Gesundheit : Zwischen Mann und Frau

Transgeschlechtliche sind für Psychotherapeuten eine besondere Herausforderung. Doch nur wenige sind für das Thema ausgebildet. Eine Berlinerin, die nach einer Operation und einer Namensänderung heute offiziell eine Frau ist, erzählt.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Endlich war alles so, wie es sein sollte: „Ich hatte zum ersten Mal einen richtigen Job und war endlich eine Frau. Ich dachte, jetzt kann das Leben losgehen“, sagt Cathrin Ramelow. Mitte 30 war sie damals. Doch dann saß sie plötzlich im Wartezimmer ihrer Ärztin und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. „Ich hatte gleich zwei Nervenzusammenbrüche“, sagt sie heute, mehr als ein Jahrzehnt später. Die Ärztin riet ihr zu einem stationären Aufenthalt und einer anschließenden ambulanten psychologischen Psychotherapie. Die dauerte drei Jahre. Sie lernte dabei unter anderem, ihren eigenen Gefühlen nicht länger zu misstrauen. Schließlich hatten die sie mehr als drei Jahrzehnte ständig in Verwirrung gestürzt. So lange hatte sie im Spiegel den Körper eines Jungen und später eines Mannes gesehen und gewusst, dass irgendetwas nicht stimmte.

Cathrin Ramelow ist transgeschlechtlich und nach einer Operation und einer Namensänderung heute offiziell eine Frau. Viele kennen eher den Begriff "transsexuell", aber der wird von vielen inzwischen als abwertend und veraltet empfunden. Vor allem, weil eng mit dem schwierigen Verhältnis zwischen der Medizin und jenen Menschen verknüpft ist. „Transgeschlechtlichkeit gilt rein diagnostisch immer noch als schwere Persönlichkeitsstörung. Ich bin aber der Meinung, dass es eigentlich ein Persönlichkeitsmerkmal ist“, sagt die Therapeutin Mari Günther, die sich unter anderem auf die Beratung solcher Patienten spezialisiert hat und auch bei der Schwulenberatung Berlin „Betreuung von queer lebenden und transidenten Menschen und ihren Angehörigen“ anbietet. Mari Günther bietet auch Fortbildungen für Psychologen an, zum Umgang mit allen Menschen, die sich nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen lassen. Also Transgeschlechtlichen, Intersexuellen – die mit Merkmalen beider Geschlechter auf die Welt kommen – und Transidenten, die im anderen Geschlecht leben, ohne sich operieren zu lassen und ohne Hormone zu nehmen. „Sie alle kommen häufiger als andere mit Therapeuten in Kontakt, schon deshalb, weil jeder, der seinen Vornamen und operativ die Geschlechtsteile verändern möchte, nachweisen muss, dass sich dieser Wunsch nicht durch eine Psychotherapie aus der Welt räumen lässt“, sagt Mari Günther. „Zwangstherapie“ nennt sie das. „Viele sitzen sie nur wegen des Gutachtens ab.“ Oft würden sie sich nicht richtig öffnen, sondern nur das erzählen, was ihrer Meinung nach zu einem eindeutigen Gutachten führt. Dabei haben Transgeschlechtliche häufiger tatsächlich eine Therapie nötig, etwa wegen Depressionen: „Durch die Diskriminierungserfahrung können alle denkbaren psychischen Störungen entstehen“, sagt Mari Günther.

Auch Cathrin Ramelow hat viel Furchtbares erlebt. „Am Anfang bin ich ständig in der Öffentlichkeit beleidigt worden. Scheißtranse war da noch das Freundlichste.“ Ihre drei engsten Freunde ließen sie fallen. Und einmal habe sie eine Gruppe Jugendlicher bei einem Spaziergang angegriffen und versucht, ihre Kleider in Brand zu setzen. „Zum Glück trug ich nur Baumwolle, die nicht so leicht brannte, aber es blieb ein Trauma.“ Das arbeitete sie in der Therapie auf. Ihre Therapeutin brachte ihr etwa bei, dass sie sich einen bestimmten sicheren Ort vorstellen kann, den nur sie kennt. Das hilft ihr noch heute. Auch wenn die Beleidigungen nachgelassen haben. „Das liegt wohl auch daran, dass ich selbstbewusster herumlaufe, seit es mir besser geht.“

Sie hatte sich eigens eine Therapeutin gesucht, die mit Patientinnen wie ihr Erfahrung hat. Aber immer mehr Transgeschlechtliche würden seit einiger Zeit auch zu Psychotherapeuten gehen, die nicht auf das Thema spezialisiert seien, sagt die Psychologin Susanna Ganarin. Sie berät bei Profamilia unter anderem Trans-Paare, bei denen einer oder beide sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Gerade hat Profamilia eine Weiterbildung für den Umgang mit ihnen organisiert. „Das ist eine ganz andere Herausforderung“, sagt Ganarins Kollege Andreas Goosses. „Da spielt immer auch die eigene Einstellung mit hinein. Schließlich sind wir alle in einer betont zweigeschlechtlichen Gesellschaft erzogen worden.“ Doch das könnte sich bald ändern. Gerade hat der Ethikrat gefordert, dass es offiziell ein drittes Geschlecht geben sollte. Das würde die Gesellschaft offener machen. Darauf hofft auch Cathrin Ramelow. Ihr Wunsch: Einmal im Leben normal zu sein. „Aber das ist mir nicht gegeben.“

Weitere Informationen und Hilfe unter www.schwulenberatungberlin.de/queer-leben.php und www.profamilia.de

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