Gesundheit : Krankhaft sauber

Übertriebene Hygiene könnte eine Ursache für die Zunahme von Allergien sein

Hermann Feldmeier

Allergien gehören zu den Volkskrankheiten schlechthin. Hört man sich um, so scheint es kaum eine Familie zu geben, in der nicht mindestens eine Person an Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis oder einer anderen allergisch bedingten Erkrankung leidet. Statistiken belegen, dass in Mitteleuropa mittlerweile jedes fünfte Kind ein allergisches Gesundheitsproblem hat, in Großbritannien, Australien und Neuseeland sogar jedes dritte. Tendenz weiter steigend. Die Ursache der beunruhigenden Häufigkeitszunahme der Allergien in den letzten Jahrzehnten ist ungeklärt. Nun macht eine neue Theorie mit der einprägsamen Bezeichnung Hygiene-Hypothese von sich reden.

Die Hygiene-Hypothese besagt, dass durch eine verbesserte Haushalts-und Körperhygiene Kinder immer seltener mit infektiösen Mikroorganismen in Kontakt kommen. Ihr Immunsystem muss sich also deutlich weniger mit Erregern auseinander setzen als zu der Zeit, als desinfizierende Deosprays noch unbekannt waren, und die Körperhygiene sich auf das wöchentliche Bad in einer Zinkbadewanne konzentrierte. Die dermaßen unterbeschäftigten Abwehrkräfte kommen auf dumme Gedanken und produzieren Immunreaktionen, die eigentlich völlig überflüssig sind und sich in Form einer Allergie manifestieren.

Im Blickpunkt der Hygiene-Hypothese steht eine Gruppe von Erregern, die so unappetitlich wie häufig sind: Würmer. Diese Schmarotzer sind in den Industrieländern seit langem auf dem absteigenden Ast und sorgen in einer Familie nur noch gelegentlich in der Form des Peitschenwurms für Aufruhr, wenn ein Kind nach dem Stuhlgang ein sich ringelndes Etwas in der Toilettenschüssel findet. In Entwicklungsländern dagegen sind Würmer so häufig wie eh und je. Typischerweise haben nahezu alle Kinder Darmwürmer und häufig gleichzeitig auch noch Schmarotzer, die in der Haut, in den Lymph- und den Blutgefäßen ihr parasitäres Dasein führen. Häufig leben Würmer bis zu 20 Jahre im menschlichen Organismus, ohne dass ihnen die Abwehrkräfte etwas anhaben können.

Tropenmediziner kennen seit langem die schlimmen Folgen des Befalls mit Würmern (von Blutarmut bis hin zu Wachstumsstörungen), sie wissen aber auch, dass in einer Bevölkerung mit starkem Wurmbefall allergische Erkrankungen so gut wie unbekannt sind. Entwurmt man aber Kinder und beobachtet sie über längere Zeit, so steigt das Risiko einer allergischen Erkrankung bei denjenigen, die frei von Schmarotzern bleiben – und bleibt gering, wenn neue Parasiten den Weg in den Darm gefunden haben.

Die Erklärung liegt in der besonderen Art der Aktivierung körpereigener Abwehrkräfte durch Würmer. Sie stimulieren eine Gruppe weißer Blutkörperchen mit Namen eosinophile Granulozyten, und rufen die Bildung von Antikörpern vom IgE-Typ hervor. Diese immunologischen Merkmale findet man auch bei Allergikern. Hier sind diese Komponenten des Immunsystems allerdings an dem allergischen Krankheitsprozess beteiligt, wohingegen die eosinophilen Granulozyten und die IgE-Antikörper bei Parasitenträgern die Schmarotzer abtöten.

Holländische Forscher glauben, dass die extreme Schieflage des Immunsystems bei Wurmbefall für die Abwesenheit von Allergien verantwortlich sind. Die Wissenschaftler haben bei Untersuchungen von Kindern in Zentralafrika herausgefunden, dass Würmer eine Gruppe von Lymphozyten zur Vermehrung anregen, die als regulatorische T-Zellen bezeichnet werden. Diese Zellen produzieren einen Interleukin Il-10 genannten Botenstoff, der verhindert, dass Allergene das Immunsystem auf die falsche Bahn bringen. Geht die Zahl der regulatorischen T-Zellen zurück, beispielsweise wenn Würmer durch medikamentöse Behandlung entfernt werden, so ist der Entwicklung von Allergien quasi Tür und Tor geöffnet.

Die „heilsame“ Wirkung parasitärer Würmer auf ein außer Kontrolle geratenes Immunsystem wird bereits therapeutisch genutzt. So „füttert“ Joel Weinstock, ein Magen-Darm-Spezialist an der Universität von Iowa, Menschen, die an der Crohnschen Krankheit leiden (eine Entzündung des Dünndarms) mit im Labor gezüchteten Parasiten. Die Patienten müssen alle drei Wochen 2500 gereinigte Eier eines ungefährlichen Darmschmarotzers schlucken.

Die Erfolge dieser Wurmkuren sind frappierend: innerhalb von drei Wochen bildeten sich die Entzündungszeichen des Darms zurück, selbst bei Patienten, bei denen alle medikamentösen Behandlungen ohne Erfolg geblieben und denen bereits mehrfach Teile des Dünndarms chirurgisch entfernt worden waren. „Wir sehen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem immunregulatorischen Effekt durch die Darmschmarotzer“, sagt Weinstock, „und dem Rückgang der Entzündung im Dünndarm."

Auch bei anderen Erkrankungen, bei denen das Immunsystem falschen Alarm schlägt, wird versucht, durch gezielte Infektion die Körperabwehr wieder auf die richtige Bahn zu bringen. So behandelt Marco Salvetti von der Universität Rom Patienten mit multipler Sklerose mit einer harmlosen Variante des Tuberkuloseerregers.

Ob die Hygiene-Hypothese wirklich alle allergischen Erkrankungen erklären kann, ist unwahrscheinlich. Sicher spielt neben Umweltfaktoren auch eine genetische Veranlagung eine Rolle, ob jemand Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis bekommt. In einem sind sich die Forscher allerdings einig: übertriebene Sauberkeit und exzessive Körperhygiene richten bei den Abwehrkräften mehr Schaden als Nutzen an.

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