Gesundheit : Ein Denker universaler Zusammenhänge

Heidegger und Heisenberg, Astrologie und Atomwaffen: Erinnerungen an C. F. von Weizsäcker

Tilman Spengler

1.

Die spontane Erinnerung erzählt von einem älteren Herrn, dem der junge Mann einen verzwickten Gedanken vorgetragen hat über Kant, sagen wir, oder Konfuzius, worauf der Ältere freundlich lächelt und nach dem Bruchteil einer Pause sagt: „Wenn ich Sie also recht verstanden habe, wollten Sie Folgendes sagen.“ Daraufhin löst der Lehrer den Gedanken aus seinen Verzwickungen und stellt ihn als die einfachste Sache der Welt dar.

Carl Friedrich von Weizsäcker war ein Meister des klaren Denkens, der einfachen Formulierung und des Konditionalsatzes im Konjunktiv II. Die Theorie der Zeit war ihm auch eine praktische Verpflichtung. Seine Biografie verknüpft mehr (sympathische und weniger sympathische) Heroen des deutschen und des internationalen Geisteslebens im vergangenen Jahrhundert als die irgendeines anderen Denkers. Es war eine der seltenen Biografien, in der die vorgebliche Trennung zwischen den zwei Kulturen, der natur- und der geisteswissenschaftlichen und auch der künstlerischen, schlicht aufgehoben war. Das Denken richtete sich auf universale Zusammenhänge.

2.

Nicht jedem war es vergönnt, als 17-Jähriger von Stefan George nach seinem Berufswunsch gefragt zu werden. Carl Friedrich von Weizsäcker antwortete schlicht: „Philosoph.“ Und erzählte diese Begebenheit wenige Wochen später seinem Freund und Mentor Werner Heisenberg, der ihn daraufhin ermahnte, zunächst ein „anständiges Fach“ zu lernen. Das konnte gegen Ende der 20er Jahre nur die Physik sein. So wurde er Student in Leipzig, Berlin und Göttingen, dem engen Olymp des naturwissenschaftlichen Denkens, Sitz jener Götter, welche die Namen Max Born, Niels Bohr oder Werner Heisenberg trugen. Zuvor hatte ihn die Astronomie fasziniert und auch zur klassischen Astrologie zeigte er nie jenes Ausmaß an Verachtung, derer sich andere Vertreter der szientistischen Hochkultur befleißigten. Carl Friedrich von Weizsäckers Eros, sein poetischer Impuls und sein theoretisches Programm waren die Neugier, die Lust auf Erfahrung und die vehemente Abneigung gegen offene oder versteckte logische Unverträglichkeiten.

Heisenberg, diese Anekdote erzählte er später mit unverhohlenem Vergnügen, brachte ihn 1935 einmal mit Martin Heidegger zusammen, von Weizsäckers Onkel Viktor, einer der großen Vordenker der psychosomatischen Medizin, war mit von der Partie, und das Gespräch ging über den Faktor der Subjektivität in der Physik und in der Medizin. Heidegger gab damals den späteren Carl Friedrich von Weizsäcker und fasste die Thesen von Heisenberg und Onkel Viktor in eine für ihn verständliche Sprache und meldete Bedenken an, worauf der immer noch sehr junge, nämlich 24-jährige Carl Friedrich dem Existenzialphilosophen die bohrende Frage stellte – und hier muss die Anekdote im Original erzählt werden:

„,Was aber, Herr Heidegger, wenn die Mathematik auch unabhängig vom Menschen wahr ist?‘ Darauf blickte Heidegger kurz zu mir hoch und antwortete: ,Darüber müsste ich nachdenken.‘“

3.

An dieser Anekdote sind zwei Elemente bemerkenswert: Carl Friedrich von Weizsäcker war kein Rechthaber, doch es behagte ihm schon, einen anderen Denker in eine Form der vorläufigen Ungewissheit versetzt zu haben. Nicht weniger wichtig ist aber auch die Regieanweisung in der Anekdote: „Darauf blickte Heidegger kurz zu mir hoch“ ... Carl Friedrich von Weizsäcker war der körperlichen Statur nach kein Hüne, Martin Heidegger darf man vom Wuchs her getrost als klein bezeichnen. Jedes Gefälle hat zwei Ausgangspunkte.

4.

Wer aus einer Familie stammt, die seit Generationen zur deutschen Elite zählt, kann auch nicht zu den Kleinmütigen gehören. Weizsäckers Urgroßvater hatte durch eine bahnbrechende Übersetzung des Neuen Testaments das Adelsprädikat der Familie erworben, der Großvater dem Königreich Württemberg als Ministerpräsident und Außenminister gedient, der Vater war Hitlers Staatssekretär im Auswärtigen Amt, später Botschafter des Deutschen Reiches beim Vatikan. Das schafft ein gesellschaftliches Umfeld, in welchem man sich angewöhnt, nicht allzu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten zu verplempern. Man lernt, die Ziele hoch zu stecken und den intellektuell oder politisch Verantwortlichen auf Schulterhöhe zu begegnen, zumindest dafür die Voraussetzungen zu schaffen.

