Gesundheit : „Küssen Sie mich!“

Warum Loriot komisch ist: Ein Linguist auf der Spur von Deutschlands beliebtestem Humoristen

Kilian Kirchgeßner

„Da bist du nun beinahe fast gerade erst geboren, und schon sitzen wir hier zusammen beim Essen.“ Sagt Loriot. Eigentlich soll es ein Aufklärungsgespräch zwischen Vater und Sohn werden, aber der Vater windet sich krampfhaft um das heiße Thema. Das Publikum fängt schon an zu lachen – aber weshalb eigentlich? Loriot bezieht seinen Witz nicht von oberflächlichen Pointen, er arbeitet subtiler. Womit genau der große Komiker seine Leser und Zuschauer zum Lachen bringt, will eine Dissertation aus Bochum herausfinden. Ganz nebenbei ist dabei das bisher umfangreichste Werkeverzeichnis von Loriot entstanden – auf 320 Seiten.

Der Germanist Uwe Ehlert untersucht in seiner Dissertation mit dem Titel „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“ zwei Dutzend von Loriots Werken. Dabei versucht er, Parallelen zu finden, ein einheitliches Schema, nach dem der Witz Loriots zu erklären ist. Das Ergebnis ist verblüffend: Es gibt tatsächlich ein Grundmuster in Loriots Werken – das aber ist nicht etwa genial erfunden, sondern schlicht und einfach der Realität entliehen.

Ein Paradebeispiel, das symbolisch für Loriots Witz steht, ist die legendäre Straßenumfrage. „Entschuldigen Sie, ich bin von Radio Bremen...“, sagt der Reporter und die Passantin antwortet: „Ooch, das tut mir Leid, jetzt habe ich leider gar kein Kleingeld dabei!“ Warum ist das lustig? Ganz klar, meint Uwe Ehlert in seiner Dissertation: Weil es ein dickes Missverständnis ist. Beide Sätze für sich genommen sind völlig alltäglich und nicht witzig – erst die unvermutete Kombination lässt den Leser lachen. „Die Absurdität der Darstellung entsteht (...) durch die Kombination nicht kompatibler Versatzstücke unterschiedlicher Kommunikationssequenzen“, heißt das im Dissertations-Deutsch.

Szenenwechsel. Ein Chef will seine Sekretärin verführen – „Vom Glück der Liebe“ heißt der Sketch, in dem Loriot diese Geschichte aufs Korn nimmt. Der verklemmte Chef begeht darin sämtliche Fehler, die ein Liebhaber nur machen kann. Er fällt bei der ersten Annäherung ungeschickt zwischen die „auseinander gleitenden Sessel“ in der Sitzgruppe, fordert dann vom Boden aus: „Küssen Sie mich!“ Die Sekretärin, die keine Akrobatin ist, entgegnet schlicht: „Es geht nicht“, worauf der Chef verzweifelt ruft: „Aber es muss gehen! Andere machen es doch auch!“ Die Antwort der Sekretärin: „Es darf nur nicht zur Routine werden!“ Natürlich hat sie Recht – in dieser Situation aber, bei der ersten Annäherung, ist die Floskel völlig unpassend. Der Witz entsteht auch hier dadurch, dass Loriot zwei ganz normale Gesprächsfetzen in einer absurden Situation kombiniert.

In seiner Dissertation hat Uwe Ehlert in einer hermeneutischen Strukturanalyse untersucht, wie Loriots Werke aufgebaut sind. Er fand zwei Grundprinzipien: Loriot zeigt nur Szenen, die auch im Alltag passieren könnten. Völlig unrealistische Handlungen gibt es bei ihm nicht. Ein Beispiel ist Loriots Monolog mit dem Titel „Ausgebrochene Sträflinge“: Da verkündet ein Fernsehmoderator, dass alle Häftlinge in ganz Deutschland ausgebrochen seien. Ganz im Stile von „Aktenzeichen XY“ liest er die Personenbeschreibung vor: „Die Sträflinge sind durchschnittlich 1,71 Meter groß, haben insgesamt 685 Blinddarmnarben und 1367 Zahnlücken.“

Die zweite Erkenntnis der Dissertation: Der Witz entsteht durch punktuelle Übertreibungen und durch Missverständnisse – also dadurch, dass bekannte Floskeln unpassend miteinander kombiniert werden. An dieser Stelle überträgt Uwe Ehlert die Loriot-Forschung auf das echte Leben. „Kommunikationsfehler passieren nicht nur bei Loriot, die unterlaufen jedem von uns ständig“, ist sein Fazit: „Missverständnisse sind innerhalb der personalen Kommunikation nicht die Ausnahmen, sondern die Regel!“ Weil Menschen unterschiedliche Wortschätze haben, weil sie sich mit Vorurteilen begegnen oder die ironische Grundhaltung des Gegenübers nicht erkennen, lassen sich Fehler in normalen Gesprächen nicht vermeiden. „Loriot hält uns einfach den Spiegel vor, zeigt uns das, was jederzeit auch unter uns passieren kann!“

Schade ist nur, dass Uwe Ehlert in seinem 650-Seiten-Wälzer keinen flüssigen Sprachstil findet, er wird zum Opfer der pseudo-akademischen Substantivierungssucht. Eigentlich ist das Thema doch so richtig knackig – und das Ergebnis liest sich trotzdem so, als ginge es um die Getreidepreise unter Karl dem Großen. Damit dürfte das Werk eher zum Staubfänger in ehrwürdigen Uni-Bibliotheken werden als zum Glanzstück in der häuslichen Devotionaliensammlung der Loriot-Fans.

Zehn Jahre lang hat der Kommunikationswissenschaftler und Germanist Uwe Ehlert (44) berufsbegleitend an seiner Dissertation über die Darstellung von Missverständnissen im Werk Loriots gearbeitet. Der 650 Seiten starke Band mit dem Titel „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“ ist mit einer Auflage von 200 Stück im Alda-Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 68 Euro. Eine preiswertere Ausgabe, die sich mit den besten Szenen aus Loriots Werk in besser lesbarer, nicht-akademischer Sprache beschäftigt, ist derzeit in Arbeit.

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