Gesundheit : Kinder geschiedener Eltern trennen sich auch selbst häufiger

Michael Klein

Wenn Eltern sich scheiden lassen, dann haben sie nicht selten Kinder, die sich auch scheiden lassen. Dieser international feststehende Befund gilt auch für Deutschland, wie Heike Diefenbach, Soziologin an der Universität Leipzig, in ihrer Doktorarbeit gezeigt hat. Insgesamt 5020 Menschen wurden im Rahmen der Mannheimer Scheidungsstudie zu ihrer Ehe und - sofern erfolgt - zu ihrer Scheidung befragt. Die statistischen Analysen von Heike Diefenbach zeigen: Bereits fünf Jahre nach der Heirat ist gut ein Viertel der Ehen geschieden, an denen mindestens ein Partner beteiligt war, dessen Eltern sich in seiner Kindheit scheiden ließen. Dagegen sind Ehen, an denen kein Partner mit geschiedenen Eltern beteiligt ist, deutlich stabiler: Nach fünf Jahren bestehen noch um 90 Prozent.

Es scheint, als würden Eltern, die sich scheiden lassen, etwas an ihre Kinder weitergeben, das deren Scheidungswahrscheinlichkeit deutlich erhöht. Diesem Phänomen versuchte Heike Diefenbach sich in ihrer Doktorarbeit zu nähern. Grundsätzlich, so Diefenbach, gebe es mehrere Möglichkeiten, wie man erklären könne, dass Kinder geschiedener Eltern ein höheres Scheidungsrisiko haben als Kinder, deren Eltern nicht geschieden sind. So seien Kinder, die die Scheidung ihrer Eltern erlebt haben, gegenüber einer Scheidung der eigenen Ehe als Mittel zur Konfliktlösung offener eingestellt als Kinder nicht geschiedener Eltern.

Entspreche die eigene Ehe nicht den zumeist übersteigerten Erwartungen einer "lebenslänglichen Liebe", dann - so die Annahme - seien Kinder geschiedener Eltern schneller bereit, sich scheiden zu lassen. Leider, so Heike Diefenbach, gebe es bislang keine Daten, mit denen diese Annahme für Deutschland geprüft werden könne. Dagegen steht fest, dass die Anzahl geschiedener Ehen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Allein im Jahr 1997 wurden in Westdeutschland 161 265 Ehen geschieden, im Jahr 1960 waren es 48 878 Ehen. Entsprechend hat auch die Anzahl der Kinder zugenommen, die von einer Scheidung betroffen sind: Deren Anzahl variiert seit Beginn der 90er Jahre zwischen 100 000 und 150 000. Das heißt, so Heike Diefenbach, in den letzten 39 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, auf Kinder zu stoßen, deren Eltern geschieden sind, größer geworden. Zwangsläufig damit auch die Wahrscheinlichkeit zugenommen, unter Geschiedenen solche zu finden, deren Eltern bereits geschieden wurden.

Schlechtere Bildungschancen



Ist das erhöhte Scheidungsrisiko von Kindern geschiedener Eltern also nichts weiter als eine statistische Zwangsläufigkeit? Nein, sagt Heike Diefenbach und verweist auf die Ergebnisse ihrer Analysen: Das erhöhte Scheidungsrisiko ergebe sich auch aus der Zunahme geschiedener Ehen, aber nicht allein hieraus. Vielmehr setze die elterliche Scheidung etwas in Gang, das die Zukunftschancen der Kinder beeinflusse. Aus der amerikanischen Forschung weiß man, dass Kinder geschiedener Eltern in den USA beim Bildungsabschluss schlechter abschneiden als Kinder, deren Eltern nicht geschieden sind. Mit dem unterdurchschnittlichen Bildungsabschluss beginnen Kinder geschiedener Eltern in den USA quasi damit, Faktoren zu sammeln, die das Scheidungsrisiko erhöhen, sagt Heike Diefenbach: Sie gehen früher Partnerschaften ein und heiraten früher als Kinder nicht geschiedener Eltern.

Sammeln von Risiko-Merkmalen



Die Benachteiligung von Kindern geschiedener Eltern im Bildungssystem sei zwar für die USA gut belegt, in Deutschland gebe es jedoch keinen entsprechenden Befund: Kinder geschiedener Eltern hätten im deutschen Bildungssystem keine Nachteile und erreichten im Durchschnitt keinen schlechteren Bildungsabschluss als Kinder nicht geschiedener Eltern. Die elterliche Scheidung setzt also in Deutschland andere Prozesse in Gang als in den USA. Aber warum lassen sich in Deutschland Kinder geschiedener Eltern häufiger scheiden als Kinder nicht geschiedener Eltern?

Heike Diefenbach hält es für möglich, "dass die elterliche Scheidung für ein Kind insofern langfristige Folgen hat, als es von da an für den Rest seines Lebens mit dem Merkmal, ein Kind geschiedener Eltern zu sein, ausgestattet ist". Dann würden Kinder geschiedener Eltern für viele nicht die Heiratspartner "erster Wahl" darstellen. Dies wiederum verlange, dass der spätere Partner gegenüber Kindern geschiedener Eltern "aufgeschlossen" sei.

"Aufgeschlossene" Partner seien oft schon einmal verheiratet gewesen, hätten Kinder aus erster Ehe und verfügten über wenig Kapital, das in die neue Ehe investiert werden könne und somit auf lange Sicht eine neuerliche Scheidung hemme. Wer einen Partner mit bestimmten "risikohaften" Merkmalen wählt, setzt sich Krisen aus. In Ehen, an denen Kinder geschiedener Eltern beteiligt sind, kommt es häufiger als in anderen Ehen zu ernsthaften Belastungen, wie außereheliche Beziehungen oder Alkoholmissbrauch. Dagegen seien scheidungshemmende Faktoren, wie Kinder oder eigenes Wohneigentum, deutlich seltener zu finden als in Ehen von Kindern nicht geschiedener Eltern.

Andere Wissenschaftler sehen die Erklärung eher in einer "spezifischen Familiensubkultur". In der einen Beziehung sei eine Scheidung als Form der Konfliktlösung akzeptierter als in einer anderen Familiensubkultur. Weil diese Erklärung geringe Aufklärung bietet, geht Heike Diefenbach von anderen Zusammenhängen aus: Das Fehlen scheidungshemmender Faktoren wie gemeinsame Kinder oder gemeinsamer Besitz spielt eine ebenso große Rolle wie die Wahl eines Partners mit "risikohaften" Merkmalen. Das größte Risiko besteht indes für Ehen, an denen zwei Partner beteiligt sind, deren Eltern sich scheiden ließen. In solchen Ehen finden sich zwei Prototypen "hohen Scheidungsrisikos" zusammen oder anders formuliert: In solchen Ehen haben sich zwei gesucht und gefunden.

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