Gesundheit : Frühjahrsputz von innen

Fastenkuren sollen den Körper „entschlacken“. Aber Fachleute sind skeptisch

Walter Schmidt

Die Botschaft klingt bedrohlich: „Industriell gefertigte Lebensmittel mit chemischen Zusätzen und das ständige Überangebot an Nahrungsmitteln mit tierischen Fetten und Eiweißen überfordern den Darm . . . und führen dazu, dass er mit der Ausschwemmung der Giftstoffe nicht mehr nachkommt. Die Stoffwechselprodukte lagern sich an den Darmwänden und im Zwischenzellbereich ab und der Körper ,verschlackt‘.“

So wird im Internet für eine Heilfasten-Kur nach den Prinzipien des österreichischen Arztes Franz Xaver Mayr (1875 bis 1965) geworben. „Ein morgendlich getrunkenes Glas Bitterwasser unterstützt das Auswaschen der Schlacken und putzt den Organismus gründlich durch“, heißt es in der Information des Tiroler Parkhotels Igls, dem „Zentrum der Modernen Mayr-Medizin“, weiter.

Auch andere Anbieter haben es auf die ominösen Schlacken abgesehen. Die „Birken-Aktiv-Kur entschlackt und reinigt von innen“, verkündet der Körperpflege- und Arzneimittel-Hersteller Weleda. Nach Angaben des anthroposophischen Unternehmens in Schwäbisch Gmünd leistet das „erfrischende“ Getränk Erstaunliches: Es „befreit den Organismus auf natürliche Weise von belastenden Ablagerungen“.

Das Unternehmen empfiehlt: „Starten Sie mit einer dreiwöchigen Trink-Kur leicht in den Frühling.“ Eine 200-Milliliter-Flasche kostet zwischen acht und neun Euro 50.

Das Frühjahr ist die Zeit des Fastens. Nach Angaben der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik (GED) in Aachen unterziehen sich im deutschsprachigen Raum „jährlich 7000 bis 8000 Patienten“ in sechs speziellen Fasten-Kliniken sowie zahlreichen Sanatorien und Kliniken für Naturheilweisen einer Heilfasten-Kur. Mit gut 30 Millionen weitaus größer sei jedoch die Zahl derjenigen, „die insbesondere im Frühjahr ohne ärztliche Aufsicht mit Hilfe von Erfahrungsberichten oder Ratgeber-Büchern versuchen, möglichst viel und schnell abzuspecken“, berichtet der Ernährungswissenschaftler Thomas Reiche von der GED und warnt vor Risiken des Fastens – etwa dem unerwünschtem Abbau von Muskeleiweiß auch im Herzmuskel, vor allem in der Anfangsphase.

Wer fastet, tut es häufig auch, um seinen Körper von „Schlackenstoffen“ zu befreien. Manche Naturheilkundler und Alternativ-Mediziner bezeichnen damit solche Zwischen- oder Endprodukte des Stoffwechsels, die sich angeblich im Gewebe angelagert haben, weil sie nicht verwertet oder ausgeschieden werden konnten, ähnlich überflüssig wie die Schlacken beim Herstellen von Roheisen. Folglich soll das Entschlacken, etwa in der Sauna, beim Fasten oder durch Einläufe den Körper innerlich reinigen.

Doch das ist nach Ansicht der meisten Experten Humbug. „Im Stoffwechsel des Menschen fallen keine Schlackenstoffe an“, sagt Isabelle Keller, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Der Organismus sei imstande, „alle Endprodukte des Stoffwechsels über Niere, Darm, Lunge oder Haut auszuscheiden“. Wasser, Kohlendioxid, Harnsäure und Ammoniak landen ganz schnöde in der Atemluft oder der Toilette.

Das sieht auch Hans-Joachim Zunft vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke so. Der gesunde Körper entsorge „normalerweise alles, was er an Eiweißen, Kohlehydraten und Fetten aufnimmt“. Selbst viele fettlöslichen Schadstoffe scheide er aus oder baue sie mit der Zeit ab. Schwitzen in der Sauna und Fasten könne aus anderen, auch seelischen Gründen heilsam sein. Irgendwelche Schlacken würden so jedoch nicht beseitigt. Zunft hält die Werbung mit „Entschlackungskuren“ für unlauter.

Kein Wunder, dass auch die Stiftung Warentest in einer Stellungnahme zum Thema mitgeteilt hat, die Schlacken existierten „nur in der Theorie“. Sie hätten sich „weder im Mikroskop noch bei Laboruntersuchungen oder sonst wie auffinden lassen“.

Darauf angesprochen, gibt Theo Stepp, der Leiter der Unternehmenskommunikation bei Weleda, zu: „Studienmaterial in Form von klinischen Untersuchungen zur Birken-Aktiv-Kur liegt nicht vor.“ Und weiter: „Wir prüfen neue Produkte über die vorgeschriebenen Analysen hinaus durch interne und externe Anwendertests. Es handelt sich nicht um ein Arzneimittel, sondern um ein Nahrungsergänzungsprodukt. Die Birken-Aktiv-Kur an sich schwemmt die Stoffe nicht aus, sondern unterstützt zusammen mit gesunder Ernährung, ausreichender Flüssigkeitsaufnahme und Bewegung die Stoffwechselfunktionen und Ausscheidungsvorgänge des Körpers.“

Die Rezeptur der Birken-Aktiv-Kur basiert Stepp zufolge „auf den Erkenntnissen der Anthroposophischen Medizin. Die Inhaltsstoffe von Birkenblättern wirken sich demgemäß positiv auf die Stoffwechselvorgänge aus, die so genannte Schlackenbildung und Ablagerungen verhindern.“ Bei den Schlackenstoffen handele es sich meist um Säuren, „die als Abfallprodukte bei der Verstoffwechslung von Nährstoffen entstehen“. Diese Säuren würden „normalerweise durch das so genannte menschliche Puffersystem neutralisiert“. Den Vorwurf unlauteren Wettbewerbs weist Stepp zurück.

Da steht man nun als gesundheitsbewusster Laie und wundert sich, wie unterschiedlich die Faktenlage beurteilt wird. Soll man Anbietern wie Weleda vertrauen? Oder hört man besser auf Ernährungsmediziner wie Hans Konrad Biesalski? „Da es im menschlichen Organismus keinerlei Schlacken gibt, ist das Konzept der Entschlackung reines Wunschdenken“, urteilt der Wissenschaftler von der Universität Stuttgart-Hohenheim.

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