Gesundheit : Die Mega-Meta-Disziplin: Die Großerzählungen sind verstummt

Ulrich Deuter

Als man in den siebziger Jahren entdeckte, dass Hochkultur undemokratisch und Alltagshandeln semantisch geheimnisvoll ist, hatte das massenhaft Bindestrich-Kulturen und "Kultur für alle" zur Folge: Alles ist Text, Bild-Zeitung wie Bachmann-Gedicht, alles Performance, die Schaubühne wie der Schulunterricht. Die wissenschaftliche Antwort darauf war "Kulturwissenschaft" - Erlösung von den alten, in der Pop-Ära irgendwie lächerlich gewordenen Philologien. Und seit "Gesellschaft" sich in Individuen verflüchtigt hat, die sich zu temporären Mustern formen, sollte Kulturwissenschaft auch hier eine Art Spürhund sein. Obwohl ihrem Selbstverständnis nach scheinbar die Mega-Meta-Disziplin, konnte sie jedoch nur eines unter vielen flachen Objekten in der Zweidimensionalität der Postmoderne werden, auf deren unendlicher Ebene alles gleichberechtigt nebeneinander dahingleitet.

Das könnte sich ändern. Ausgerechnet in einer Region, die nie den Eindruck der Avantgarde vermittelte, arbeitet ein Institut an der Rückgewinnung der Dritten Dimension: das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen. Es ist elf Jahre alt - eine Zeit, über die man schon Bilanz ziehen kann. Eigentlich ein Haus für Advanced Studies nach dem Vorbild Princeton in USA und ähnlich dem Wissenschaftskolleg zu Berlin, baut das "KWI" einen Turm wieder auf, der wegen mangelnden Fundaments auf den Haufen der Geschichte gekippt war: den des gesellschaftlichen Sinns.

Schon die ersten Projekte hatten in diese Richtung gedeutet, als Gründungspräsident Lutz Niethammer erstmals in Deutschland umfassende und vor allem interdisziplinäre Forschungen zu Erinnerung und Gedächtnis initiierte; damals ein kaum greifbares, heute ein Standardthema im Banne der Jahrtausendwende. Der jetzige KWI-Leiter Jörn Rüsen, wie Niethammer Historiker, baut weiter in diese Richtung. Unter seiner Leitung untersucht eine Studiengruppe langfristig "lebens- und handlungsleitende Sinnstrategien", ja entwickelt Sinnkonzepte - Ersatz für die verstummten Master Narratives.

Die letzten dieser Großerzählungen, mit denen sich Gesellschaften im empirischen Chaos der Welterfahrung einrichten, dürfte "68" gewesen sein, vielleicht noch "Ökologie". Da die Globalisierung aber nicht eine Gesamtkultur, sondern immer mehr regionale Einzelkulturen hervorbringt, wird die Notwendigkeit der Vermittlung drängend. Die Erosion ist in den USA bereits fortgeschritten, Feministinnen, Latinos, Transsexuelle, Indianer, orthodoxe Juden beanspruchen jeweils für sich eine eigenständige Historie und Weltdeutung. Auch bei uns können türkische Immigranten weder "1848" noch den Holocaust zu ihrer Identität verrechnen. Gleichzeitig prallen in Europa neonationale und transnationale Staaten aufeinander, während im Weltmaßstab nah- und fernöstliche Länder die Gültigkeit von Universellem als westliche Ideologie negieren.

Droht der Clash of Civilizations? Rüsen, der zuvor schon das Bielefelder "Zentrum für interdisziplinäre Forschung" leitete, hegt Zuversicht. Und will die Postmoderne postmodern überlisten: "Ich glaube durchaus an die Möglichkeit der Meistererzählungen. Nur müssen sie völlig anders aufgebaut und auch in der Erzählpraxis anders sein." Nämlich vielstimmig. Da es die unterschiedliche Semantik ist, die trennt, komme es zunächst auf deren Erforschung an. Sodann müsse interkulturell Gemeinsames gefunden werden. Dies existiere, so Rüsen, in Strukturen: "Es gibt kulturübergreifende Universalien", glaubt Rüsen. "Etwa dass Menschen sich Geschichten erzählen müssen, um zu wissen, wer sie und wer die anderen sind. Und dass sie sich dabei bestimmter sprachlicher Strategien bedienen."

Aber ist die Annahme eines Universellen als solchem nicht bereits abendländische Anmaßung? Rüsen sagt: Nein. In jeder Kultur keime das Universelle, es werde sichtbar in der Entwicklung zur Hochkultur. Ob diese lediglich strukturelle Gemeinsamkeit akzeptiert oder erneut als eurozentristisch zurückgewiesen wird, muss sich zeigen; bisher haben im Kulturwissenschaftlichen Institut überwiegend westliche Wissenschaftler miteinander geforscht.

