Gesundheit : Keilschrift: Frühgeschichtliches Bierrezept im Netz

Ingo Bach

Was für ein Albtraum für jeden Bürokraten: Aus dem Gedächtnis muss sich der Staatsbedienstete erinnern. Was sagte ihm der Amtsvorsteher vor zehn Tagen? Wieviel Sack Getreide soll der Bauer zur diesjährigen Aussaat erhalten und wieviel Steuern muss der Händler abführen? Kein Notizzettel, geschweige denn ein einklagbarer Vertrag erleichtert seine Aufgabe. Verwaltung kann so kaum funktionieren. Also blieb den ersten Hochkulturen der Menschheit nur ein Weg, um die entstehenden Reiche regieren zu können: eine Schrift zu erfinden.

Die früheste uns bekannte Schrift brachten vor über 5000 Jahren die Sumerer in Mesopotamien (im heutigen Irak) hervor: die Keilschrift. Und dieses uralte Kommunikationsmittel geht nun eine Verbindung ein mit dem jüngsten Medium, dem Internet. Als erstes Museum der Welt stellt das Berliner Vorderasiatische Museum Teile seiner Keilschriftsammlung ins Netz.

Diese ganz spezielle Form der Schrift kennt keine Bögen, sondern nur die Grundform Keile, die zu verschiedenen geometrischen Formen angeordnet werden. Der Grund dafür ist ein ganz praktischer: Die Sumerer benutzten zugeschnittene Schilfrohrstäbchen als Schreibgerät, die sie schräg in den weichen Ton pressten. So entstand die Keilform.

Die einfache Handhabung der Keilschrift ermöglichte ihr einen Siegeszug ohne Gleichen. Selbst die Nachfolgereiche der Sumerer - das Assyrische oder das Babylonische Reich - benutzten die Keilschrift, obwohl sie eine ganz andere Sprache besaßen.

Über 3000 Jahre lang war die Schrift in Gebrauch. "Das jüngste uns bekannte Keilschriftdokument stammt aus dem Jahre 75 nach Christus", sagt Joachim Marzahn, Kustos der Berliner Keilschriftsammlung. Im 18. Jahrhundert stießen Orientreisende auf die geheimnisvolle Schrift, im 19. Jahrhundert gelang ihre Entschlüsselung.

Die Tafeln wurden über den ganzen Globus verteilt: Archäologenteams schickten viele der Dokumente als wissenschaftliche Trophäen oder Forschungsobjekte in ihre Heimatländer, die Museen tauschten sie untereinander aus und manche Tafeln gingen als begehrte Sammlerobjekte in den Kunsthandel.

Das Vorderasiatische Museum beherbergt eine der bedeutendsten Keilschrift-Sammlungen der Welt. Denn die deutschen Archäologen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Mesopotamien gruben, hatten Glück. In den Ruinen der sumerischen Stadt Uruk entdeckten sie ein umfangreiches Archiv der ersten Bürokratie der Menschheit - oder besser einen Müllhaufen der Geschichte. Denn die insgesamt 5000 Tontafeln waren nicht mehr benötigtes "Altpapier", achtlos auf einen Haufen geworfen, wo sie fünf Jahrtausende überdauerten.

Die frühesten Keilschriftzeichen, die um 3200 vor Christus in den Ton geritzt wurden, waren noch Piktogramme. Eine Schrift in Bildern, die eine ganze Fülle von Informationen enthielten. Sternförmig angeordnete Keile stehen zum Beispiel für Himmel. Trotzdem besaßen sie schon Lautwerte. Denn Stern heißt "An" und wurde so auch als Lautwert für diese Silbe benutzt.

Es sind die Probleme des Alltags einer längst vergangenen Epoche, die uns aus den Texten entgegentreten: Abrechnungen, Materialzuteilungen, Berechnungen von Grundstücksgrößen, Quittungen - und sogar das Rezept für die Herstellung von Bier, damals ein Grundnahrungsmittel. Das Rezept aus der Berliner Sammlung findet sich auf einer handtellergroßen Tontafel aus dem 24. vorchristlichen Jahrhundert. Es listet fein säuberlich auf, was in das nahrhafte Getränk gehört: Für zwanzig Gefäße "rotbraunes Bier", das wir heute wohl als "Dunkles" bestellen, benötigten die antiken Brauer 300 Liter Spelz (eine frühe Getreideart), 300 Liter Bierbrote - eine Art Würzbrot, das mit vergoren wurde - und 450 Liter Malz.

Es sind weniger literarische, als bürokratische Dokumente, die aus der Frühzeit der Keilschrift überliefert sind. Etwa 15 Prozent der Berliner Tafeln sind Schultexte, das heißt immer und immer wieder kopierte Übungstexte, mit denen die Schreiber Mesopotamiens ihr schwieriges Handwerk erlernten.

Die Sammlung des Vorderasiatischen Museums ist eine der größten der Welt: 25 000 Tafeln, wovon nur sehr wenige Beispiele in den Schauräumen auf der Museumsinsel zu sehen sind - der Rest wird im Magazin verwahrt. Die letzte große Neuerwerbung ging vor zwei Jahren an das Museum. Die Freie Universität übergab 69 Stücke aus dem Nachlass des Schweizer Sammlers Erlenmeyer. Der Berliner Senat hatte die Tafeln 1988 auf einer Kunstauktion in London ersteigert. "Von unserer Sammlung machen wir jetzt 3200 aus der frühesten Epoche der Schriftentwicklung, dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrtausend, zugänglich", sagt Beate Salje, Direktorin des Museums.

Die Tontafeln wurden ganz einfach von allen Seiten mit einem Flachbettscanner digitalisiert und dann ins Netz gestellt. Vielen Dokumenten wurde eine Umschrift des zu lesenden Textes beigefügt, doch Übersetzungen wird man in dem Internet-Angebot vergeblich suchen. Nur wenige Experten können die Keilschrift lesen - und das ist auch ein Grund für dieses umfangreiche Internet-Projekt, an dessen Ende eine digitale Keilschriftbibliothek stehen soll, die alle bedeutenden musealen Sammlungen umfasst.

In der nächsten Zeit wollen die Fachleute auch Übersetzungen bieten und damit Spezialwissenschaftlern, wie Astronomen, Juristen oder Erkenntnistheoretikern die Möglichkeit geben, die alten Texte inhaltlich auszuwerten. Das Internet-Angebot des Vorderasiatischen Museums - eine Kooperation mit dem Max Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der University of California in Los Angeles - ist ein Vorreiterprojekt, das Modell sein kann für ähnliche Projekte, an denen derzeit gearbeitet wird, wie einer digitalen Bibliothek ägyptischer Papyri oder mittelamerikanischer Codices. Und das Ganze kann auch praktische Auswirkungen haben: "Es gibt bereits Versuche, das Bier der alten Sumerer nachzubrauen", sagt Keilschriftexperte Marzahn.

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