Gesundheit : Der Kuckuck legt gefärbte Eier in fremde Nester und verstellt die Stimme - mit Erfolg

Matthias Glaubrecht

Jahr für Jahr wiederholt sich das Drama, nachdem die Tiere Anfang Mai in ihr heimisches Sommerquartier zurückgekehrt sind. Kaum hat das Singvogelweibchen seine Eier gelegt und für einen Moment das Nest verlassen, da frisst der Kuckuck in Sekundenschnelle ein Ei aus dem Gelege des Wirtes und schmuggelt dafür sein eigenes hinein. Das "Brutverhalten" des Kuckucks, das eigentlich gar keines ist, steht für Schmarotzertum par excellence.

Selbst schuld, meinen einige Vogelforscher. Vermutlich haben die heutigen, meist kleineren und agileren Wirtsvögel wie Sumpf- und Teichrohrsänger, Gartenrotschwanz, Bachstelze oder Zaunkönig dem stammesgeschichtlich viel älteren Kuckuck vor Millionen Jahren, als sich Singvögel ausbreiteten und immer arten- und zahlreicher wurden, schlicht die Nahrung weggefuttert. Wie auch der Kuckuck, lieben Singvögel eiweißreiche Insektennahrung. Da die wendigen Singvögel diese beliebte Speise dem Kuckuck buchstäblich vorm Schnabel wegfingen, musste der sich nach einer anderen Eiweißquelle umsehen, um seinen eigenen Nachwuchs durchzubringen.

Weil Kuckucke begannen, die Eier der Singvögel zu stibitzen, kamen sie irgendwann auch auf den Trick mit dem Brutschmarotzertum. Erst stahlen sie ein Ei aus dem Nest der Singvögel. Dann mogelten sie den Beklauten auch noch das eigene Junge zur Aufzucht mit insektenreicher Nahrung unter.

Bislang rätseln die Forscher allerdings noch, warum die Wirte im evolutiven Wettrüsten mit dem Schmarotzer nicht gelernt haben, sich gegen dessen Mogelpackung zu wehren. Vielfach merken es die Wirtsvögel gar nicht, dass ihnen ein Kuckucksei untergeschoben wurde. Kuckucke parasitieren jeweils ganz bestimmte Vogelarten und wissen ihr Ei in Form und Färbung dem ihrer jeweiligen Lieblingswirte anzupassen.

So legt ein Kuckuck, der Gartenrotschwänze als Wirte bevorzugt, meist glänzend grünlichblaue Eier; in den Nestern von Teichrohrsängern sind es dagegen weiße Eier mit olivbraunen Flecken. Und selbst wenn ein Wirtsvogel das Ei des Kuckucks tatsächlich einmal bemerkt, wird er das Nest eher ganz verlassen als zu versuchen, das eine Ei wieder hinaus zu befördern. Denn die Wirte könnten dabei leicht das falsche Ei aus dem Gelege picken - und so den eigenen Nachwuchs statt des Schmarotzers rauswerfen.

So täuschend ähnlich die Kuckuckseier denen der Wirtsvögel sind, so gänzlich anders als seine Wirte sieht der Jungkuckuck selbst aus. Doch das scheint die Adoptiveltern nicht zu stören. Offenbar gilt bei ihnen: Gefüttert wird, was im Nest sitzt und den Rachen aufsperrt.

Vogelforscher nehmen inzwischen an, dass Singvögel im Verlauf der Evolution deshalb kein Abwehrverhalten entwickelt haben, weil für sie die Gefahr eines Fehlers schwerer wiegt als gelegentlich vom Kuckuck parasitiert zu werden. Und das, obgleich beispielsweise beim Teichrohrsänger in bestimmten Regionen und Jahren bis zu einem Viertel aller Nester vom Kuckuck erobert werden.

