Gesundheit : „Gute Lehre ist immer auch Provokation“

Susanne Baer, Vizepräsidentin der Humboldt-Universität, über den Bachelor und Studiengebühren

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Frau Baer, in Deutschland sind die Uni-Präsidenten normalerweise um die 60. Sie sind erst 42, da ist der Abstand zu den Studierenden nicht so groß. Sind die Missstände, unter denen Sie als Studentin gelitten haben, noch die gleichen?

Nein. Zwar ist die Nähe zur eigenen Studierendenbiographie ein gewisser Vorteil, aber die Studierenden haben heute mit neuen und anderen Fragen zu tun. Bachelor und Master sind neu, Wettbewerb ist präsenter und Berufsaussichten noch unsicherer als zuvor.

Was sind da die neuen Fragen?

Im Bachelor und Master werden Prüfungen studienbeleitend abgelegt. Das bedeutet eine Entlastung am Ende, aber auch höheren Druck während des Studiums. Zudem haben offenbar immer mehr Studierende Schwierigkeiten, sich ihr Studium zu finanzieren. Viele schaffen es kaum, ein intensives Bachelorstudium mit einem Job zu vereinbaren. In der Sprechstunde machen die Studierenden aber auch sehr interessante Vorschläge, zum Beispiel zur Lehre, zur Entwicklung der Universität, zum Umgang mit Wissen.

Sie selbst haben von der HU vor ein paar Jahren einen Preis für gute Lehre bekommen. Was macht gute Lehre aus?

Gute Lehre begeistert Studierende. In dem Seminar, in dem ich den Preis damals gemeinsam mit anderen bekommen habe, haben wir Studierenden gezeigt, wie man miteinander sehr kontrovers diskutieren kann, und dies mit dem Ziel, spannende Lösungen zu finden. Wichtig war es, die anspruchsvolle Dimension von Wissenschaft darzustellen, den Studierenden klar zu machen, dass Wissenschaft schwierig ist, aber niemanden abzuschrecken. Heute gibt es Methoden, die Zukunft haben und die wir an der HU intensiv fördern, zum Beispiel blended learning, also Mischungen aus internetbasierten Lernangeboten und der Interaktion im Seminarraum.

Ist die alte Vorlesung out?

Nein, aber die klassische Vorlesung muss so gestaltet werden, dass sie zum Bestandteil sehr guter Lehre wird. Das Entscheidende ist, die Studierenden dort abzuholen, wo sie stehen, sie dann mitzunehmen auf einen Stand, von dem aus sie weitergehen können, und sie schließlich immer noch ein Stück zu fordern, damit sie den Sprung auf die nächste Ebene machen. Wenn man das nicht vermitteln kann, dann hat man Langeweile produziert. Gute Lehre ist auch immer die Provokation, ins Neue hineinzudenken.

Was können Sie da bei Ihren Kollegen bewirken?

Die eine Seite ist die des kritischen Blicks, wenn Studierende die Lehre evaluieren. Die andere Seite ist die des Anreizes, also Motivation zu guter Lehre. Als Vizepräsidentin kann ich Innovationen in der Lehre auch finanziell fördern.

Damit die Lehre im Bachelor besser klappt als früher, wollen die Unis weniger Studierende aufnehmen. Hatte nicht die alte Massenuni den Vorteil, dass die Schulabsolventen wenigstens an die Hochschulen kommen durften, selbst unter schlechten Bedingungen?

Bachelor und Master führen nicht automatisch zu geringeren Studienchancen. Die Studienreform stellt einfach viel deutlicher als früher die Frage, ob ein Seminar mit 120 Leuten noch ein Seminar ist. Das zwingt uns, die Karten auf den Tisch zu legen. Niemand sollte so tun, als wäre exzellente Betreuung in überfüllten Seminaren möglich. Wenn die Studierenden in den Hörsälen der Massenuniversität keinen Platz finden, dann ist das keine Studienchance mehr. Was tun wir? Wir nehmen mehr auf als wir müssen, wir betreuen sie so gut wir können, und wir setzen irgendwo eine Grenze, um keinen Etikettenschwindel zu betreiben.

Ein neuer Studentenberg steht bevor. Zugleich sollen die Hochschulen nach der Verfassungsreform fast ausschließlich eine Angelegenheit der Länder werden. Werden die Studierenden in Berlin etwas davon spüren?

Die Föderalismusreform ist längst überfällig. Für die Hochschulen gerade in armen Bundesländern birgt sie aber erhebliche Risiken. Es kann nicht sein, dass eine renommierte Hochschule wie die Humboldt-Universität leidet, weil Berlin nicht mehr die Mittel hat, sie zu finanzieren. Man kann nicht behaupten, das Zukunftsreservoir der Bundesrepublik ist das Wissen, und es dann den Ländern ohne jede weitere Unterstützung überlassen, das zu regeln.

