Gesundheit : Es werde Licht

Patienten, die auf der Intensivstation liegen, bekommen vom Tag-Nacht-Rhythmus nicht viel mit. Das kann ihren Genesungsprozess verzögern. Deshalb probiert die Charité jetzt ein neues Beleuchtungskonzept aus. Und auch das St. Hedwig-Krankenhaus hat neue, intelligente Lampen installiert.

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Beruhigend. So soll die neue Intensivstation aussehen. Simulation: Graft Architekten
Beruhigend. So soll die neue Intensivstation aussehen. Simulation: Graft Architekten

Die Tage werden wieder länger, alle freuen sich auf das Licht, das sie in diesem vielfach trüben Winter vermisst haben. Alle? Nicht alle Krankenhauspatienten. „Auf Intensivstationen sind Tag und Nacht bisher meist gleich“, sagt Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité in Mitte und am Virchow-Klinikum. Die Patienten, die dort liegen, befinden sich oft in lebensbedrohlichen Ausnahmesituationen: Sie stehen unter starken Schmerzmitteln, auch Schlaf- und Beruhigungsmittel kommen zum Einsatz, im Einzelfall bis hin zum „künstlichen Koma“. Viele brauchen eine künstliche Beatmung, werden künstlich ernährt, sind auf eine ununterbrochene Überwachung der Lebensfunktionen angewiesen. Medizinische Geräte unterstützen die Organe oder müssen sie sogar teilweise ersetzen. Kurz: „Rund um die Uhr“ brauchen die Betroffenen Zuwendung. Ob draußen gerade Tag oder Nacht ist, darf auf die medizinische und pflegerische Versorgung keinen Einfluss haben.

Damit ist allerdings nicht gesagt, dass man es als Patient einer Intensivstation gar nicht merken soll. In zwei Zimmern von Station 8i der von Claudia Spies geleiteten Intensivmedizin im Virchow-Klinikum soll ein neues Lichtkonzept das bald ermöglichen. Dort werden Deckenleuchten installiert, deren Intensität und Frequenz sich so steuern lassen, dass ein annähernd natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus entsteht. Ende März soll es losgehen mit der Umgestaltung. Das Pilotprojekt trägt den Namen „Parametrische (T)Raumgestaltung“, es wurde – mit finanzieller Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums – entwickelt von den Mediengestaltern des Berliner Büros Art+Com, dem Architekturbüro Graft und der Charité Facility Management GmbH. Weitere Ideen der Projektentwickler:  Farben, sich bewegende Formen und Landschaften sollen auf Leinwände an der Zimmerdecke und zu Füßen des Liegenden projiziert werden – recht individuell, in Abhängigkeit von Stimmungen und Wünschen der Patienten, aber auch von der Einschätzung seiner Betreuer.

„Wir möchten damit eine Atmosphäre schaffen, die Stress mindern und Ängste lösen kann“, sagt Joachim Quantz, bei Art+Com für Forschung zuständig. „Krankenhausplaner nehmen bisher viel zu selten die Perspektive des Liegenden ein, das möchten wir ändern“, ergänzt Architekt Thomas Willemeit von Graft. Thomas Penzel, wissenschaftlicher Leiter des Interdisziplinären schlafmedizinischen Zentrums der Charité, freut sich darüber, dass auch die Erfahrungen seiner Disziplin in das Projekt einfließen. „Wir wissen schon lange, dass Schlaf und Heilung eng zusammengehören. Deshalb beunruhigt es uns, dass Untersuchungen ergeben haben: Nach operativen Eingriffen fehlen den Patienten typischerweise die erholsamen REM-Schlaf-Phasen.“

Die große Hoffnung ist, dass bei einigen Intensivpatienten dank der freundlicheren Raumgestaltung weniger Medikation nötig sein wird, der Tag-Nacht- Rhythmus also ansatzweise erhalten bleiben kann. „Wir wissen inzwischen, dass Sedierung zu einem Delirium beitragen kann, dessen Auftreten wiederum langfristig mit schlechteren Behandlungserfolgen verbunden ist“, erklärt Spies. In der modernen Intensivmedizin wird deshalb versucht, mit so wenig wie möglich „künstlichem Schlaf“ auszukommen, Schmerzen und Angst wirksam zu bekämpfen und die Patienten so früh wie möglich körperlich zu aktivieren. Ob die neuartige Raumgestaltung wirklich dazu beiträgt, dieses Konzept wirkungsvoll umzusetzen und ob das dann auch die Heilungschancen verbessert, soll eine Studie zeigen. Sie wird anlaufen, sobald die zwei Zweibettzimmer fertig sind und wieder bezogen werden können.