Singvögel, die erstmals brüten, prägen sich das Aussehen ihrer Jungen ein. Wenn sie dabei unglücklicherweise an einen Jungkuckuck geraten und gleichsam auf diesen fehlgeprägt werden, würden sie fortan immer die eigenen Jungen ablehnen. Da ihr Fortpflanzungserfolg dadurch insgesamt niedriger ausfällt als der von Wirtseltern, die einen Jungkuckuck im Nest tolerieren, ließ die Evolution möglicherweise keine wirksame Abwehrstrategie der Singvögel zu. Mehr noch: Einmal im Nest seiner Wirte geschlüpft, übt der Jungkuckuck auf seine unfreiwilligen Adoptiveltern eine geradezu magische Anziehungskraft aus. In einem trickreichen Freilandexperiment haben Forscher um den Cambridger Vogelkundler Nicholas Davies kürzlich entdeckt, dass der Jungkuckuck die fütternden Singvögel weniger durch sein überproportionales Aussehen - wie zuvor angenommen - als vielmehr durch lautstarke Bettelrufe beeindruckt.

In einem von Teichrohrsängern besiedelten Sumpfgebiet bei Cambridge tauschte Davies im Nest der Rohrsänger zeitweilig jeweils eine junge Amsel oder eine junge Singdrossel gegen die arteigene bettelnde Brut aus. Die Rohrsänger fütterten auch diese neuen Pflegekinder, ganz so als ob die Drossel nun ein Jungkuckuck im Nest wären. Allerdings brachten die Rohrsänger kaum mehr Nahrung herbei als für einen der eigenen Jungvögel, obgleich eine Jungdrossel ebenso wie ein Jungkuckuck bedeutend größer und schwerer ist und daher auch nach mehr Futter verlangt.

Wieviel Futter die Wirte heranschleppen müssen, beurteilen diese normalerweise nach der Gesamtfläche der aufgesperrten Schnäbel und nach der Intensität der Bettelrufe ihrer Jungen. Da weder Drossel noch Kuckuck die passende Rachenzeichnung aufweisen, die bei Teichrohrsängern wie auch bei anderen Vögeln die Fütterung auslöst, sind es vor allem akustische Reize, die die Wirte dennoch veranlassen, unermüdlich Nahrung herbeizuschaffen.

Der Jungkuckuck muss sich dafür allerdings ordentlich ins Zeug legen, wie das Team um Davies dann in mehreren Forschungsarbeiten herausfand. Denn mit seinem Geschrei imitiert der Schmarotzer im Nest auf höchst geschickte Weise die gesamte Brut eines Wirtsvogels. Die hat er zuvor höchstselbst aus dem Nest geworfen, um die ungeteilte Fürsorge der Eltern zu erlangen. Nur so kann sich der viel größere Jungkuckuck ausreichend Verpflegung sichern. Mit einem hektischen, hohen Gezirpe, das wie "si, si, si, si" erklingt, täuscht er den Wirtseltern vielschnäbeligen Nachwuchs vor.

Sonographische Aufzeichnungen zeigen, dass dieser Bettelruf des Kuckucks zwar keineswegs dem heiseren Gepiepse eines einzelnen jungen Teichrohrsängers ähnelt, wohl aber dem Spektakel in einem vollbesetzten Nest, wenn ein Elternvogel mit Futter naht. Weil er oft wie für vier oder fünf bettelt, erschallt das Konzert des Kuckucks wie ein ganzes Nest voller Teichrohrsänger. Er "überredet" seine Gasteltern auf diese Weise wieder und wieder zur Fütterung, obgleich er doch überhaupt nicht wie diese selbst aussieht.

Sogar von Bettelrufen vom Band ließen sich die Teichrohrsänger täuschen. Als Davies Lautsprecher an jenen Nestern platzierte, in die er zuvor junge Drosseln eingesetzt hatte, und dann den penetranten Bettelgesang des Jungkuckucks abspielte, fütterten die Zieheltern auch hier - animiert vom hungrigen Gezeter - doppelt soviel Nahrung wie ohne diesen akustischen Ansporn. Was ihnen an Aussehen fehlt, machen die Brutparasiten also durch akustische Täuschung mehr als wett. Auch Schmarotzen will eben gekonnt sein.

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