Gesundheit : „Der freie Wille ist eine Illusion“

Der Mensch denkt, das Hirn lenkt: Warum die Neuronen uns einen Tick voraus sind

Bas Kast

„Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen“, sagte Einstein. „Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will, und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?“

Einstein war Theoretiker. Die allgemeine Relativitätstheorie, die er 1915 aufgestellt hatte, fand erst Jahre später, bei einer Sonnenfinsternis 1919, die erste Bestätigung. „Revolution in der Wissenschaft“ titelte damals die Londoner „Times“. Newtons Weltbild, die klassische Physik, wankte.

Erste empirische Bestätigungen für Einsteins Skepsis gegenüber dem freien Willen ließen noch viel länger auf sich warten. Inzwischen aber mehren sich die Befunde, die auch den freien Willen ins Wanken bringen. Sie kommen aus den Labors der Hirnforschung – und für einige der Experten kündigen auch sie bereits eine Revolution an.

Aus diesem Anlass veranstaltete die Wochenzeitung „Die Zeit“ am Montag in Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema „Hirnforschung und der Verlust des freien Willens“. Der Abend artete zu einer One-Man- Show des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth aus. Sein erster Satz in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften lautete schlicht: „Der freie Wille ist eine Illusion.“

Roths Beleg: Ein OP-Saal in Montreal, Kanada, Mitte des letzten Jahrhunderts. Ein Neurochirurg namens Wilder Penfield beugt sich über den offenen Schädel eines Epilepsie-Patienten und stimuliert mit Elektroden dessen Hirn; der Patient ist bei vollem Bewusstsein. Was sich wie Science-Fiction anhört, ist für den Chirurgen fast eine Routine-Untersuchung – in den 1940er und 50er Jahren operiert er Hunderte von Epileptikern. Mit seinen Elektroden sucht er nach dem „epileptischen Herd“: dem krankhaften Gewebeklumpen, von dem die epileptischen Gewitter im Gehirn ihren Anfang nehmen.

Irgendwann während der OP des epileptischen Mannes trifft der Chirurg mit der Reizelektrode auch das Hirnzentrum, das den Arm steuert – und der Arm des Mannes bewegt sich. Kurios fällt die Antwort aus, als Penfield den Mann daraufhin fragt, warum er denn gerade seinen Arm bewegt habe: „Weil ich es wollte!“, sagt der Mann.

Befunde wie diese sind ein gefundenes Fressen für Roth. Seiner Meinung nach ist nicht nur der freie Wille eine Illusion. Auch die Vorstellung, wir könnten vernünftige Erklärungen für unser Verhalten ablegen, sei eine Täuschung. Wir meinen zwar zu wissen, warum wir etwas tun, sagt Roth, aber in Wahrheit tappen wir im Dunkeln.

Seine Begründung: Die Entscheidungen für unsere Handlungen stammen aus dem Unbewussten. Weil das aber per definitionem inkognito arbeitet, bleibt es unserem Bewusstsein verborgen, dass eigentlich das Unbewusste „der Chef ist“, wie Roth sagt. In seiner Verblendung schreibt das bewusste Ich, nicht ganz frei von Größenwahn, „alles sich selbst zu“.

Wir wollen, was wir tun

Eine weitere Bestätigung für Roths Theorie stammt aus den 1970er Jahren. Damals startete der Neuropsychologe Benjamin Libet von der Universität von Kalifornien in San Diego eine Serie von spektakulären Experimenten, die unsere herkömmliche Vorstellung von Wille und Handlung auf den Kopf stellen. Intuitiv gehen wir davon aus, dass wir zuerst eine Entscheidung für eine Handlung treffen, um danach diese Handlung auszuführen. Libet entdeckte, dass es sich genau umgekehrt verhält.

