Ehrenamtliche Patientenfürsprecher in Kliniken : Immer auf der Seite der Patienten

Behandlungsfehler? Unverschämtheiten des Personals? Für solche Fälle gibt es in Kliniken Patientenfürsprecher. Das Gertrauden-Krankenhaus hat die meisten Beschwerden in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ein Besuch.

Von Pascale Müller
Unabhängige Beobachterin: Die Patientenfürsprecherin Tanja Hanisch.
Unabhängige Beobachterin: Die Patientenfürsprecherin Tanja Hanisch.Foto: Thilo Rückeis

Tanja Hanisch hat ein Ehrenamt, das keiner kennt – obwohl sie an einem Ort arbeitet, an dem fast jeder schon war: im Krankenhaus. Seit zwölf Jahren ist sie Patientenfürsprecherin im Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf. Haben Patienten oder Angehörige Beschwerden, mit denen sie sich nicht an den behandelnden Arzt oder das Pflegepersonal wenden möchten, können sie zu ihr kommen. Tanja Hanisch ist nicht am Haus angestellt, sondern extern. Patientenfürsprecher werden von der Bezirksverordnetenversammlung gewählt. „Ich bin sehr parteiisch und immer auf der Seite des Patienten“, sagt sie. „Wenn ein Patient mir etwas erzählt, unterstelle ich das erst mal als wahr. Aber ich höre alle Seiten an.“

Seit 1986 ist das Amt des Patientenfürsprechers im Landeskrankenhausgesetz verankert, an jedem Haus muss es mindestens einen geben, 76 sind es zur Zeit in Berlin. Für die Kandidatur braucht es keine Voraussetzung, etwa einen bestimmten Beruf. Nur eine gewisse Überzeugung. Tanja Hanisch, hauptberuflich Anwältin für Arbeits- und Reiserecht, hat jeden ersten und dritten Mittwoch Sprechstunde.

Die überwiegende Zahl derer, die Hilfe suchen, sind Angehörige, deren Patienten nicht mehr auf Station liegen – weil sie entlassen wurden oder verstorben sind. Nur wenige kommen direkt im Krankenhaus auf sie zu. Wer krank ist, hat nicht die Kraft, sich auch noch um Beschwerden zu kümmern.

Tanja Hanisch kennt das aus eigener Erfahrung. „Ich war 2002 selbst Patientin im Sankt Gertrauden-Krankenhaus“, erzählt sie. Unzufrieden und unglücklich war sie damals, vor allem wegen einer wenig sensiblen Schwester. „Aber ich hatte nicht die Kraft, so zu reagieren, wie ich es getan hätte, wäre ich gesund gewesen.“ Kollegen erzählten ihr vom Amt des Patientenfürsprechers. 2003 ließ sie sich zur Wahl aufstellen.

Viele wenden sich erst nach dem Krankenhausaufenthalt an sie

Nicht nur die Patienten selbst, auch Angehörige brauchen oft Zeit, bis sie sich bei Hanisch melden. Manche sind oft einfach froh, wenn es dem geliebten Menschen wieder besser geht. Oder in Trauer, wenn er verstorben ist. „In diesem Moment fehlt der Blick dafür, was man noch tun könnte“, sagt Hanisch. „Erst später überlegen viele: Was ist da eigentlich passiert?“

So wie bei Thomas Reiniger: Seine Mutter kam wegen einer Hüft-OP ins Sankt Gertrauden. Die Operation war erfolgreich, aber die Wunde heilte nicht ab, entzündete sich. Sie verstarb schließlich an einer Sepsis – nichts, was dem Krankenhaus juristisch anzulasten wäre. Entrüstet ist Thomas Reiniger aber bis heute darüber, wie mit seiner Mutter vor ihrem Tod umgegangen wurde. In die Trauer über den Verlust mischte sich Wut und Empörung. „Ich wusste damals gar nicht, dass es einen Patientenfürsprecher gibt“, sagt er heute.