Berlin ist arm. Sind Studiengebühren unumgänglich?

Ich gehe nie davon aus, dass politische Entscheidungen wirklich unumgänglich sind. Aber: Studiengebühren könnten den Zugang zur Universität paradoxerweise gerechter gestalten. Wir müssen die Gebühren eben an die richtigen Bedingungen koppeln. Im Moment ist das gebührenfreie Studium nicht zuletzt eine Subvention für die, die sich das ohnehin leisten können. In der Bundesrepublik ist der Anteil der Studierenden aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund extrem niedrig. Also: gezielte Förderung, gute Rückzahlungsbedingungen, fairer Zugang – das ist wichtig.

Wie könnte ein faires Modell aussehen?

In Australien zahlt man die Gebühren, wenn man berufstätig ist. Das ist ausgesprochen fair – hier ist der Mehrwert klar, den man erlangt hat. Ich habe selbst in so einem Modell studiert und das als sehr gerecht erlebt. Solche Modelle könnten den Universitäten eventuell mehr Geld bringen, aber nicht zuletzt Studierenden auch zu einem besseren Standing verhelfen.

Das Fächerangebot der Unis ähnelt sich. Bietet die Humboldt-Uni Studierenden etwas, das andere nicht haben?

Bei uns wird es bald einen Studiengang Musik und Medien geben, der bundesweit einmalig ist. Einmalig ist auch der Studiengang Gender Studies. Dort werden aus der soliden Kenntnis der Fächer heraus übergreifende Fragen gestellt, wird also aus den Disziplinen heraus transdisziplinär gearbeitet. Da geht es nicht nur um Rollen, sondern auch um Bilder, um Mythen oder um Normen. Dieser Versuch, der zunächst als riskant oder gar modisch galt, ist ein richtiges Erfolgsmodell geworden. In vielen Fächern von der Informatik bis zur Medizin sind Kooperationen entstanden und ganz neue Forschungsfelder erschlossen worden. Insgesamt wird ja für die Humboldt-Universität auch in Zukunft wichtig sein, nicht nur auf Tradition und alte Autoritäten zu setzen, sondern auch auf Innovation und junge Leute. Hier werden die Dinge auch von den Rändern her gedacht. Das fasziniert nicht nur Studierende.

Sie planen auch einen „Humboldt-Bachelor“. Was hat es damit auf sich?

Meine Idee ist ein Studium, in dem Studierende ihren eigenen Studienplan entwerfen können. Sie sollten aus dem Angebot der Universität wählen und so neue, ungewöhnliche Kombinationen und Profile schaffen dürfen. Das qualifiziert für eine Gesellschaft im ständigen Wandel. Es wäre schön, wenn zum Jubiläum der Universität im Jahr 2010 Leute im Humboldt-Bachelor studieren würden.

Viele Bachelor-Studierende fragen sich, wie viele Plätze im Master überhaupt zur Verfügung stehen. Wann werden sie aufgeklärt?

Ich hätte die Studierenden gerne schon jetzt aufgeklärt, aber der Gesetzgeber plant noch eine Änderung im Zulassungsrecht. Der Master ist für die Universität ein wichtiger Studienabschnitt, denn da bilden wir den hoch qualifizierten Nachwuchs aus. Wir wollen möglichst vielen den Zugang ermöglichen. Was wir aber nicht wollen, ist Automatismus. Ein Ziel der Reform ist ja auch, Studienabschnitte individuell kombinierbar zu machen. Deswegen ist es auch unsinnig, Bachelor und Master zwingend und eng aufeinander folgend zu denken.

Welche Kriterien werden Sie für den Übergang aufstellen?

An der Humboldt-Universität versuchen wir, nicht nur die Studienleistung zu honorieren, sondern auch Leute, die sich engagieren, die schon im Beruf waren oder die besonders motiviert sind. Die Fakultäten entwickeln gerade ihre eigenen Kriterien. Wichtig ist, dass alle nach dem Bachelor eine Chance auf den Master haben.

Wenn die Humboldt-Uni im Herbst 2007 Elite-Uni werden sollte – welche Folgen könnte das für die Studierenden haben?

Wenn die Humboldt-Universität Erfolg hat, wird das ganz sicher positive Effekte für die Lehre haben, etwa in Form von Angeboten für besonders talentierte Studierende. In den Lebenswissenschaften etwa könnte man sich natürlich auch einen entsprechenden Bachelor und einen Master vorstellen, wo Studierende mit den Top-Leuten forschend lernen.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

Susanne Baer , 42, Professorin für öffentliches Recht und Geschlechterstudien, ist seit 2005 Vizepräsidentin für Studium und Internationales an der Humboldt-Universität

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