Der Neuropsychologe bat Versuchspersonen, ihre Hand zu einem frei gewählten Zeitpunkt zu bewegen. Währenddessen blickten sie auf eine Art Uhr: Die Probanden sollten sich genau merken, zu welchem Zeitpunkt sie sich für ihre Bewegung entschieden. Gleichzeitig registrierte Libet die Hirnaktivität der Probanden. Das erstaunliche Resultat: 350 Millisekunden bis 400 Millisekunden vor dem Entschluss, die Hand zu bewegen, zeigte sich bereits Aktivität in dem Hirnbereich, der die Hand steuert. Ein Ergebnis, das dem Neuropsychologen „unglaublich peinlich“ war, wie Roth sagt, der den Forscher persönlich kennt. „Schließlich wollte er mit seinem Experiment gerade den freien Willen experimentell nachweisen.“

Stattdessen musste der Forscher an der amerikanischen Westküste feststellen, dass wir unserem Hirn hinterherhinken: Fast eine halbe Sekunde, nachdem sich das Hirn auf die Bewegung vorbereitet hat, kommen wir offenbar erst auf den Gedanken, unsere Hand zu bewegen. „Wir tun nicht, was wir wollen“, bringt es der Münchner Psychologe Wolfgang Prinz auf den Punkt, „sondern wir wollen, was wir tun.“

Mit ihren pikanten Vorstellungen befinden sich Roth und Prinz in guter Gesellschaft. Auch der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, Wolf Singer, glaubt, dass sich unsere herkömmliche Vorstellung vom freien Willen nicht mehr lange halten wird. Singer war bei der Diskussion zwar nicht dabei – aber seine Thesen dafür umso mehr. Der Forscher hält den freien Willen für ein „soziales Konstrukt“. „Tu dies, sonst passiert das“, sagt Singer – so klinge die Methode, mit denen wir unsere Kinder erziehen. Damit werde uns schon in jungen Jahren suggeriert, dass wir uns „auch anders hätten entscheiden können“. So entstehe allmählich die Vorstellung eines freien Willens in unserem Kopf.

Wenn es in Wahrheit aber keinen freien Willen gibt, sagt Singer, dann wird auch das in unserer Kultur tief verwurzelte Konzept von Schuld und Sühne nicht so bleiben, wie es ist. Verbrecher könnte man nicht mehr „bestrafen“, es gebe keine „Schuld“ mehr. Allerdings, räumt Singer ein, müssten wir uns schließlich auch in Zukunft vor Verbrechern schützen. An der juristischen Praxis würde sich also kaum etwas ändern. Dafür wäre die Sichtweise eine andere: Wir würden etwa nicht mehr von „Strafmaß“, sondern von „Schutzmaß“ sprechen.

Verzicht auf Quantenmechanik

Angesichts dieser Ideen fragte der Chef der „Zeit“-Wissenschaftsredaktion und einer der Moderatoren der Diskussion, Andreas Sentker, den Rechtsexperten der Runde, ob sich auf dem Gebiet der Juristerei schon etwas geändert habe in den letzten 20 Jahren. „Nein“, meinte Klaus Günther von der Universität Frankfurt.

Und auch Günther glaubt nicht, dass sich viel ändern wird. Stattdessen beobachtet der Jurist in der Geschichte immer wieder „Wellen, in denen das Schuldprinzip in Frage gestellt wird“. So etwa in den 1920er Jahren, als, geprägt von Darwin, der Geist der Genetik in die Rechtsprechung einrückte – plötzlich hatten auch die Erbanlagen einen Einfluss auf unser Verhalten.

Vielleicht liegt da eine Parallele zur Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts: Wenn ein Architekt eine Brücke baut, tut er gut daran, auf die Quantenmechanik zu verzichten. Er hält sich an klassische Physik. Wenn man auf das System Hirn guckt, dann verhält es sich so komplex, als hätte es einen freien Willen. Vielleicht tun wir uns deshalb so schwer, in der Praxis auf die Idee der Willensfreiheit zu verzichten – was auch immer Roth und seine Kollegen uns sagen.

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