Gesundheit : Dozenten-Austausch: Es gibt ein Leben nach der Emeritierung

Thomas Veser

Besonders lange musste Professor Hartmut Fröschle nicht nach seiner neuen Wirkungsstätte suchen: Balaschow, mitten in der südrussischen Steppe bei Saratow, besteht nur aus einem modernen Zweckgebäude, das als Sitz einer Universität dient. Dort lehrte der emeritierte Literaturwissenschaftler im letzten Jahr ein Semester lang, im Herbst wird er dort erneut antreten.

Fröschle ist einer der knapp 200 Hochschullehrer, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) seit 1999 für mindestens ein Semester an Universitäten Ost- und Mitteleuropas vermittelt hat. Dieses ungewöhnliche Programm wurde initiiert von sechs deutschen Großstiftungen, darunter die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die jetzt mit den Dozenten Zwischenbilanz zog.

Vermittlungsprogramm des DAAD

Während DAAD und Hochschulrektorenkonferenz die Vermittlung an die einzelnen Hochschulen übernehmen, begleichen die Stiftungen die Kosten für den Auslandsaufenthalt. Hierfür steht ein gemeinsames Budget in Höhe von fünf Millionen Mark bereit. Je nach Land erhalten die Teilnehmer monatlich Aufwandsentschädigungen zwischen 2000 und 4000 Mark. Sollte sich der Austausch bewähren, will der DAAD die Vermittlung emeritierter Dozenten in sein eigenes Förderprogramm einbauen und finanzieren. Noch ist die Initiative zu jung, als dass man die Frage beantworten könnte, ob durch den Einsatz der Emeriti auf lange Sicht strukturelle Verbesserungen erzielt werden oder ob sich die ganze Mühe nicht letztlich als "Tropfen auf den heißen Stein" erweist, wie ein Teilnehmer befürchtete.

Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass der Fachkräftebedarf an mittel- und osteuropäischen Hochschulen, so der Sprecher der Stiftungsinitiativen Joachim Rogall (Robert Bosch Stiftung) "unermesslich" sei und der Stiftungsverbund "noch längst nicht alle an einem Austausch interessierten Emeriti erreicht hat".

Eine gehörige Portion Idealismus und der erklärte Wille, sich nach dem Berufsleben nicht sofort aufs Altenteil zurückzuziehen - das waren für die meisten Professoren die Gründe für ihr Engagement an; 40 Prozent der Vermittelten wählten Polen, auch Ungarn steht hoch im Kurs, an dritter Stelle kommt die Russische Föderation. Über sechzig Prozent bleiben oft erheblich länger als ein Semester. Der Marburger Germanist Peter Seidensticker, mit 77 Jahren Nestor der Gastprofessoren, hat sich gleich für einen zweijährigen Aufenthalt an der Universität von Zielona Gora (Grünberg) verpflichtet.

Seit Beginn steht die Vermittlung von Geisteswissenschaftlern an erster Stelle, dann folgen Medizin und Naturwissenschaften, Jura und Ingenieurwissenschaften. Auf Wirtschaftswissenschaftler, die an den Hochschulen der Transformationsländer besonders begehrt sind, kann der DAAD kaum zurückgreifen, da sie nach ihrer Emeritierung in der Regel lukrative Consulting-Tätigkeiten in der Privatwirtschaft übernehmen. Auch Frauen sind so gut wie nicht vertreten: Auf der 42 Namen umfassenden Liste fanden sich lediglich zwei Professorinnen, darunter die ursprünglich aus Ungarn stammende Literaturwissenschaftlerin Antonia Opitz (Leipzig), die ein Jahr lang an der Universität Budapest lehrt: "Meine Studierenden sind überwiegend dynamisch, aufgeschlossen und ergreifen immer öfter selbst die Initiative", berichtet Antonia Opitz, die im Gegensatz zu vielen Austauschdozenten den Trumpf der Zweisprachigkeit vorweisen kann. Deutsch hat in den meisten Transformationsländern als Unterrichtssprache zwar immer noch einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert, die jüngere Generation wendet sich jedoch immer stärker der Weltsprache Englisch zu.

Keine "Besserwisser"

Bemerkenswert hoch ist der Anteil an Dozenten, die schon zu DDR-Zeiten am akademischen Austausch mit sozialistischen Staaten mitgewirkt hatten, über langjährige Kontakte verfügen und die Landessprache beherrschen. Etliche der Austauschprofessoren, die schon lange in der Bundesrepublik leben, waren einstmals Bürger ost- und mitteleuropäischer Länder - und haben diese nicht ganz freiwillig verlassen. So etwa der Historiker Akos Paulinyi, den es an die Unversität von Miskolc (Nordungarn) zurückgezogen hat: "Jetzt sitze ich wieder in meinem Büro, aus dem man mich 1969 hinausgeworfen hat", berichtet Paulinyi, der an der TU Darmstadt lehrte.

Fast alle Dozenten bekräftigen, dass die Gastuniversitäten ihre Beiträge zum Neuaufbau und Wandel des mittel- und osteuropäischen Hochschulsystems gerne akzeptierten. Nur selten seien sie mit der Kritik konfrontiert worden, sie seien eine unerwünschte, möglicherweise "besserwisserisch" auftretende Konkurrenz.

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