Gesundheit : Lebenserwartung: Im Osten stirbt man eher

Rosemarie Stein

Im Osten Deutschlands ist man kränker und man stirbt früher, vor allem am Herzinfarkt. Ursache scheint eine Melange aus den Nachwirkungen des real existierenden Sozialismus, Thüringer Rostbratwurst und Mängeln der medizinischen Versorgung zu sein. Dies war Thema einer der interessantesten Diskussionsrunden auf dem "Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit" in Berlin.

Noch immer ist die Lebenserwartung in den neuen Bundesländern niedriger als in den alten, obgleich sie im letzten Jahrzehnt ständig stieg, sagte Bertram Häussler, Leiter des Berliner "Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung". Dieser Unterschied hat eine lange Vorgeschichte. Bis Mitte der siebziger Jahre verlief die Entwicklung in beiden Teilen Deutschlands parallel. Teilweise lebten in der DDR die Männer sogar etwas länger. Dann öffnete sich die Schere: Im Vergleich zur Bundesrepublik stieg die mittlere Lebenserwartung in der DDR weit langsamer - wie im gesamten Ostblock.

"Schon daran hätten die westlichen Geheimdienste den desolaten Zustand der Ökonomie im Osten klar erkennen können", meinte Häussler. Denn die Lebenserwartung hängt vor allem von den Lebensumständen ab. 1989 starben in der DDR Männer mit durchschnittlich 70,1, Frauen mit 76,4 Jahren; in der Bundesrepublik aber wurden Männer 72,6 und Frauen 79 Jahre alt. Nach einem "Wende-Knick" stieg dann die Lebenserwartung in den neuen Ländern schneller an - aber noch immer langsamer als in den alten. Auch noch 1997 - die letzten vom Bundesgesundheitsministerium genannten Zahlen - starben im Osten die Männer durchschnittlich 2,3 und die Frauen 1,2 Jahre früher als im Westen. Erst in fünfzehn bis zwanzig Jahren dürften sich die Zahlen angeglichen haben, schätzt Häussler.

Einen besonders hohen Anteil am vorzeitigen Tod im Osten haben die Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das zeigte sich schon beim erwähnten "Wende-Knick": Von 1989 auf 1990 sank in der zusammenbrechenden DDR die Lebenserwartung der Männer um fast ein Jahr. Es gab nicht etwa mehr Suizide. Aber 10 000 Männer starben zusätzlich, 2000 davon am Herzinfarkt, ebenso viele an Alkoholkrankheiten wie Leberzirrhose, nicht gerechnet die 2000 zusätzlichen Verkehrsopfer. Wahrscheinlich hatten diese Todesarten dieselbe Wurzel: psychosozialen Stress, vermutet Häussler.

Nach seinen Ermittlungen war der plötzliche Anstieg real und kein Messfehler. In dem Überblick über "Gesundheit in den neuen Ländern", den das Bundesgesundheitsministerium vergangenes Jahr als Broschüre publizierte, heißt es dagegen: "Diese sprunghaften Veränderungen der Herzinfarktsterblichkeit" - wie auch anderer Todesursachen - "beruhten hauptsächlich auf einem veränderten Vorgehen beim Kodieren". Wegen der anderen Verschlüsselung seien zu DDR-Zeiten die Infarkt-Todesfälle unterschätzt worden. "Die Infarktsterblichkeit hat mit der Wende nicht zugenommen - wir hatten früher eine andere Zählweise", sagte auch die Erfurter Medizinprofessorin Ingeborg Aßmann. Und Eckart Frantz vom Deutschen Herzzentrum äußerte Zweifel an der Qualität aller Vor-Wende-Daten.

Die Ost-West-Vergleiche des letzten Jahrzehnts dagegen dürften eher stimmen. Danach erkranken und sterben in allen fünf neuen Ländern relativ mehr Menschen an Herzinfarkt als in den alten. Nach einer Hochrechnung starben 1995 am Herzinfarkt auf 10 000 Einwohner rund 40 Männer und 46 Frauen im Osten, aber 33 Männer und 26 Frauen im Westen. Eckart Frantz erörterte die Gründe. Sind Herzkranke im Osten schlechter versorgt, so dass es öfter bis zum Infarkt kommt? In der Tat kommt in den neuen Ländern ein Kardiologe auf 50 000 Einwohner, in den alten auf 35 000, und im Westen werden viel mehr ärztliche Leistungen erbracht, darunter allerdings auch viel Überflüssiges, meinte Frantz. Im Osten dagegen machen die ambulant tätigen Ärzte oft kein EKG, wo es nötig wäre.

Entscheidend aber ist: Infarktpatienten erreichen das Krankenhaus erst nach durchschnittlich 210 Minuten, eine halbe Stunde später als im Westen. Nicht optimal behandelt werden im Westen gut die Hälfte, im Osten 66 Prozent der Infarktpatienten. In den Krankenhäusern ist dann die Sterblichkeit nach Infarkt in Ost und West gleich, und die Komplikationsrate liegt in den hochgerüsteten West-Kliniken sogar etwas höher. Es kommt also darauf an, den Infarkt früher zu erkennen und die Kranken schneller in die Klinik zu bringen: durch Aufklärung der Bevölkerung und Fortbildung der Ärzte.

Aber warum sind eigentlich Herzkrankheiten im Osten häufiger, auch bei Jüngeren? Ingeborg Aßmann sieht die Gründe im Verhalten und in den Verhältnissen. Eine ungesündere Lebensweise - Bewegungsarmut, Nikotin, Alkohol, zu reichliche und fette Kost - fördert Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöht Blutfette, Diabetes und Übergewicht. Die Professorin aus Erfurt: "Wir Thüringer sind am dicksten. Also müssen wir Rostbratwurst und Klöße durch mediterrane Kost ersetzen." Als weiteren wichtigen Risikofaktor nannte sie psychosozialen Stress: "Viele haben ihren Infarkt bekommen, als sie arbeitslos oder vorzeitig berentet wurden. Ihre Folgerung: Um in den neuen Ländern die erhöhte Krankheits- und Sterberate - nicht nur am Herzinfarkt - zu normalisieren, muss man neben dem gesundheitsschädlichen Verhalten vor allem die krankmachenden sozioökonomischen Verhältnisse ändern, zum Beispiel die Berufschancen der jungen Leute verbessern.

Also schon bei den Risikofaktoren ansetzen, außerdem die Frühdiagnostik verbessern, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, Hans-Joachim Helming, der die Diskussion zusammenfasste. Dabei hob er hervor, dass wegen der Vielschichtigkeit der Einflüsse viele verschiedene Anstrengungen notwendig sind, um die Zahl der Infarkte zu senken.

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