Gesundheit : Der Ausbruch eines tropischen Virus in New York zeigt die Verwundbarkeit moderner Großstädte

Alexander S. Kekulé

In New York City kam diesen Sommer alles Schlechte von oben. In der zweiten Augusthälfte fielen monsunartige Regengüsse. Dann wurde die Metropole von einer Mückenplage heimgesucht, die selbst die im Umgang mit bugs hartgesottenen New Yorker in den Wahnsinn trieb. Viele mussten wegen "Moskitophobie" psychiatrisch behandelt werden. Schließlich fielen im Central Park die Krähen von den Bäumen, verendet an einer unheimlichen Virusinfektion. Und jetzt dröhnen Tag für Tag die aus Vietnam bekannten Militärhubschrauber durch die Häuserschluchten und nebeln die Zwanzig-Millionen-Stadt mit süßlich stinkendem Insektengift ein.

Schuld an dem Ausnahmezustand ist das West-Nil-Virus, das eine seltene Form der Hirnentzündung bei Menschen und Vögeln bewirken kann. Ähnlich wie Gelbfieber, das kürzlich einen unter Ebola-Verdacht im Virchow-Klinikum eingelieferten Kameramann das Leben gekostet hat, wird das West-Nil-Fieber von Stechmücken übertragen. Doch führt die Erkrankung nur selten zum Tode, in New York sind nach offiziellen Angaben bisher fünf Menschen daran gestorben.

Trotzdem ließen die nächtlichen Attacken der Blutsauger die gepeinigten Großstädter spüren, wie schlecht selbst US-Behörden auf biologische Gefahren vorbereitet sind. Da das West-Nil-Fieber bisher nur in heißen Regionen Afrikas, Asiens und Südeuropas vorkam, hielt man eine Ausbreitung an der Ostküste der USA schlicht für unmöglich. Prompt stellte das nationale Gesundheitszentrum CDC (Centers for Disease Control and Prevention) in Atlanta zunächst die falsche Diagnose "St.-Louis-Enzephalitis". Diese Krankheit ist jedoch für Vögel ungefährlich, weswegen das Massensterben der Krähen in den Stadtparks und die verendeten Flamingos, Kormorane und Pfaue in den zoologischen Gärten eine andere Ursache haben mussten. Das Mysterium wurde erst aufgeklärt, als eine hartnäckige Tierärztin aus dem Zoo im New Yorker Stadtteil Bronx Gewebeproben verstorbener Vögel an das Forschungsinstitut der U. S. Army in FortDetrick schickte. Bereits nach 24 Stunden hatten die Spezialisten in der von Gerüchten umwobenen Gralsburg der biologischen Kriegführung das Problem geknackt - und die zivile Gesundheitsbehörde der USA gründlich vorgeführt.

Als erste Reaktion gab die Regierung der USA das letzte Drittel der 120 Millionen Dollar frei, die in diesem Jahr für das CDC-Programm zur Verbesserung der Gesundheitsüberwachung und -aufklärung vorgesehen waren. Ziel ist unter anderem die Koordination der nationalen und kommunalen Maßnahmen beim Auftreten ungewöhnlicher, importierter Krankheitserreger. In Deutschland, wo sich die schlechte Vorbereitung auf gefährliche Infektionen zuletzt bei dem vermeintlichen Ebola-Verdachtsfall offenbarte, steht für entsprechend aufwendige Programme kein Geld zur Verfügung.

Dabei zeigt gerade der jüngste Ausbruch in New York, wie unberechenbar exotische Krankheitserreger sind, wenn sie in die zivilisierte Welt verschleppt werden. Bis heute ist unklar, woher das tropische West-Nil-Virus kam und warum es sich ausgerechnet in einer Großstadt so effizient vermehren konnte. Zunächst hatten zynische Kommentatoren die Futternäpfe verwöhnter Schoßtiere der feinen Upper East Side im Verdacht, die Nistplätze der Mückenlarven zu sein.

Weniger harmlos ist die Vermutung des Szeneblatts "The New Yorker", das diese Woche eine Drohung Saddam Husseins aus dem Jahre 1997 zitiert, die Feinde Iraks eines Tages mit dem West-Nil-Virus zu vernichten. Tatsächlich geben beteiligte Wissenschaftler hinter vorgehaltener Hand zu, dass bei den Nachforschungen auch die Möglichkeit eines bioterroristischen Anschlages geprüft wurde. Allerdings fanden sich für ein biologisches Manhattan-Projekt nicht die geringsten Hinweise.

Die mysteriöse Krankheit, die in der westlichen Hemisphäre bisher noch nie aufgetaucht ist, wurde am ehesten per Flugzeug, von einer Mücke oder einem infizierten Vogel in die Neue Welt eingeschleppt. In der weitverzweigten, feuchtwarmen Kanalisation des Big Apple, in der hartnäckigen Gerüchten zufolge gar weiße Krokodile hausen sollen, fanden die blutsaugenden Quälgeister ideale Brutbedingungen. Es ist daher zu befürchten, dass New Yorks neuester bug auch im nächsten Sommer von sich reden machen wird. Derzeit beschäftigt die Boulevardblätter jedoch noch die wichtige Frage, welches "M" schlimmer ist: die Moskitos oder das Insektizid Malathion, das den berühmten Duft der Großstadt so nachhaltig verdorben hat.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jacqueline Peyer

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