Krebsforschung : "Pflanzliches Östrogen kann Krebsrisiko erhöhen"

Viele Frauen vertrauen auf pflanzliche Östrogene zur Bekämpfung von Wechseljahrsbeschwerden. Lebensmittelchemikerin Sabine Kulling über Nutzen und Risiken alternativer Hormontherapie.

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Sabine Kulling -Foto: Uni Potsdam

Frau Kulling, während der Wechseljahre treten oft Beschwerden, Hitzewallungen etwa, auf. Viele Frauen möchten keine verschreibungspflichtigen Hormonpräparate nehmen. Pflanzliche Östrogene wie Soja- oder Rotkleepräparate erscheinen als gute Alternative. Warum sehen Sie das skeptisch?



Bei solchen Extrakten, die als Nahrungsergänzungsmittel in Apotheken, Reformhäusern und teilweise in Drogerien verkauft werden, gibt es keine Standards für Herstellung und verwendete Rohstoffe. Die Produkte unterscheiden sich deshalb stark in stofflicher Zusammensetzung und Art der Zubereitung. Zudem empfehlen die einzelnen Hersteller unterschiedliche Aufnahmemengen an Isoflavonen, also pflanzlichen Östrogenen – zwischen 20 bis 100 Milligramm am Tag, vereinzelt sogar bis zu 150 Milligramm. Für diese Empfehlungen gibt es keine wissenschaftliche Basis.

Werden denn Menge und Zusammensetzung auf der Packung richtig angegeben?


Der Verbraucher kann sich derzeit nicht auf die Angaben verlassen. Bei Rotklee macht mir zudem Sorgen, dass er viele unterschiedliche Isoflavone enthält, die nicht alle gleich wirken. Viele dieser Isoflavone sind noch gar nicht untersucht. Hinzu kommt, dass der Gehalt oft nicht deklariert wird. Auch bei Sojapräparaten sind die Angaben häufig fehlerhaft.

Aber die Frauen merken doch selbst, welche Menge sie nehmen müssen, um die Beschwerden zu lindern.

Ob und wie gut die Präparate gegen Hitzewallungen wirken, wird in wissenschaftlichen Studien nicht übereinstimmend gezeigt. Häufig war keine Wirkung nachweisbar, in einigen wenigen Studien eine schwache. Manchmal gab es eine Wirkung zu Beginn der Einnahme, bei längerer Verwendung dann nicht mehr. Die Annahme, die Präparate seien völlig nebenwirkungsfrei und man könne sie bei unzureichender Wirkung ruhig höher dosieren, könnte dazu führen, dass die aufgenommene Menge an Isoflavonen sehr hoch wird.

Welche Risiken hat eine Überdosierung?

Mit dem Alter wächst das Risiko für Frauen, an Brustkrebs zu erkranken. Fast drei Viertel dieser Erkrankungen treten bei Frauen im Alter von über 50 Jahren auf. Die Zellen der meisten Brusttumore haben "Antennen" für Östrogene. Zu fürchten ist, dass das Risiko einer Brustkrebserkrankung weiter erhöht werden könnte, wenn eine hohe Dosis pflanzlicher Östrogene über einen langen Zeitraum eingenommen wird. Frauen, die schon Brustkrebs haben, wird deshalb davon abgeraten, Präparate mit pflanzlichen Östrogenen zu nehmen. Diese heben auch die Wirkung des Medikaments Tamoxifen auf, das die Hormon-Antennen des Tumorgewebes blockieren soll.

Die Werbung sagt oft, dass Phytoöstrogen-Produkte die Knochen stärken.

Dafür gibt es noch keine wissenschaftlichen Langzeitstudien, die das belegen. Frauen, bei denen Osteoporose ein ernsthaftes Problem darstellt, könnten durch die Einnahme der pflanzlichen Östrogene wertvolle Zeit verlieren, in der sie mit einer wirksamen Therapie hätten beginnen könnten.

Wie ist die Wirkung auf die Schilddrüse?

Auch für die Schilddrüse könnten sich negative Wirkungen ergeben. Bei Frauen steigt mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit, eine leichte Unterfunktion der Schilddrüse zu bekommen. Vor allem wenn man zu wenig Jod zu sich nimmt, können Isoflavone das noch verstärken. Bei Menschen, die auf die Zufuhr von Schilddrüsenhormon angewiesen sind, könnten sich Isoflavone ungünstig auf die Einstellung des Schilddrüsenhormonspiegels auswirken. Meine Einschätzung der Isoflavon-Präparate teilt übrigens auch die Senatskommission zur Beurteilung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Lebensmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die hat zu diesem Thema im November 2006 eine ausführliche Stellungnahme verfasst, die im Internet frei erhältlich ist.

In asiatischen Ländern stehen Sojaprodukte täglich auf dem Speiseplan. Gesundheitliche Gefahren sind nicht bekannt, und den Frauen in den Wechseljahren soll es dort besser gehen. Spricht das nicht für die pflanzlichen Östrogenpräparate?

