen heimgesuchten Landbevölkerung. 1898 überschwemmte der Gelbe Fluss die Äcker. Ein Jahr später vernichtete eine Dürre die Ernte. Zahlreiche Gedichte, Pamphlete und Wandzeitungen, die von taoistischen Priestern und buddhistischen Mönchen verfasst wurden, machen die Ideenwelt der Boxer anschaulich. Klaus Mühlhahn hat sie ausgewertet. Es regnete nicht mehr, weil die Götter über die Anwesenheit der "fremden Teufel", der Christen, Missionare und Ausländer, erbost seien. Nur wenn man sie töte, würden die Götter wieder milde gestimmt sein.

Im Frühjahr 1900 hatte sich die Boxerbewegung bis in die Mandschurei ausgedehnt. War sie zunächst noch ein ländliches Phänomen, griff sie seit Sommer auch auf die nordchinesischen Städte über. Die kaiserlich-chinesische Regierung, selbst wenn sie gewollt hätte, war außerstande, den Aufstand einzudämmen. Am 13. Juni 1900 drangen Boxerscharen in Peking ein, ermordeten chinesische Christen und plünderten.

Angriff auf das Diplomatenviertel

Am 21. Juni - eine Reaktion auf die Beschießung der Forts von Taku - erklärte China allen Kolonial-Mächten offiziell den Krieg. Die Boxer, unterstützt von regulären kaiserlichen Truppen, belagerten das Diplomatenviertel. Der deutsche Gesandte Klemens von Ketteler fiel den Schüssen eines chinesischen Soldaten zum Opfer. Fast zwei Monate wehrten sich die in der Hauptstadt eingeschlossenen Ausländer gegen die chinesische Übermacht. Erst am 14. August, nach 55 Tagen, in denen 62 Ausländer und eine nicht bekannte Zahl chinesischer Christen ihr Leben verloren hatten, befreite sie ein über 20 000 Mann starkes multinationales Heer aus britischen, französischen, amerikanischen, deutschen, russischen und japanischen Marineinfanteristen.

Zu dieser Zeit befand sich das am 27. Juli von Bremerhaven gestartete deutsche Expeditionskorps unter dem Kommando des Generals Alfred von Waldersee noch immer auf hoher See. Es traf erst Ende September in China ein. Zwar standen sich die imperialistischen Mächte in der brutalen Art der Kriegführung gegen die Chinesen in nichts nach. Das Völkerrecht, immerhin in Europa in Ansätzen in der ersten Haager Konvention formuliert, blieb hier ein Fremdwort. Doch die "Strafexpeditionen", welche das deutsche Expeditionskorps ab September im Hinterland durchführte, waren in besonderer Weise von einem rassistischen Rachegedanken motiviert. Wilhelm II. hatte die 20 000 Freiwilligen in Bremerhaven mit den Worten verabschiedet: "Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen."

Die "Hunnen-Rede" des Kaisers machte in aller Offenheit die Brutalität eines sozialdarwinistisch aufgeladenen Gesinnungsmilitarismus deutlich. Der Sinologe Mühlhahn hat in Wilhelms Rede zahlreiche religiöse Ausdrücke entdeckt: Für ihn ein Beleg dafür, den Boxerkrieg vor allem als einen Glaubenskrieg zu deuten. Die Chinesen, die es "gewagt" hatten, die christliche Kultur anzugreifen und das Leben von Europäern zu bedrohen, hätten nicht mehr auf die Humanität des Abendlandes bauen können und das Recht auf faire Behandlung verwirkt.

Unverhohlen appellierte der Monarch an seine Soldaten, jegliche moralischen und humanitären Bedenken hinter sich zu lassen. "Die Aufgabe, zu der ich Euch hinaussende, ist eine große. Ihr sollt schweres Unrecht sühnen. Aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht."

Von diesem Freibrief machten die deutschen Truppen regen Gebrauch. Sie hielten sich nicht lange damit auf, Boxer und Nicht-Boxer auseinander zu halten. Galt ein Dorf als "Boxer-Dorf", wurden kurzerhand alle Bewohner ermordet und die Häuser niedergebrannt. Wie viele Chinesen diesem Völkermord zum Opfer fielen, ist bis heute nicht bekannt. Die Ankündigung des deutschen Kaisers "Gefangene werden nicht gemacht" wurde Wirklichkeit. "Es gab während der noch fast einjährigen Kämpfe nirgendwo Gefangenenlager", berichtet der Sinologe Mühlhahn.

Eine Kriegführung, die sich in erster Linie gegen die Zivilbevölkerung richtete, war bis dahin in Europa unbekannt. Sie wurde in den Kolonien erprobt und gelangte im Ersten und Zweiten Weltkrieg nach Europa zurück. Als im Herbst 1901 der letzte Widerstand auf dem Land gebrochen war, zwangen die Sieger dem Land einen Friedensvertrag auf. Das sogenannte "Boxerprotokoll" enthielt drakonische Bestimmungen. Zehn hohe chinesische Beamte wurden hingerichtet, viele weitere zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Vor allem ließen sich die kolonialen Mächte ihr "Engagement" in barer Münze zurückzahlen: über 300 Millionen Dollar betrug die "Entschädigung".

Fast noch wichtiger war es dem Deutschen Reich, neben der materiellen auch eine symbolische Wiedergutmachung durchzusetzen. Der chinesische Prinz Chun musste im Rahmen einer "Sühne-Reise" im September 1901 vor Wilhelm II. in Berlin den Kotau vollziehen und ihn offiziell um Verzeihung bitten. Unter den Mandschu, der aus der Mandschurei stammenden seit 1644 herrschenden Dynastie, erfuhr China seine tiefste Demütigung.

Der Nationalismus wurde mächtig

Indes gelang es schon nach 1900 keiner der imperialistischen Mächte mehr, China Interessenssphären, Wirtschaftskonzessionen oder Pachtgebiete gewaltsam abzuringen. Der Nationalismus war auch im "Reich der Mitte" zu einer Macht geworden. Der Boxeraufstand hatte also indirekt dazu beigetragen, das moderne China herauszubilden. Als 1949 mit dem Sieg der Kommunisten China zur Volksrepublik wurde, stand die Erinnerung an den Boxeraufstand erstmals unter positivem Vorzeichen. Besonders während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 galten die Boxer als mutige Helden und antiimperialistische Patrioten.

Heute, einhundert Jahre danach, werden die Boxer als soziale Bewegung ignoriert. Sie hatten 1900 versucht, mit rücksichtsloser Gewalt eine aus den Fugen geratene Gesellschaft wieder zusammenzufügen. Ihr xenophobes Weltbild, ihr missionarischer Wahn und ihre archaische Brutalität gegenüber Andersgläubigen lassen eine Identifikation nicht mehr zu.

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