Gesundheit : Der Papa-Effekt

Mütter erleben die Geburt positiver, wenn der Partner dabei ist. Doch die Väter brauchen eine gute Vorbereitung

Adelheid Müller-Lissner

„Der müsste mir doch jetzt um den Hals fallen“, dachte sich der junge Gynäkologe, als er einen Vater nach der Geburt dessen ersten Kindes im Kreißsaal beglückwünschte. Er hatte den Mann wenige Stunden zuvor ermuntert, die Geburt dort mitzuerleben. Es war dann eine „Bilderbuchentbindung“ ohne jede Komplikation geworden. War der junge Vater unter diesen Umständen nicht glücklich, dabei gewesen zu sein? „Na ja, Herr Doktor, war mal was anderes“, lautete der coole Kommentar des Mannes.

Dieses „andere“ mitzuerleben, ist inzwischen für Männer ganz üblich geworden. Eine Statistik, wie viele es mittlerweile in Deutschland sind, gibt es nicht. In Großbritannien nehmen heute 86 Prozent der Kindsväter an der Entbindung teil. Bei Vätern, die mit der werdenden Mutter zusammenleben, sind es sogar 93 Prozent. Diese Zahlen, die Duncan Fisher von der Organisation „Fathersdirect“ bei einem internationalen Symposium zur „Bedeutung des Vaters rund um die Geburt“ am letzten Wochenende nannte, dürften in etwa den deutschen Verhältnissen entsprechen.

Am Tempelhofer St.-Joseph-Krankenhaus, wo die Tagung stattfand, hat man sich das Ziel gesetzt, noch mehr Männer zu erreichen. Dass sie ihm nach der Geburt ihrer Kinder um den Hals fallen, erwartet Michael Abou-Dakn, Chefarzt der dortigen Gynäkologie und Geburtshilfe, inzwischen nicht mehr. Als Erfolg sieht er es jedoch, dass in den letzten beiden Jahren dort 95 Prozent der Väter an der Geburt ihres Nachwuchses teilgenommen haben. Für väterliches Engagement taugt der Namensgeber der Klinik durchaus als Vorbild: War der soziale Vater des Jesuskindes doch vielleicht sogar der Einzige, der dabei war, als Maria ihren Sohn unter wenig komfortablen Bedingungen in einem Stall gebar.

Das ist in der geburtshilflichen Abteilung eines modernen Krankenhauses natürlich anders: Die werdenden Väter, die seit Ende der1970er Jahre in zunehmender Zahl im Kreißsaal das freudige Ereignis miterleben, sind dort Laien inmitten eines professionellen Teams. Ein Mann, der seine Rolle „gut“ ausfüllen will, erwartet – ebenso wie sein soziales Umfeld – meist von sich, dass er seine Partnerin in diesen schweren Stunden begleitet - und dass er sich selbst die wichtige Erfahrung nicht entgehen lässt.

Inzwischen hört man auch kritische Stimmen, die mit Verweis auf andere Kulturen und hiesige Traditionen bezweifeln, dass Männer überhaupt als hilfreiche Begleiter für den Kreißsaal taugen. Ist dieser Beistand nicht eher Frauensache, eine Aufgabe für die beste Freundin oder für die Mutter der Schwangeren?

Harte wissenschaftliche Daten dazu, was es „bringt“, wenn der Vater dabei ist, sind noch dünn gesät. Einige wurden bei der Tagung vorgestellt. So ergab eine Längsschnittstudie der Uni Düsseldorf, dass es nicht nur die jungen Väter selbst, sondern auch ihre Partnerinnen im Rückblick als positiv sehen, wenn die Männer bei der Geburt ihres ersten Kindes dabei waren. Außerdem waren die Väter, die die Geburt miterlebt hatten, in den Monaten danach deutlich mehr in der Säuglingspflege engagiert und hatten mehr Körperkontakt zum Neugeborenen.