Nur teilweise. Erstens sind die Zusammenhänge leider nicht so einfach und eindeutig, wie das oft dargestellt wird. Wer den asiatischen Kulturkreis etwas kennt, der weiß, dass Asiaten sehr zurückhaltend sind. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es wirklich stimmt, dass asiatische Frauen weniger an Wechseljahrsbeschwerden leiden als europäische. Zum anderen kann man die Essensgewohnheiten nicht vergleichen: Sojaprodukte wie Tofu, Tempeh oder Miso sind in Asien nur ein Bestandteil der pflanzlichen Lebensmittel, die in höherer Vielfalt und größerer Menge verzehrt werden. Die Menschen nehmen ihr ganzes Leben lang Sojalebensmittel in etwa gleich bleibenden, mäßigen Mengen mit der Nahrung auf – und nicht erst ab einem bestimmten Alter Sojaextrakte in hoher Dosierung als Nahrungsergänzungsmittel.

Babys und Kleinkinder werden bei uns teilweise schon früh mit Ersatzprodukten auf Sojabasis ernährt. Bekommen sie dadurch zu viele weibliche Hormone?

Das stimmt leider. Säuglingsnahrung auf Sojaproteinbasis enthält beachtliche Gehalte an Isoflavonen. Zwischen den einzelnen Produkten gibt es nach unseren Untersuchungen keine Unterschiede. Verwendet man die Säuglingsnahrung nach den Angaben der Hersteller, dann ist die zugeführte Isoflavon-Dosis extrem hoch – sie ist um ein Vielfaches höher als die Dosis, die bei Frauen in der Menopause zur Linderung von Beschwerden eingesetzt wird. Man weiß heute, dass Isoflavone auch im kindlichen Organismus gut aufgenommen werden und dann in hoher Konzentration im Blut nachweisbar sind. Das verursacht bei mir großes Unbehagen.

Welche Gefahren sehen Sie konkret?

Die ersten Lebensmonate stellen eine kritische Phase dar. Die hormonelle Umgebung des Neugeborenen wirkt stark auf die sexuelle Entwicklung, die Entwicklung der Geschlechtsorgane, des Nervensystems einschließlich des Gehirns und des Immunsystems. Man weiß noch zu wenig, um sicher ausschließen zu können, dass diese Isoflavon-Menge zu keinen unerwünschten Effekten führt. Vor allem die Langzeitwirkung ist nicht bekannt. Eltern sollten deshalb nicht ohne medizinischen Grund oder nur auf Basis ethischer oder ökologischer Überzeugungen Sojanahrung verwenden.

Ist das denn üblich?

Zum Glück ist die Verwendung von Sojanahrung in Deutschland nicht sehr verbreitet. In den USA und Israel erhalten aber inzwischen etwa ein Drittel der Neugeborenen Sojanahrung, in einigen europäischen Ländern wie Großbritannien oder Italien sind es immerhin fünf Prozent.

Manche sagen: Das kann doch nicht bedenklich sein, wo doch Kinder in Asien mit viel mehr Soja aufwachsen als in Europa.

In dieser Argumentation stecken Fehler: Erstens werden die Babys in Asien nicht mit Sojanahrung ernährt, sie werden vielmehr gestillt oder bekommen Säuglingsnahrung auf Basis von Kuhmilcheiweiß. Damit ist auch die Aufnahme von Isoflavonen in den ersten beiden Lebensjahren recht niedrig – ganz im Gegensatz zur Verwendung bei Soja-Säuglingsnahrung.

Auch die kinderärztlichen Fachgesellschaften haben deshalb reagiert.

Deutsche wie europäische Fachgesellschaften für Kindermedizin oder pädiatrische Ernährung sind sich einig, dass Säuglingsnahrung auf Sojaproteinbasis nur in medizinisch begründeten Einzelfällen verwendet werden sollte. Wenn Kinder nicht mehr gestillt werden und Milchzucker nicht vertragen. Das ist sehr selten. Selbst wenn ein Baby Kuhmilch-Eiweiß nicht verträgt, sollte Sojanahrung in den ersten sechs Monaten nicht eingesetzt werden. Die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit rät sogar bei Kindern unter drei Jahren ganz von der Verwendung von Sojaprodukten ab.

Frage an die Lebensmittelchemikerin: Sind wir generell zu sorglos, wenn ein Produkt als "natürlich" etikettiert wird?

Ja. Es hat sich festgesetzt, dass "natürlich" gleichbedeutend ist mit "sicher" und "frei von Nebenwirkungen". Das ist aber keineswegs so. Nach wie vor gilt, dass wir die stärksten Gifte in der Natur finden. Außerdem macht die Dosis das Gift – dieser Satz von Paracelsus gilt heute noch uneingeschränkt – gerade auch für Stoffe aus der Natur.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner

Sabine Kulling (40) hat seit 2005 den Lehrstuhl für Lebensmittelchemie am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Potsdam inne.

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