Nicht nur die Lichtverhältnisse sind neu. Auch Geräusche werden gedämpft und medizinische Geräte, die bisher im wirklichen Leben und in unzähligen Filmszenen für das typische Feeling einer Intensivstation sorgen, rücken optisch in den Hintergrund. Diese Apparate sind eine Grundlage des wachsenden Erfolgs moderner Intensivmedizin, selbstverständlich werden sie sowie die Steckdosen und die Druckluftanschlüsse nicht reduziert. „Aber wir machen uns inzwischen mehr Gedanken über die klinischen Auswirkungen von Architektur, Raumgestaltung und Lichtverhältnissen“, sagt Spies.

Das gilt nicht allein für die Intensivmedizin. Im Bettenhausneubau „Vinzenz von Paul“ des St. Hedwig-Krankenhauses – eingeweiht 2012 – sind in Patientenzimmern und Gemeinschaftsräumen des Zentrums für Altersmedizin Leuchten installiert, deren Lichtstärke und -farbe per Computersteuerung der Tageszeit und dem normalen Tageslicht angepasst werden können. Vor allem Patienten mit Symptomen einer Demenz, leichter Verwirrtheit oder einer Depression sollen davon profitieren. „Wir möchten versuchen, den natürlichen Tagesablauf in die Räume zu bringen“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin im St. Hedwig-Krankenhaus. Deren Mitarbeiter waren am Austüfteln des Konzepts beteiligt und evaluieren es. Zum Frühstück und zum Abendessen werden die Räume mit 300 bis 500 Lux beleuchtet, abends kommt dabei „wärmeres“ Licht als Signalgeber für die Schlafenszeit zum Einsatz. Tagsüber können je nach Bedarf und Situation bis zu 1500 Lux zum Einsatz kommen. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil viele ältere Patienten Mühe mit dem Sehen haben. „Untersuchungen zeigen auch, dass Menschen, die tagsüber eine vernünftige Beleuchtung haben, nachts messbar länger schlafen“, erklärt Kunz. Inzwischen zeigen mehrere Untersuchungen in Pflegeheimen, dass solche Lichtkonzepte nicht allein den nächtlichen Schlaf, sondern auch die Aktivität am Tag beeinflussen.

Für Chronobiologen ist das nicht erstaunlich, werden doch bei Tageshelligkeit spezielle Lichtrezeptoren im menschlichen Auge aktiviert, die Melanopsin-Zellen, die wiederum ihre Signale an einen Bereich im Zwischenhirn senden, den suprachiasmatischen Nukleus. Und hier sitzt die zentrale Stelle, die unsere „inneren Uhren“ an- und abschaltet. Eine Studie, für die Kunz Freiwillige mit Spezialbrillen ausstattete, in die Lichtsensoren montiert waren, hat gezeigt: Selbst Gesunde, die sich draußen bewegen können, bekommen zu wenig Input.

Der dramatische Einfluss des Lichts als „Zeitgeber“ sei dabei kaum zu überschätzen, es gehe schließlich um jede einzelne Zelle unseres Körpers, sagt Schlafmediziner Kunz. Wie ernst es ihm selbst mit seiner Überzeugung ist, beweist ein Blick in sein Arbeitszimmer im Haupthaus der Klinik: Dort hat er sich auf eigene Faust ein paar Deckenlampen angebracht, die mit ihrem hellen und weiß-bläulichen Licht auch an trüben Tagen für Wachheit sorgen sollen.

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