Gesundheit : DAAD wird 75 Jahre alt: In den USA 1937 das Tanzen verlernt - Erinnerungen der DAAD-Stipendiatin Noelle-Neumann

Tilmann Warnecke

Eins ist beim Rückblick auf 75 Jahre DAAD sicher: Ohne den Austauschdienst sähe die Zunft der deutschen Meinungsforscher heute anders aus. Denn als die 20-Jährige Elisabeth Noelle im September 1937 auf DAAD-Ticket gen USA in See sticht, will sie noch "leidenschaflich" Journalistin werden und im übrigen den USA-Aufenthalt für ihre Doktorarbeit nutzen, Thema: Was tun amerikanische Zeitungen, um Leserinnen zu fesseln? Bei ihren Recherchen an der School of Journalism in Missouri stößt sie dann per Zufall auf eine Dissertation aus dem Jahr 1928. Autor: ein gewisser George Gallup. Der hatte in der Zwischenzeit ein Institut gegründet und veröffentlichte zweimal pro Woche seine Meinungsumfragen in den überregionalen Tageszeitungen.

Noelle ist von Gallups Arbeit so fasziniert, dass sie kurzerhand ihr Doktorarbeitsthema in "Meinungs- und Massenforschung in den USA" umändert und beschließt, die in Deutschland bis dahin gänzlich unbekannte Meinungsforschung zu ihrem neuen Steckenpferd zu machen. "Auf diese Weise habe ich die Meinungsforschung als erste Deutsche kennengelernt und hatte einen Riesenvorsprung vor allen anderen", meint die heute 83-Jährige gut gelaunt.

Dass sie den Vorsprung weidlich ausnutzte, ist bekannt: 1947 gründete Noelle zusammen mit ihrem späteren Ehemann Erich Peter Neumann im baden-württembergischen Allensbach das Institut für Demoskopie, das seitdem in unzähligen Umfragen den Befindlichkeiten der bundesrepublikanischen Bevölkerung auf den Grund gegangen ist. An der resoluten Demoskopin scheiden sich seitdem die Geister. "Grande Dame der Meinungsforschung" nannte sie die "Zeit", "Glucke des Kanzlers" dagegen die "Woche". Denn wegen ihrer Nähe zur CDU und Ex-Kanzler Kohl wurde sie immer wieder verdächtigt, mit ihren Meinungsumfragen aktive Wahlhilfe leisten zu wollen.

Die Zusage für das DAAD-Stipendium sei ihr damals "wie ein Millionengewinn im Lotto" vorgekommen. In den Dreißigern war ein Auslandsjahr noch ziemlich ungewöhnlich. Noch bevor Noelle-Neumann die erste Vorlesung an der Berliner Universität besuchte, marschierte sie ins Auslandsamt und bewarb sich um ein Stipendium. Die Mühlen der Univerwaltung mahlten auch schon vor mehr als sechzig Jahren eher langsam: erst nach drei Semestern kam die Zusage. In einem vierzehntägigen "DAAD-Trainingslager" (Noelle-Neumann) wurden die zukünftigen Austauschstudenten auf ihren Auslandsaufenthalt vorbereitet. Benimmregeln und schlaue Tipps standen auf dem Programm, übrigens dargereicht von einem anderen DAAD-Stipendiaten mit klangvollen Namen: Erwin Wickert, dem Vater des Tagesthemen-Moderators Ulrich. Von einem Ratschlag schwärmt die eloquente Rednerin noch heute: "Man sollte grundsätzlich jede Einladung zu einem Vortrag annehmen. Ich musste mindestens zwei pro Woche in den USA halten. Am Ende meines Stipendiums hatte ich siebzig Stück gehalten - nun konnte ich es." Gerne plaudert Noelle-Neumann über die zahlreich erlittenen Kulturschocks: "In Deutschland war ich immer eine gute Tänzerin. In Amerika dagegen auf einmal eine schlechte. Wissen Sie, was das für ein 20-Jähriges Mädchen bedeutet?".

Hatte der Aufenthalt einer Deutschen im Jahr 1937 in den USA nicht aber auch eine politische Seite? Vor einigen Jahren wurde Noelle-Neumann heftig wegen ihrer Mitarbeit in der von Goebbels kontrollierten Wochenzeitung "Das Reich" angegriffen - dort war sie ab 1940 für zwei Jahre Redakteurin. Ein amerikanischer Forscher warf ihr totalitäre Züge in ihrem Hauptwerk "Die Schweigespirale" vor. Letzteres hat Noelle-Neumann immer vehement bestritten. Zu "Das Reich" meint sie: "Da gab es keinen einzigen Parteigenossen." Durch das USA-Jahr will sie sich gegen Hitler-Deutschland immunisiert haben: "Ob ich das so durchgehalten hätte, ohne ein Jahr Amerika zwischendurch, weiß ich nicht." Dass ihr neues Steckenpferd Meinungsforschung naturgemäß keins der Nationalsozialisten war, konnte sie von der Rückkehr nach Deutschland nicht abhalten: "Die Liebe zu meinem späteren Mann hat mich wieder in die Heimat getrieben."

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