Gesundheit : Die Mutter aller Seuchen

War die Pest doch nicht so gefährlich wie angenommen? Der Medizinhistoriker Manfred Vasold hat Zweifel

Jörg Kirchhoff

Der Tod nahm den Luftweg nach Europa. Flog im Jahre 1346 über die Mauern von Kaffa, einer genuesischen Kolonie auf der Krim. Seit Monaten rannten dort die Krieger der Goldenen Horde gegen die Stadt an. Als unter den Belagerern eine tödliche Krankheit ausbrach, ließ ihr Anführer die verseuchten Leichen in die Festung schleudern. Dort warf man die toten Tataren zwar umgehend ins Meer, doch zu spät: Die Pest war da. In Panik setzten die italienischen Kaufleute die Segel, flohen aus der Stadt – und nahmen die Seuche mit in ihre Heimat.

Wenige Jahre nach dieser frühen Form biologischer Kriegsführung hatte die Pest den meisten Schätzungen zufolge ungefähr ein Drittel der Bevölkerung Europas, rund 25 Millionen Menschen, dahingerafft. Immer wieder schlägt die Seuche zu: 1576 etwa sterben 46 000 Menschen in Venedig, 16 000 in Mailand; während des Dreißigjährigen Krieges gehen allein in Deutschland Hunderttausende elendig zugrunde. London verliert 1665 knapp 70 000 seiner Einwohner. Kaum eine Region bleibt verschont, bis sich die Pest Ende des 18. Jahrhunderts nach einer letzten schweren Epidemie in Moskau aus Europa verabschiedet.

Ihren Schrecken aber hat sie bis heute nicht verloren. Keine andere Krankheit hat sich derart tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben wie der schwarze Tod, die Mutter aller Seuchen. Zahllose Redensarten, Schauergeschichten und Heiligenlegenden erinnern uns an die Verzweiflung unserer Vorfahren im Angesicht der Plage.

Doch jetzt verkündet der Medizinhistoriker Manfred Vasold das Ende des Mythos Pest. In seinem kürzlich im Theiss-Verlag erschienen Buch will Vasold nachweisen, dass „die Verlustzahlen insgesamt weit geringer waren als bisher angenommen“. So gebe es insbesondere für die süddeutschen Städte keine oder nur unsichere Hinweise auf ein Massensterben um 1348/1350. Und dort, wo unstrittig ein Drittel oder gar die Hälfte der Bevölkerung der Seuche erlegen ist, in Italien oder England, sei dies wohl kaum der Pest allein zuzuschreiben, vielmehr müsse man an ein gleichzeitiges Auftreten von Milzbrand oder anderen Infektionskrankheiten denken. Auch die Ansteckungsgefahr sei nicht so hoch, wie oft angenommen werde.

Nun ist diese Skepsis, wie Vasold selbst einräumt, so neu nicht: Dass die überlieferten Zahlen vorsichtig behandelt werden müssen, ist ebenso bekannt wie die dürftige Quellenlage in einzelnen Gegenden. In der Forschung wird durchaus diskutiert, ob nicht auch andere Erreger, etwa Hanta- oder gar Ebolaviren, für die Epidemien verantwortlich waren. Und schon lange, bevor der Schweizer Tropenarzt Alexandre Yersin 1894 den Pestbazillus isolieren konnte, haben die Ärzte erkannt, dass der Umgang mit Pestkranken – entsprechende Schutzmaßnahmen vorausgesetzt – nicht zwangsläufig zur Ansteckung führen muss.

Aus diesen Umständen aber zu schließen, dass die Pest „zweifellos weniger schrecklich als bisher angenommen“ sei, ist dann doch etwas voreilig. Zumal Vasold nicht müde wird, die fürchterlichen Folgen der Krankheit zu schildern. Er berichtet von der Pest in Indien, wo allein 1903 rund 850 000 Menschen starben, erzählt von dem Wüten der Seuche in der Provence zwischen 1720 und 1722, als dort 120 000 Tote gezählt werden und die Leichen auf den Straßen von Marseille verrotten.

