Gesundheit : Das neueste Gerücht

Falschmeldungen können Geschichte machen – und erlauben Historikern Rückschlüsse auf Stimmungen in der Bevölkerung

Elke Kimmel

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 fuhren tausende Menschen von Ost- nach West-Berlin, ohne von den Grenzern großartig behindert zu werden. Ursache war ein Gerücht. Tatsächlich hatte der Politbüro-Sprecher Günter Schabowski keineswegs von einer solchen Lösung gesprochen, aber seine Äußerungen gegenüber der Presse waren dermaßen unklar, dass sie den West-Berliner Medien Spielraum für eigene Interpretationen ließen. Als dann die Menschenmassen an die Kontrollpunkte drängten, war es nicht möglich, sie gewaltlos zurückzuschicken. Gerüchte können Geschichte machen – kein Wunder, dass Historiker in ihnen ein spannendes Forschungsfeld sehen. Einen neuen Überblick über „folgenreiche Falschmeldungen“ geben Sven Felix Kellerhoff und Lars-Broder Keil.

Was genau ist ein Gerücht? Ein Gerücht gibt vor, was in einer Gesellschaft für möglich gehalten wird, sagt der Bielefelder Historiker Jörg Requate. Dadurch lässt es interessante Rückschlüsse auf Stimmungen und Vorurteile der jeweiligen Gesellschaften zu. Manchmal mit schweren Folgen: Die Französische Revolution verbreitete sich erst in dem Moment im ländlichen Raum, als es hieß, der Adel werde den Aufstand gewaltsam unterdrücken. Von wem diese Nachricht stammte, ist bis heute unklar; wichtiger ist, dass sie dem entsprach, was die Zeitgenossen schon befürchteten.

Der Wahrheitsgehalt von Gerüchten spielt demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Als im Frühjahr 1950 eine Kartoffelkäferplage in Thüringen und Sachsen die Ernte gefährdete und die Abschaffung der Lebensmittelkarten in der DDR vollends illusorisch wurde, erfand die SED-Führung den „Amikäfer“. Das „Neue Deutschland“ sprach von einem Sabotageakt: „USA-Flugzeuge warfen große Mengen Kartoffelkäfer ab“. Im Rahmen der Kampagne unterstützten freiwillige Helfer die Landwirte beim Einsammeln der Schädlinge. Nach der ersten Aufregung sprach dann niemand mehr von den „Amikäfern“ – nicht zuletzt deswegen, weil der angebliche Sabotageakt frei erfunden war. Die Käfer waren bereits nach dem Ersten Weltkrieg in Westeuropa eingeschleppt worden und hatten sich schrittweise nach Osten ausgebreitet – eine unter Agrarpolitikern bekannte Tatsache. Dennoch fand sogar die Anschuldigung, die USA bereiteten einen Angriff mit Pesterregern vor, zeitweise Anhänger – entscheidend war, dass man den Amerikanern eine solche Handlung zutraute.

Angesichts des erheblichen Einflusses, den solche Spekulationen besitzen, ist es erstaunlich, dass erst im Zweiten Weltkrieg eine systematische Gerüchteforschung eingerichtet wurde. Die amerikanischen und deutschen Forscher interessierte dabei vor allem die Frage, wie man Gerüchte erfolgreich bekämpfen konnte. Klar war, dass einfache Dementis schon damals nicht ausreichten. Aber auch das Streuen von Gegengerüchten erwies sich als zweischneidige Angelegenheit, da eine wirkungsvolle Steuerung im Sinne der Initiatoren nicht möglich war. Für den Historiker Requate ist dies ein wesentliches Kriterium von Gerüchten: „Diese sind prinzipiell dezentral – ihre Manipulation ist deshalb kaum empfehlenswert und außerdem nicht Erfolg versprechend.“

Über die Entstehung von Gerüchten, gleichgültig aus welcher Quelle, herrscht Einigkeit. Um zu keimen, benötigen Gerüchte ein gesellschaftliches Klima, in dem ein dringendes Bedürfnis nach Informationen existiert, diesem Bedürfnis aber nicht entsprochen wird. Das entstehende Vakuum ist offen für jede Art von Information. Nicht nur in autoritären Gesellschaften: Möglicherweise versäumen es die entscheidenden Stellen auch nur, die Interessierten ins Bild zu setzen, oder sie haben durch vorangegangene Äußerungen ihre öffentliche Glaubwürdigkeit eingebüßt. Oder die Stellen, die zur Verbreitung des Gerüchts beitragen oder diese in die Welt setzen, besitzen mehr Macht als die Gegenseite.

Manchmal sind Gerüchte lediglich „Vergröberungen“ von Fakten. Ein Beispiel dafür ist das Waldsterben, das der „Spiegel“ Anfang der 1980er Jahre als „ökologisches Hiroshima“ bezeichnete. Tatsächlich gab es ja erhebliche Schädigungen an der Umwelt, das Ausmaß aber wurde ins Katastrophische übertrieben. Autor Keil spricht in diesem Zusammenhang von einer „notwendigen Übertreibung“, die immerhin Positives bewirkt habe. Ohne die Ökokatastrophe vor Augen wären die Bemühungen zum Schutz der Umwelt kaum im erforderlichen Maße verstärkt worden. Ein anderes Beispiel für die drastische Verzerrung: Die deutschen Stellen rechtfertigten die Teilnahme am Kosovo-Krieg mit dem Verweis auf Verstümmelungen von Schwangeren. Für solch barbarische Akte gebe es keine Belege, so Lars-Broder Keil, aber „offenbar hielt man die tatsächlichen Menschenrechtsverletzungen für nicht schwerwiegend genug, um die deutsche Öffentlichkeit zu überzeugen“.

Auch wenn die Steuerung eines Gerüchts schwer möglich ist – sein Erfolg hängt heute entscheidend davon ab, ob es in die Medien gelangt. Zwar gab es Gerüchte lange bevor es moderne Massenmedien gab, aber deren Einsatz wirkt enorm verstärkend, zumal in einer Gesellschaft, in der Medien eine Art „Echtheitszertifikat“ verleihen. Die Verantwortung liegt damit bei den Journalisten. „Skepsis gegenüber nicht überprüfbaren Nachrichten und scheinbar sicherem Wissen ist der einzige wirksame Schutz“, sagt Keil und warnt vor Falschmeldungen und Übertreibungen.

Lars-Broder Keil/Sven Felix Kellerhoff: Gerüchte machen Geschichte. Folgenreiche Falschmeldungen im 20. Jahrhundert. Ch. Links Verlag 2006, 320 S., zahlreiche Abb., 17,90 Euro.

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