Gesundheit : Drachenflieger

Chinesische Forscher entdecken einen Saurier mit vier Flügeln – er soll von Bäumen herabgesegelt sein

Henry Gee[London]

Chinesische Forscher haben einen Dinosaurier mit vier Flügeln entdeckt. Das rund einen Meter lange Tier namens Microraptor gui besitzt sowohl auf seinen hinteren Gliedmaßen und dem Schwanz als auch auf den Vorderextremitäten vogelähnliche Federn. Dieser Fund dürfte erneut Diskussionen um die Frage entfachen, wie die ersten Vögel fliegen lernten. Stiegen sie vom Boden auf oder ließen sie sich von Bäumen herabgleiten?

Xing Xu und seine Kollegen vom Institut für Vertebraten-Paläontologie und Paläoanthropologie in Peking fanden sechs Exemplare des neuen Dinosauriers, wie sie in der heutigen Ausgabe des Fachblatts „Nature“ berichten. Die Fossilien wurden in der Fossilienfundstätte der Liaoning Provinz im Nordosten Chinas entdeckt. Es wird vermutet, dass die Tiere zu einer neuen Art der bereits bekannten Gattung Microraptor gehören. Das Alter von Microraptor gui wird zwischen 124 und 145 Millionen Jahre geschätzt.

Die Forscher glauben, dass die Dinosaurier in Bäumen lebten und ihre zwei Flügelpaare nutzten, um mit gespreizten Gliedmaßen zwischen den Zweigen zu gleiten, etwa vergleichbar den Flughörnchen. Diese „fliegenden Eichhörnchen“ spannen eine Flughaut zwischen ihren Vorder- und Hinterbeinen auf und gleiten damit von Ast zu Ast. Sie sind allerdings mit Microraptor nicht verwandt.

Die neue Entdeckung wird sicherlich die immer noch währende Debatte über die Evolution der Vögel und den Ursprung von Federn und Fliegen anheizen. Sowohl Vögel als auch Säugetiere sollen von frühen Reptilien abstammen. Es ist jedoch nach wie vor offen, welche Gruppe ausgestorbener Reptilien die nächsten Verwandten der Vögel sind.

Dank der bemerkenswerten Funde, die nun hauptsächlich in der Laioning-Provinz in China gemacht wurden, stimmen viele Paläontologen überein: Die Vögel teilen die Abstammung mit den Dinosauriern, besonders mit kleinen Fleischfressern namens Dromaeosaurier. Sie gehören zusammen mit Tyrannosaurus und vielen anderen zu der großen Gruppe der Theropoden. Viele Theropoden trugen Federn, ähnlich denen heutiger Vögel, oder hatten federähnliche Strukturen, vergleichbar den Federn von flugunfähigen Vögeln wie dem Kiwi.

Die Theropoden waren zweifüßig und mit ihren langen Beinen gut an schnelles Rennen angepasst. Die Vorderextremitäten eigneten sich für andere Aufgaben, wie beispielsweise Beute greifen – oder tatsächlich zum Fliegen. So vertreten einige Wissenschaftler die Ansicht, dass sich die Vögel aus schnellen, zweibeinigen Läufern entwickelten. Sie gehen davon aus, dass Flügel die nötige Schubkraft liefern können, um vom Boden abzuheben. Kürzlich berichtete Kenneth Dial von der Universität in Montana, dass Küken einer Gefahr entkommen können, noch bevor sie gelernt haben zu fliegen. Unterstützt durch den Auftrieb ihrer flatternden Stummelflügel laufen sie senkrecht einen Baum hinauf.

Selbst Schlangen gleiten herab

Gegner dieser „Anlauf-Idee“ weisen darauf hin, dass sich Auftrieb viel einfacher erzeugen lässt, indem man auf einen Baum klettert und sich hinunter stürzt. Viele Baumbewohner, darunter auch Frösche, Eichhörnchen, verschiedene Eidechsen und sogar Schlangen sind zu geschickten Fallschirmspringern oder gar Segelfliegern geworden. Solche Fähigkeiten haben sich bei vielen Tieren entwickelt. Einige Forscher folgern daher, dass Vögel den gleichen evolutionären Weg durchliefen und das passive Gleiten zu einem aktiven Flug forcierten. Um das zu belegen, müsste ein gefiederter Dromaeosaurier gefunden werden, der eher an das Leben in den Bäumen als auf dem Boden angepasst wäre. Und genau das scheint Microraptor gui zu sein.

Auf den ersten Blick sieht Microraptor gui genauso aus wie der hypothetische „Tetrapteryx“, der 1915 als ein Vorläufer der Vögel zur Diskussion gestellt wurde. Mit anderen Worten: Der neue Dinosaurier stützt eher eine „Baum-runter“-Theorie als die „Anlauf-Idee“ als Erklärung für die Evolution des Vogelflugs.

Vier Flügel sind eine perfekte Ausrüstung für das Segelfliegen, aber nicht für einen aktiven Flug mit Flügelschlag. Bei den späteren Dromaeosauriern und Vögeln könnten die hinteren Gliedmaße ihre Funktion als Flügel wieder verloren haben und statt dessen zum Laufen und Sitzen dienen.

Der Autor ist Redakteur des internationalen Wissenschaftsmagazins „Nature“. Aus dem Englischen von Manuela Röver.

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