Gesundheit : Das Gottesgen

Warum glaubt der Mensch? Wissenschaftler auf der Suche nach den Wurzeln der Religion

Bas Kast

Er kam gerade aus dem Urlaub, der 21- jährige Jurastudent Martin, war zu Fuß unterwegs, nach Erfurt, als sich sein Leben mit einem Schlag änderte. Ein gewaltiger Blitz schlug neben ihm in den Boden, so dicht, dass die Druckwelle den jungen Mann mehrere Meter durch die Luft schleuderte. Zitternd fasste Martin einen Entschluss, der die Weltgeschichte noch erschüttern sollte. Er sprach: „Heilige Anna, hilf! Lässt du mich leben, so will ich ein Mönch werden.“

Martin Luther überlebte, hing sein Jurastudium an den Nagel und ging ins Kloster. Todesangst hatte den späteren Reformator in die Arme Gottes getrieben. Das war am 2. Juli 1505.

Fast genau 500 Jahre später strömen in einer gewaltigen Pilgerfahrt vier Millionen Menschen nach Rom, um einen Papst die letzte Ehre zu erweisen, der auf geradezu heroische Weise vorgelebt hat, dass man vor körperlichem Verfall und Tod keine Angst haben muss. „Es war ein metaphysisches Woodstock“, kommentierte der „Spiegel“ das Spektakel, „auf dem Rosenkränze gebetet, uralte Litaneien gemurmelt wurden, als wäre es selbstverständlich, im Zeitalter von Nanotechnik und Bionik an die gebenedeite Jungfrau zu glauben“.

Wie lässt sich die Wallfahrt nach Rom erklären? Ist die Religion nicht ein Anachronismus, vom Aussterben bedroht?

„Jedes Mal, wenn du etwas verstehst, wird Religion weniger wahrscheinlich“, sagte einst James Watson, Ko-Entdecker der DNS-Doppelhelix. Rund sieben Millionen Wissenschaftler produzieren heutzutage 30000 Fachartikel – täglich. Wo, angesichts dieser Explosion des Wissens, bleibt da noch Raum für den Glauben?

Im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts haben Denker immer wieder das baldige Ende der Religion prophezeit, immer wieder irrten sie. „Gott ist tot“, sprach der Philosoph Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert. Und Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, stufte die Religion als kollektive „Zwangsneurose“ ein, von der die Menschheit dank wissenschaftlicher Erkenntnisse früher oder später geheilt sein werde.

Was für ein Irrtum! Am Anfang des 21. Jahrhunderts kommt man, nicht zuletzt mit Blick auf den Islam, um die Feststellung nicht herum: Gott, der Totgesagte, lebt. Nicht nur in Rom oder islamischen Ländern, nicht nur in den USA, sondern sogar bei uns in Deutschland hält sich der Glaube hartnäckig. Das belegt schon eine schlichte Umfrage der Marktforschungsfirma TNS Infratest vom Februar, erhoben noch vor dem Tod des Papstes: Die Bedeutung, die die Deutschen dem persönlichen Glauben geben, steigt. Für 27 Prozent der Bundesbürger ist der Glaube inzwischen „sehr wichtig“ (1993: 24 Prozent, 1986: 22 Prozent).

Schon die Neandertaler bestatteten die Toten mit Grabbeigaben. Es gibt keine Kultur, die nicht irgendeine Form der Religion hervorgebracht hätte. Gesellschaften hingegen, in denen man meinte, den Menschen das Bedürfnis nach Gott gewaltsam austreiben zu können, sind kläglich gescheitert, wie der Kommunismus. Woher bezieht die Religion diese universelle Anziehungskraft?

Mit einer pikanten Erklärung wartete kürzlich der US-Molekularbiologe Dean Hamer auf: Die Tatsache, dass Gott solch allumfassende Verbreitung findet, lässt nur eine Erklärung zu: Er muss sich in unserem genetischen Programm verankert haben.

Also sprach Hamer, machte sich auf die Suche nach dem genetischen Fingerabdruck Gottes – und wurde fündig. Der Biologe prüfte die DNS von mehr als 1000 Männern und Frauen und stellte fest: Menschen mit einem besonders starken Hang zur „Selbsttranszendenz“, das heißt, mit einer Offenheit für Dinge, die sich nicht beweisen lassen, einem Sinn fürs Übersinnliche, fielen durch eine bestimmte Version eines Gens namens VMAT2 auf – das „Gottesgen“.

Buddha, Mohammed, Jesus, sie alle, davon ist Hamer überzeugt, waren mit der besonderen VMAT2-Variante gesegnet. Das Gen steuert den Transport so genannter Monoamine, wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, Botenstoffe, die im Gehirn entscheidend an der Lenkung unserer Gefühle beteiligt sind.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. „Gott ist nicht etwas, dass sich logisch oder exakt nachweisen lässt“, befand Neil Gillman, Professor für Jüdische Theologie in New York – und sprach damit auf höfliche Weise aus, was viele seiner Kollegen empfanden: tiefe Abscheu gegenüber Hamers Reduktionismus.

Inzwischen hält auch Hamer selbst die Wendung vom „Gottesgen“ für „missglückt“. Ein Gen für Spiritualität, gibt er zu bedenken, ist noch kein Gen für Gott.

Unter Forschern ist es indes zu einer Art Kult geworden, Gott naturwissenschaftlich dingfest zu machen. Einige Wissenschaftler („Neurotheologen“) verfolgen Gott bis ins Gehirn und haben bereits das eine oder andere „Gottesmodul“ ausgemacht, das uns dazu befähigt, mit ihm in Kontakt treten.

Bestimmte Hirngebiete, etwa das Stirnhirn oder der Schläfenlappen, werden demnach besonders aktiv bei religiösen Aktivitäten, beispielsweise beim Meditieren, wie man anhand von Hirnscans buddhistischer Mönche und von Franziskaner-Nonnen festgestellt hat. So lautet die Antwort auf die Frage, warum Gott nicht verschwindet, für den US-Hirnforscher Andrew Newberg („Der gedachte Gott“, Piper 2003) erschreckend simpel: „Weil unsere Gehirne es nicht erlauben, dass Gott geht.“

Und doch, all das erklärt noch nicht, weshalb der Glaube plötzlich ein Comeback zu feiern scheint. „Gott stabilisiert die Psyche“, sagt dazu der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger. Nicht umsonst sind Gläubige gesünder, bei ihnen heilen Krankheiten schneller als bei Atheisten.

„Hinzu kommt die Bodenlosigkeit, zu der uns das Forschen führt“, sagt der Philosoph. „Jede Antwort wirft zehn neue Fragen auf.“ Je weiter die Forschung vorstößt, desto mehr neue, unbekannte Welten tun sich auf, der paradoxe Effekt: Mit dem Wissen wächst das Nicht-Wissen, und damit der Raum für den Glauben.

Das Entscheidende aber: Kein Wissen der Welt kann das liefern, was uns die Religion zu bieten hat – Trost, ethische Maßstäbe, Mitgefühl, Sicherheit. „In allen Tieren steckt doch dieser Imperativ: Du sollst nicht sterben“, sagt Metzinger. „Aber nur der Mensch weiß, dass er daran scheitern wird.“ Spätestens an der Stelle hilft, wie schon beim Jurastudenten Luther, nur noch der Glaube weiter.

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