Thomas Reiniger wollte eine Entschuldigung für den Umgang mit seiner toten Mutter, wandte sich an die Krankenhausleitung. Doch die zeigte sich desinteressiert. Tanja Hanisch versuchte immer wieder, ein klärendes Gespräch zu vermitteln – ohne Erfolg. „Man hat sich vollkommen verweigert“, berichtet er. Fassungslos machte ihn, dass ihn das Haus wegen Verleumdung verklagte. Das Verfahren zieht sich, wird schließlich wegen Nichtigkeit eingestellt. Eine Entschuldigung gab es nie. „Frau Hanisch bin ich auch menschlich sehr dankbar“, sagt Reiniger. „Ohne sie hätte ich das nicht durchgestanden.“

Die meisten wollen einfach ernst genommen werden

Seit Jahren weist das Sankt Gertrauden-Krankenhaus konstant die höchste Zahl an Beschwerden im Bezirk auf. Früher ging es meist ums Essen, Zimmergröße oder Hygiene. Das hat sich geändert. „Die Zahl der Fälle, die juristische Folgen und auch Forderungen nach sich ziehen, steigt“, erzählt Hanisch. Anders ausgedrückt: Immer mehr Patienten und Angehörige vermuten Behandlungsfehler. Liegt es daran, dass es tatsächlich besonders viele Behandlungsfehler gibt? Oder dass Patienten selbstbewusster ihr Recht einfordern? „Der Anspruch auf eine fehlerfreie und menschliche Behandlung hat sich nicht gewandelt“, glaubt Tanja Hanisch. „Aber der Wille, sie einzufordern, schon.“

Trotzdem gehe es den wenigstens um Schadensersatz. Sondern um Respekt und darum, ernst genommen zu werden. „Oft kann ein Fall zeitnah gelöst werden“, sagt Hanisch. Gelöst ist der Fall für sie zum Beispiel dann, wenn Patienten oder Angehörige verstehen, was passiert ist und sich ernst genommen fühlen. Vieles sei letztlich eine Frage richtiger Kommunikation. Ein persönliches Gespräch, eine Entschuldigung mache oft den entscheidenden Unterschied. „Es gibt tolle Ärzte, die sich herzhaft und aufrichtig kümmern. Und es gibt furchtbare Ärzte, die keinerlei Notwendigkeit sehen, über das rein Medizinische hinaus zu erkennen, was dieser Mensch vor ihnen gerade braucht.“ Gerade diese Mediziner darauf zu stoßen, mehr Zeit für ihre Patienten zu finden – auch das gehört zu ihren Aufgaben.

Qua Profession muss Tanja Hanisch immer dann mit der Krankenhausleitung sprechen, wenn es Konflikte gibt. Wie geht sie damit um? „Es ist nicht immer einfach“, sagt sie. Zwischen ihr und der alten Krankenhausleitung habe zuletzt „kommunikative Eiszeit“ geherrscht. Aber da sind ja auch Erfolge, vor allem die Dankbarkeit der Patienten. Und seit 2015 hat das Sankt Gertrauden-Krankenhaus eine neue Leiterin, Astrid Duda. Sie möchte die Patientenfürsprecherin stärker einbeziehen. „Frau Hanisch ist eine wichtige Person, eine neutrale Dritte“, sagt sie. Und plant, das Amt im Haus bekannter zu machen, Tanja Hanisch zu Schwesternrunden einzuladen, das Personal zu ermutigen, Patienten zu ihr zu schicken. Auch Duda glaubt, dass die Kritik der Patienten zugenommen habe. „Aber darauf müssen wir als Haus vorbereitet sein.“

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Fassung des Artikels ist der Patientenangehörige Thomas Reiniger falsch zitiert worden. Diese Aussagen sind inzwischen entfernt worden. Wir bitten um Entschuldigung.

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