Gesundheit : Ein Land, drei Sprachen, drei Schriften

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Von Anne Strodtmann

Der Jubilar ist 600 Jahre alt, sieht prächtig aus und befindet sich seit genau 120 Jahren in Berlin: das Missale Romanum, ein kroatisches Messbuch aus dem Jahr 1402, das mit dem Erwerb der so genannten Sammlung Hamilton im Jahre 1882 in den Besitz der Staatsbibliothek kam. Die 218 Seiten umfassende Handschrift von Bartol Krbavac, die von den Kroaten als Berlinski misal – Berliner Messbuch – bezeichnet wird, ist ein Zeugnis der kroatischen Schriftkultur von hohem Wert. Sie steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die jetzt in der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße eröffnet wurde.

In mehr als 300 Exponaten gibt die Ausstellung einen Überblick über die kroatische Schriftkultur vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Es ist die bisher umfangreichste Ausstellung dieser Art. Und sie dokumentiert ein Phänomen, das einmalig in Europa ist: Über einen langen Zeitraum hinweg standen drei Sprachen und drei Schriften in Kroatien gleichberechtigt neben einander: das Kirchenslawisch in glagolitischer Schrift, Kroatisch mit kyrillischen Buchstaben und Lateinisch. Das führte dazu, dass in Dokumenten die unterschiedlichen Schriften nebeneinander verwendet wurden.

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist der kroatischen Kultur seit ihrer Gründung als „Churfürstliche Bibliothek zu Cölln an der Spree" im Jahre 1661 verbunden. Zum Gründungsbestand gehörten zwei bedeutende kroatische Drucke, die Kurfürst Joachim II. – der Große Kurfürst – als Dank für eine Spende erhalten hatte, einen Beitrag zur Finanzierung protestantischer Schriften. Diese Werke können in der Ausstellung nicht gezeigt werden; sie gingen während des Zweiten Weltkriegs verloren.

Inzwischen ist die „kroatische Abteilung" der Staatsbibliothek auf rund 20 000 Bände angewachsen. Eine Ausstellung wie diese musste also irgendwann einmal kommen, wie Zvonko Plepelic von der Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek erläuterte. Zwar hätte die Stabi sie auch ganz aus den eigenen Beständen bestücken können, aber sie hätte keinesfalls einen so vollständigen Überblick über die kroatische Kultur geben können.

So kommt der größte Teil der Exponate aus der National- und Universitätsbibliothek und dem Altslawischen Institut in Zagreb. Dazu gehört beispielsweise das älteste in kroatischer Sprache gedruckte Buch, von dem zwar das Erscheinungsjahr 1483, nicht aber der Druckort bekannt ist. Hinzu kommen zahlreiche weitere Früh- und Erstdrucke. Eine Besonderheit sind auch die Bücher der kroatischen Protestanten. Mitte des 16. Jahrhunderts druckten sie mehr als 25 000 Exemplare von insgesamt 26 Büchern in Urach bei Tübingen.

Ein bedeutender Teil der Ausstellung ist dem Einfluss der deutschen Sprache auf die jüngere kroatische Literatur gewidmet. Zu sehen ist beispielsweise eine Zeitung mit dem n „Agramer Tagblatt" Die erste Zeitung, die 1789 in Kroatien erschien, war in deutscher Sprache geschrieben. So dokumentiert die Ausstellung nicht allein die kulturelle Entwicklung in Kroatien, sondern auch seine vielfältigen Beziehungen zum übrigen Europa und dem deutschsprachigen Raum.

Die Ausstellung „Drei Schriften – drei Sprachen" wird vom 26. April bis zum 8. Juni 2002 in der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße 33 gezeigt. Öffnungszeiten: montags bis freitags 10-20 Uhr, samstags 10-18 Uhr, sonn- und feiertags geschlossen. Führungen auf Anfrage unter 030/266-2434.

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