Gesundheit : Die weißen Blätter von Pulow

Benedict Maria Mülder

"Clomazone sind der Renner im Raps", sagen Landwirtschaftsexperten. Weil der chlorhaltige Wirkstoff, wie er in drei Unkrautvertilgungsmitteln vorkommt, breitflächig das meiste Unkraut trifft. Über 900 000 Hektar Raps werden im Jahr in Deutschland angebaut und nach der Aussaat zumeist mit Clomazonen vor unliebsamer Konkurrenz geschützt.

Nachdem Anfang September 2001 über 100 Hektar Winterraps in der kleinen Gemeinde Pulow bei Usedom besprüht worden waren, geriet eines der clomazonehaltigen Mittel, Brasan vom Herstelle Syngenta Agro, wegen unerwünschter Nebenwirkungen in die Schlagzeilen.

Auf dem Nachbarfeld, das 5000 biologisch angebauter, bereits erntereifer Zitronenmelisse-Pfanzen enthielt, zeigten sich die Folgen zuerst: fast über Nacht war es durch Brasan weiß geworden. Dann fanden sich Spuren des Mittels in angrenzenden Gärten und später im Blut einer Frau mit Gesundheitsstörungen. Grippeähnliche Symptome, von Übelkeit bis zu Kopf- und Gliederschmerzen, Husten und Hautreizungen bei Kindern, traten bei Dutzenden von Anwohnern auf. Eine Folge von Clomazone?

Bis weit in den Oktober waren außerhalb des vom Hersteller verlangten fünf Meter breiten Sicherheitsabstandes bleichblättrige Überbleibsel zu sehen. Die ökologisch sensibilisierten und im Verein "Landwende" organisierten Anwohner und Bio-Bauern ("Kräutergarten Pommernland") machten gegen das Unkrautvertilgungsmittel so mobil, das neben dem Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), auch seine Berliner Amtskollegin Renate Künast (Bündnis 90/Grüne) und die zuständigen Bundesbehörden mit dem Thema befasst sind.

Für Brasan ist zwar die jüngste Aussaat des Winterraps die vorläufig letzte Saison, da die amtliche Zulassung Ende 2001 auslief, doch nachdem seine Wiederzulassung beantragt ist, stehen die beiden anderen clomazonehaltigen Mittel - Cirrus aus dem gleichen Haus und Nimbus von BASF - auch auf dem Prüfstand. Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig bereitet dazu für Mitte Januar ein Colloquium vor, an dem das Umweltbundesamt und das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) teilnehmen. Nach den Ereignissen in Norddeutschland muss nun der bislang als toxikologisch unbedenklich geltende Einsatz der Mittel neuerlich untersucht werden.

In Tierversuchen waren "Bewegungsstörungen und verminderte Aktivitäten, auch Ausfluß aus der Nase, erst nach erheblichen Clomazone-Konzentrationen, wie sie in der Praxis nie vorkommen", festgestellt worden, sagte ein Mitarbeiter des BgVV auf Anfrage. Raps überlebt die Clomazone-Kur dank einer erheblichen Chlorophyllsynthese, die über das Maß der konkurrierenden Pflanzen - es gibt mehr als 40 Unkrautarten - weit hinausgeht. Sie sterben, noch bevor der Sprössling durch die Ackerkrume bricht, gewissermaßen an Chlorophyllmangel.

Syngenta Agro wies im Falle Pulow, nachdem Wochen später Proben keine unmittelbaren Rückstände mehr aufwiesen, jeden Verdacht gegenüber seinem Produkt zurück. Es sei an und für sich nicht gefährlich, so Unternehmenssprecher Peter Hefner zum Tagesspiegel. Zwischen den gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Anwohnern und dem Herbizid bestehe kein ursächlicher Zusammenhang.

Immerhin, unabhängig von Pulow, waren insgesamt über 50 besorgte Clomazone-Anfragen aus ganz Mecklenburg-Vorpommern bei Landwirtschaftsminister Backhaus (SPD) eingegangen. Eine erste Anhörung im Oktober, so schrieb Renate Künast schließlich Ende November ihrem Amtskollegen, habe aber nicht abschließend klären können, "ob die Schäden auf eine nicht bestimmungsmäßige und nicht sachgerechte Anwendung oder auf den Wirkstoff Clomazone selbst zurückzuführen sind". Darauf konzentrieren sich jetzt die weiteren Untersuchungen.

Landwirtschaftsminister Backhaus sieht einen "nicht ordnungsgemäßen Gebrauch des Spritzmittels" als Grund für die Schäden an, während der Pulower Verursacher geltend machte, dass die Aufbringung des Mittels "sachgemäß" erfolgt sei. Genau das bereitet den Experten Kopfzerbrechen. Auch wenn Faktoren wie der Wind beim Versprühen eingerechnet werden, kann es selbst bei Windstille zu einer Abdrift kommen, weil die flüchtigen Clomazone bei Wärme schnell verdunsten. Der BgVV-Experte: "Sie dampfen in Zusammenhang mit warmen Temperaturen leicht und schnell ab", so dass sie andere als die ursprünglich vorgesehenen Flächen und möglicherweise auch Menschen erreichen.

Wenn aber selbst eine sachgerechte Anwendung gesundheitliche Störungen nicht ausschließt, ist die Behörde gezwungen "restriktiv einzugreifen". Zur Prüfung dessen, werden jetzt die Pulower Krankenakten ausgewertet. Neben den Wissenschaftlern sind auch Vertreter der "Landwende" zu dem Colloquium geladen. Schließlich geht es ihnen darum, so einer ihrer Sprecher, dass kleinparzellierte Ökobauern nicht von den alteingesessenen Agrarindustrien des Ostens untergebuttert werden.

Immerhin, den Kräuterbauern, denen ein Schaden von knapp 15 000 Euro entstanden ist, weil Brasan auch Melisse für törichtes Unkraut hielt, hat der Verursacher schon eine Entschädigung zugesichert. Syngenta Agro hofft hingegen darauf, mit "rigideren Anwendungsbestimmungen das minimieren zu können, was in Pulow und andernorts aufgetreten ist". Ob das ausreicht, müssen die Behörden entscheiden.

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