Die Machtlosigkeit der Medizin führte noch im 19. Jahrhundert zu gruseligen Verzweiflungstaten: Ärzte spritzten sich das Blut von Pestkranken, zum Tode verurteilte Verbrecher wurden in Ägypten mit dem Eiter aus aufgeplatzten Pestbeulen infiziert - erkrankt ist allerdings niemand, das Rätsel der Ansteckung blieb weiter ungelöst. Erst 1906 entdeckte der englische Insektenkundler Charles Rothschild, dass die Pest, ursprünglich eine endemische Erkrankung wildlebender Nagetiere, durch Flöhe auf den Menschen übertragen werden kann. Zwei bis sechs Tage nach dem Flohstich schwillt eine Lymphknotengruppe stark an - die berühmte Beule -, und ein großer Teil der an der Beulenpest Erkrankten stirbt an Erschöpfung, inneren Blutungen oder Herzversagen. Werden die Atmungsorgane befallen, kann sich Yersinia pestis, der Pestbazillus, auch durch Tröpfcheninfektion verbreiten. Dann spricht man von der Lungenpest. Und die verläuft unbehandelt fast immer tödlich.

Das alles wird detailreich, streckenweise auch spannend geschildert. Die angekündigte Mythenzertrümmerung jedoch bleibt aus. Nur halbherzig begründet Vasold seine Thesen, den zentralen Nachweis für eine niedrigere Zahl an Opfern liefert er nicht. Zudem vernachlässigt er die mentalen Auswirkungen der Seuche, die wesentlich zum dunklen Mythos der Pest beigetragen haben.

So erschütterte schon das große Sterben im 14. und 15. Jahrhundert das religiöse Denken: Der sanfte Tod, von Franz von Assisi noch als Schwester begrüßt, wandelte sich zum grausamen Schnitter; viele wandten sich von der Kirche ab, suchten Trost in hemmungslosen Ausschweifungen. Andere flehten um so inbrünstiger um den Beistand Gottes. Die Gesellschaft fiel über ihre Ränder her, Juden und Fremde wurden als angebliche Verursacher der Epidemie verfolgt. Einige Forscher, wie der amerikanische Historiker David Herlihy, halten den durch die Pest verminderten Austausch unter den europäischen Eliten gar für eine Ursache von Reformation und kulturellem Nationalismus.

Und heute? Ist die Pest überhaupt noch gefährlich? Schlagzeilenträchtige Tierseuchen wie etwa die gerade in Asien grassierende Geflügelpest werden durch Viren verursacht und haben mit der von Bakterien ausgelösten Krankheit der Menschen nichts zu tun. In Europa kommt die Pest nach Angaben von Günther Dettweiler, einem Sprecher des Berliner Robert Koch Institutes, „generell nicht mehr vor“. Der Weltgesundheitsorganisation werden jährlich rund 2500 Fälle – davon 180 tödliche – gemeldet, vorwiegend aus Zentralafrika, Südamerika und Südostasien. Die Sterblichkeit ist dank Antibiotika deutlich geringer als in vergangenen Zeiten.

Dennoch: ein terroristischer Anschlag hätte verheerende Folgen. Bei einem Planspiel im Jahre 2001 wären im amerikanischen Denver 84 Stunden nach einer fiktiven Freisetzung von Pestbakterien 950 Menschen gestorben – trotz aller medizinischen Bemühungen. Ein derartiger Angriff ist allerdings nur mit hoch spezialisiertem Fachwissen und entsprechender Ausrüstung denkbar. Der schwarze Tod wird also vermutlich eine historische Krankheit bleiben. Und ein Mythos wohl auch.

Manfred Vasold: Die Pest. Ende eines Mythos. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2003. 196 Seiten. Mit zahlreichen Farb- und S/W-Abbildungen. Subskriptionspreis bis 31. Januar 2004 24,90 Euro, danach 29,90 Euro.

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