5.

Er habe Hitler gleichsam mit dem Bauplan der Atombombe entgegentreten wollen, um ihn zu einer Änderung seiner Politik bewegen zu können, erzählte von Weizsäcker später, und er nannte den Plan „wahnwitzig.“ Dem ging voraus, dass der Physiker sich über die 1937 nach ihm benannte Formel auf den Gebieten der Atomkerne und der Kernverschmelzung einen Namen gemacht hatte, dass er bei der Vergabe eines Nobelpreises aus falschen Motiven übergangen wurde, er später keinen Ehrgeiz verspürte, sich im Kriegsdienst auszuzeichnen, schließlich die Arbeit mit „Atomenergie“, mit einer „Uranmaschine“ so attraktiv fand, dass er nicht Nein zu jenem Geist sagte, der stets das Böse will und es dann auch schafft.

Fest steht, dass von Weizsäcker dem Heereswaffenamt einen wichtigen Hinweis auf die mögliche Entwicklung einer Bombe gab, fest steht auch, dass sich eine Reihe anderer führender deutscher Wissenschaftler, deren Andenken wir heute in Ehren bewahren, dem Unterfangen nicht in jener Radikalität widersetzte, die die Verfasser von Nachrufen gerne hervorgehoben hätten.

6.

Mit derselben Festigkeit muss aber auch hervorgehoben werden, dass Carl Friedrich von Weizsäcker nach 1946, nach seiner Entlassung aus der Befragung in Cambridge, den Betreibern von Naturwissenschaft, den Philosophen, den Pädagogen unserer Republik zu einem davor wohl unbekannten Gefühl der Verantwortung verholfen hat. Der Diskurs war eine protestantisch und selbstredend an Kant geschulte Rede, sie verhandelte nach wie vor die ersten und die letzten Dinge, das Entstehen des Kosmos und sein Ende, doch sie warf ein überaus wichtiges Augenmerk auf jenen Bereich, den Kant der praktischen Philosophie zuordnete. Die Rede ist hier zunächst von jener „Erklärung der Göttinger Achtzehn“, in der bedeutende deutsche Atomphysiker vor der Produktion und dem Einsatz von Atomwaffen warnten. Dieses war, radikal abweichend von Weizsäckers bisheriger Einstellung zur Politik, nicht weltklug. Es gab einen bisweilen sehr schlicht denkenden Kanzler, der Adenauer hieß, und einen raffgierigen Verteidigungsminister namens Franz Josef Strauß, beide zögerten nicht, dem Philosophen und Physiker Motive und Weltfremdheit zu unterstellen, die in der politischen Arena keinen legitimen Platz fänden.

Adenauer und Strauß waren von der Möglichkeit „taktischer Atomwaffen“ so angetan, wie es weiland das Heereswaffenamt des Adolf Hitler war. Wer in der jungen Bundesrepublik gegen diesen Stachel löckte, bewegte sich ins Abseits.

7.

Carl Friedrich von Weizsäcker gab – wir springen, wie es nur bei einem Theoretiker der Zeit gestattet ist – die wichtigen seiner intellektuellen Antworten in einem Institut, das ihm die Max-Planck-Gesellschaft 1970 in Starnberg einrichtete. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass hier, 30 Jahre bevor das Wort „Globalisierung“ seine Runde machte, die theoretische, wenn man das denn in den Wirtschaftswissenschaften so sagen kann, Grundlage gefunden wurde. In Starnberg nannte man es damals höflich „die internationale Arbeitsteilung“.

Es wurde auch befriedigend genau erklärt, warum – dreißig Jahre später – die Vereinigten Staaten sich eine blutige Nase in einem unlegitimierten Krieg hohlen würden. Friedensforscher hatten schon damals die passende Antwort parat. Gleichfalls, doch hier überschreitet der Nachrufer noch einmal seine Kompetenz, sollen hier die Quanten- und die Relativitätstheorie miteinander versöhnt worden sein, im Gedanken, dass die Einheit der Natur nur die Einheit der Erfahrung sein kann.

8.

Im Gedächtnis bleibt der stets so kluge, nie furchterregende ältere Herr, der einen stets in den Konditionalsatz trieb und der zudem eine angenehm befremdliche Liebe zu Kalauern hatte.

„Das sind doch Kinkerlitzchen für rechte Kitzchen“, sagte er, als ein bedeutender Vertreter der amerikanischen Regierung ... in einem, nein, wir gehen hier nicht auf Einzelheiten ein. Er meinte übrigens Henry Kissinger. Das war im Vortragssaal des Starnberger Max-Planck-Instituts. Meist spielten wir dort Tischtennis. Selbst gegen Habermas verlor er nur ungern.

Der Autor war Mitarbeiter Weizsäckers am Starnberger Max-Planck-Institut und ist Herausgeber der Zeitschrift „Kursbuch“.

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