Gegen einen Druck auf die Männer, im Kreißsaal unbedingt anwesend sein zu müssen, wandte sich auf der Tagung der Gesundheitswissenschaftler Raimund Geene, der an der Uni Magdeburg im Studiengang „Angewandte Kindheitswissenschaften“ tätig ist. „Die Frage ist doch: Wer kann die Gebärende am besten unterstützen? Das muss nicht unbedingt der Vater sein.“

Matthias David von der Klinik für Geburtsmedizin der Charité Campus Virchow sieht zudem die Gefahr, dass heute beide Partner unter Druck stehen könnten, eine „schöne“ Geburt zu erleben. Wenn ihre Partnerin leidet, fühlen die Männer sich dann leicht hilflos. Mit messbaren Folgen: Wie eine noch unveröffentlichte Studie von der Uni Greifswald ergab, steigt der Schmerzmittelbedarf, wenn die Väter im Kreißsaal dabei sind.

Mit dabei sind zunehmend auch die Männer mit türkischem Migrationshintergrund. In der Geburtshilfe der Charité Campus Virchow wurde in den Jahren 1994/95 und 2006 jeweils bei 1000 aufeinanderfolgenden Geburten erfasst, wer die werdende Mutter in den Kreißsaal begleitete. In den 90ern unterstützte dort nur eine Minderheit der türkischstämmigen Männer ihre Frauen. Heute kommen zwei Drittel der Väter dieser Gruppe mit. Allerdings werden sie oft von weiblichen Familienmitgliedern begleitet und bleiben nicht die ganze Zeit.

David sieht es als Ergebnis eines transkulturellen Anpassungsprozesses, dass die Familien sich neben der traditionellen Begleitung durch Mutter, Schwester oder Schwägerin auch zugleich für die in Deutschland übliche durch den Kindsvater entscheiden. Viele türkische Männer sehen ihre Aufgabe der Studie zufolge dabei auch im Dolmetschen.

Gegen die Befürchtung, im Kreißsaal nur „dumm herumzustehen“ – und gegen einige weitere Ängste –, hilft es möglicherweise, wenn auch die Väter an den Geburtsvorbereitungskursen teilnehmen. Dabei geht es um weit mehr als um das oft karikierte Erlernen der richtigen Atemtechnik für die Austreibungsphase.

Die Geburtsmediziner Achim Wöckel und Michael Abou-Dakn vom St.-Joseph-Krankenhaus haben sich dafür interessiert, ob es sinnvoll sei, die Geschlechter während der Kurse zeitweise zu trennen. Nach dem Zufallsprinzip haben sie zwei Gruppen gebildet. Bei 90 von insgesamt 170 Paaren, die an einem solchen Kurs teilnahmen, wurden die Männer für eine Stunde in einen eigenen Raum geholt, wo ein männlicher Gynäkologe mit ihnen ins Gespräch kam. Die anderen Paare blieben in dieser Zeit zusammen.

In der Männerrunde wurden ähnliche Informationen vermittelt wie in der Paare-Gruppe, zusätzlich ging es aber auch um die eigene zukünftige Rolle und um Ängste angesichts der bevorstehenden Entbindung. Drei Monate nach dem großen Ereignis bewerteten die Männer, die bei der Vorbereitung eine Weile unter sich gewesen waren, die Zeit im Kreißsaal deutlich positiver. Ihre Frauen gaben zudem an, sie hätten sich besser unterstützt gefühlt. „Ein gut vorbereiteter Mann kann die Geburt nachhaltig positiv erleben und der Partnerin ein besserer Begleiter sein“, erklärt Wöckel. Zudem bringe es Vorteile, wenn die Männer zeitweise unter sich blieben.

Von guten Erfahrungen mit zwei- bis dreistündigen Veranstaltungen nur für werdende Väter berichtete auch Eberhard Schäfer vom Papa-Institut Berlin und von Mannege e. V., Mitinitiator der Tagung. Um Männer ins Gespräch zu bringen, müsse man einfach anders arbeiten, „lösungs- statt problemorientiert“. Also ziemlich genau so, wie der heilige Joseph seinerzeit auf eigene Faust gehandelt haben muss.

Mehr Infos unter:

www.papa-institut.de

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