Gesundheit : Erst verstehen, dann heilen

Migranten lassen sich Arztgespräche oft von Angehörigen übersetzen, leicht kommt es zu Missverständnissen. Der Gemeindedolmetschdienst hilft professionell.

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Kulturen kennen. Hatice Genç (l.) und Sabine Oldag vom GDD. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Kulturen kennen. Hatice Genç (l.) und Sabine Oldag vom GDD. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Neuzugänge heißen Sosso und Fulla und stammen aus Westafrika: „Diese beiden Dialekte werden immer häufiger nachgefragt“, sagt Sabine Oldag. Sie sitzt an einem großen Tisch im Kreuzberger Büro des Gemeindedolmetschdienstes (GDD), den sie leitet. Früher war hier einmal das Gesundheitsamt untergebracht. Der Amtsgeruch ist verflogen, die Möbel sind geblieben. Nebenan klingeln immer wieder die Telefone. Die Anrufer sind Mitarbeiter von Beratungsstellen oder Kitas, die einen Dolmetscher buchen wollen. Auch viele Organisationen aus dem Gesundheitsbereich rufen an.

Zusammengenommen sind die Anrufe wie kleine Mosaiksteinchen, die sich zur politischen Weltlage zusammensetzen lassen. Der GDD hat schon für Libyer übersetzt, die in Berlin operiert wurden, für Afghanen oder Kurden. Gestiegen ist auch die Nachfrage nach Bulgarisch und Rumänisch, neuerdings auch nach Griechisch oder Spanisch. Der Dienst will eine qualitative Alternative sein zu Verwandten und Nachbarn, die oft als Übersetzer mitkommen, wenn ein Patient oder Mensch mit Beratungsbedarf kein oder nur sehr wenig Deutsch spricht. Denn dabei schleichen sich oft Fehler in die Gespräche ein, oder die Übersetzer sind nicht objektiv.

Diese Erfahrung hat auch Fachärztin Johanna Winkler gemacht, die in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St.-Hedwig-Krankenhaus arbeitet. Auch dort ist der GDD häufig im Einsatz. „Ein inhaltliches psychiatrisch-psychotherapeutisches Gespräch kann nur durch eine neutrale, therapeutisch distanzierte und nicht wertende Person vermittelt werden“, sagt sie. Sachverhalte würden sonst nicht angesprochen, beschönigt oder verfälscht. Sie erlebe oft, dass im Beisein von Freunden oder Angehörigen nur Nebenerkrankungen benannt werden und das eigentliche Leiden, etwa Suizidgedanken, Angst oder Stimmenhören, gar nicht erwähnt wird. Besonders schwierig sei es, wenn Kinder als Übersetzer dabei sind. „Dass Patienten ihre Kinder zum Übersetzen mitbringen, macht mich sprachlos“, sagt Hatice Genç, die seit 2006 beim GDD arbeitet. Sie und ihre Kollegen reflektieren die Dolmetscherrolle sehr bewusst: Neutral sein, übersetzen, ohne zu interpretieren, etwas wegzulassen oder hinzuzufügen.

Der Dienst existiert seit 2003, er ist ein gemeinnütziges Angebot. Getragen wird er vom Verein „Gesundheit Berlin-Brandenburg“, gefördert von der Senatsverwaltung für Gesundheit, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg stellt die Räume. Anfangs wurden 70 Dolmetscher ausgebildet, längst sind es mehr. Der GDD kann heute in rund 50 Sprachen und Dialekte übersetzen. 2011 haben die Mitarbeiter in rund 5000 Fällen gedolmetscht. Trotz der großen Nachfrage hat der GDD aber keine Planungssicherheit. Über die Verlängerung des Projekts wird von Jahr zu Jahr entschieden.

„Dolmetscher müssen beide Sprachen sehr gut beherrschen und die Kultur und Traditionen des Herkunftslandes kennen“, sagt Sabine Oldag. Zu den Menschen, für die der GDD übersetzt, gehören viele Heiratsmigranten. Gestiegen ist der Bedarf auch bei Menschen aus der ersten Einwanderergeneration, die immer häufiger demenziell erkranken und die deutsche Sprache deshalb nach und nach vergessen. Die Übersetzer erklären den Fachkräften auf Wunsch auch kulturelle Besonderheiten, die einen Patienten geprägt haben. „Das Krankheits- und Gesundheitsverständnis ist je nach Land sehr unterschiedlich“, so Sabine Oldag.

Hatice Genç übersetzt Deutsch und Türkisch. Die 44-Jährige hat sich auf Einsätze beim Jugendamt und in der Psychiatrie spezialisiert. Immer wieder hat sie mit türkischen Metaphern zu tun, die deutsche Ärzte auf eine falsche Fährte führen. So sagt man im Türkischen: „Die fressen mir das Kopffleisch weg“ oder „Die Geister steigen mir zu Kopf“. „Das bedeutet, dass man gestresst ist. Mit Schizophrenie hat das nichts zu tun“, erklärt Genç. Bei Einsätzen in der Psychiatrie begleitet sie Patienten häufig über mehrere Jahre. „Man muss in diesem Beruf oft sehr stark sein“, sagt sie. Etwa, wenn ein drogensüchtiger Jugendlicher eingewiesen werden muss und die ganze Familie weinend danebensteht. Oder wenn eine Krebspatientin ihre Medikamente falsch eingenommen und damit ihr Leben riskiert hat, weil ihr die Anwendung gar nicht oder falsch übersetzt wurde. „Theoretisch lernt man in der Ausbildung, sich zu distanzieren und die Themen nicht mit nach Hause zu nehmen.“ Aber praktisch dauere das eine Weile.

Wenn ein Einsatz beendet ist, sagt sich Hatice Genç, dass sie den Menschen durch ihre Arbeit geholfen hat. „Darüber hinaus kann ich nichts tun.“

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