Unabhängig davon aber ist die Kategorie Sinn für Kulturwissenschaft überhaupt konstitutiv. Denn will diese nicht in einem uferlos gewordenen Kulturbegriff untergehen, muss sie sich von anderen Feldern wie Politik, Gesellschaft, Umwelt unterscheiden. Willkommenes Kriterium ist da der von Religion und Philosophie freigegebene "Sinn". Rüsens Ziel: eine allgemeine Theorie der Bildung von Sinnkonzepten; Verschmelzung aller kulturwissenschaftlichen Ansätze zu einer historischen Anthropologie. Eine ehrgeizige Perspektive; "Identität" ist der Leitfaden, der sich durch dieses Sinn-Bild zieht, an dem die diversen Projekt- und Studiengruppen des KWI emsig weben.

Alle Arbeitstagungen sind interdisziplinär angelegt, sie widmen sich Themen wie "Gibt es eine Politik der Wahrheit - nach Lenin?" (2. bis 4. Februar), "Sinn und Orientierungskonzepte in der Antike" (22. bis 24. Februar) oder "Utopisches Denken" (1. bis 3. März). Die Summe der Publikationen des Hauses ist nicht einmal mehr der Geschäftsführung bekannt. Das KWI bietet den Fellows ein Jahr lang Tisch, Bett und volle Bezahlung, ein Fahrer bringt die benötigte Literatur aus den umliegenden Universitäten. Nicht nur, aber auch illustre Namen der Scientific Community wie Micha Brumlik, Paul Ricoeur, Norbert Bolz, Karl-Otto Apel hinterließen ihre Spuren. Die Forschungsgruppen, die das Institut auflegt und mit seinem Jahresetat von 3,5 Millionen Mark aus Mitteln des Landes NRW alimentiert, beziehen ihre Themen und Personen aus dem Wissenschaftsbetrieb, doch oberster Index ist "Gegenwart" und damit "die Frage: Müssen wir das momentan wissen?" wie Rüsen es ausdrückt.

Es scheint, als sei dem KWI der Spagat zwischen wissenschaftlicher Distanz und zeitgenossenschaftlicher Nähe zu Gesellschaftsproblemen bisher gelungen. Und trotz des Übergewichts von Ministern im Kuratorium des Wissenschaftszentrums NRW, der Dachorganisation, ist das KWI in der Wahl seiner Projekte (formal) frei: kein Think Thank der Regierung, wie Rüsen energisch klarstellt. Auch wenn manche Ministeriale in Düsseldorf es gern so hätten.

Seit dem Umzug vom idyllischen Baldeneysee in Innenstadtnähe 1997 stellt Rüsens Institut auch einen Faktor im Essener Kulturleben dar, besonders die Gespräche zwischen Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen erfreuen sich öffentlicher Beliebtheit: Ingo Schulze und Boris Groys, Jochen Gerz und Rüdiger Safranski, Herta Müller und Dan Diner trafen da schon aufeinander. Mit dieser Reihe der "Korrespondenzen" zwischen Kunst und Wissenschaft betritt das KWI ein heikles Terrain. Denn mit der Auflösung der alten Philologien im Becken der Kulturwissenschaft sind auch die alten Untersuchungsgegenstände aus dem Blick geraten: die Künste. So hat der genuine Geltungsanspruch des Ästhetischen auch am KWI kaum einen geschützten Ort. Verschwindend wenige Projekte beziehen sich auf das Ästhetische als solches, ansonsten stellen die Künste für die Arbeit von Kulturwissenschaft und KWI Praxen des Kulturellen dar, Arsenale zur Bildung von Theorie, mehr nicht.

Das soll sich ändern. Einerseits durch den weltweit ausgeschriebenen "Kulturwissenschaftlichen Forschungspreis NRW", der mit einer Million DM dotiert und nun erstmalig vergeben ist, an den slowenischen Philosophen, (Anti-)Psychoanalytiker und intellektuellen Schlittschuhläufer Slavoj Zizek. Dessen Forschungsprojekt "Antinomien der postmodernen Vernunft" wird von dem Preisgeld die nächsten Jahre in dem Essener Institut arbeiten können. Zum andern ist, gemeinsam mit der Universität Herdecke, eine "Konstellation" aus Unternehmern, Wirtschaftswissenschaftlern, Künstlern und Kunstwissenschaftlern geplant, die die Schillersche Idee aufgreift, Kunst bilde eine Wahrnehmungskompetenz aus, die auch sonst relevant sei. Und das heißt hier: ökonomisch. Weil ein solches Vorhaben aber quer zu allen vertrauten Denkrichtungen liegt, wächst ihr aus dem akademischen Milieu Widerstand entgegen. Bis jetzt jedenfalls hat Rüsen bei den universitätsnahen Stiftungen noch keine Geldgeber gefunden.

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