Lymphsystem : Abfalltransport durch den Körper

Nicht nur Blut fließt vom Kopf bis zu den Füßen, sondern auch noch eine andere Flüssigkeit: Die Lymphe. Aber wie funktioniert dieses System? Und welche Aufgaben haben die Lymphknoten? Eine Exkursion ins Innere erklärt die wichtigsten Funktionen.

Björn Rosen
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Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt des Lymphsystems, das sich durch den ganzen Körper zieht. -Foto: picture-alliance

WAS IST ÜBERHAUPT LYMPHE?



Der Name bedeutet so viel wie „klares Wasser“ (Latein). Das mag rein und sauber klingen. Tatsächlich ist die Lymphe aber eine Flüssigkeit von blasser, hellgelber Farbe. Durch meterlange, haarfeine Kanäle fließt sie durch den gesamten Körper, vom Kopf bis zu den Füßen – ein Transportsystem für die unterschiedlichsten Stoffe. Wie eine Art Kanalisation verläuft das Netzwerk stets parallel zu den Blutbahnen.


WAS WIRD ÜBER DAS LYMPHSYSTEM TRANSPORTIERT?

Alles, was sich zwischen den Körperzellen sammelt. Zum Beispiel sickern ständig Nährstoffe und Flüssigkeit aus den feineren Verästelungen der Venen ins Gewebe: Die Zellen nehmen davon auf, was sie brauchen. Was sie nicht verwenden oder aufnehmen können, bleibt zurück; die Blutgefäße können es nicht wieder „aufsaugen“. Zusätzlich geben die Zellen selbst Stoffwechselprodukte ab. All dieser „Abfall“ würde sich auf Dauer in den Zellzwischenräumen stauen und muss deshalb weggeschafft werden – eben über die feinen Kapillaren des Lymphsystems, die die überschüssigen Stoffe durch Öffnungen aufnehmen und in größere Lymphgefäße weiterleiten. Und so enthält die Lymphe neben Wasser etwa auch Harnstoff, Kohlenhydrate und Eiweiße. „Die Flüssigkeit und die gesammelten Stoffe werden über das Gefäßsystem bis zu einem zentralen Sammelpunkt im oberen Teil des Brustkorbs transportiert und dort wieder in die Venen geleitet“, sagt Ingelore Warsow, Ärztin in Steglitz und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie. „Ein Großteil gelangt mit dem Blut in die Niere und wird schließlich ausgeschieden.“ Pro Tag fließen über zwei Liter Lymphe durch die Lymphgefäße. Für die Pumpbewegungen sind Teile der Gefäße (die Lymphherzen) zuständig, die sich in jeder Minute dutzendfach durch Muskelkontraktion zusammenziehen.


WELCHE ROLLE SPIELEN EIGENTLICH DIE LYMPHKNOTEN?

Eine große. Denn in der Lymphe landen neben harmlosen Stoffen auch Krankheitserreger und andere Fremdkörper. Sie herauszufiltern – und damit Schaden vom Körper abzuwenden – ist Aufgabe der Lymphknoten, wie es sie etwa in der Hals-, Achsel- und Leistengegend gibt. Als linsen- oder bohnenförmige Unterbrechungen sind sie den Gefäßbahnen zwischengeschaltet und haben eine Größe von ein bis 20 Millimetern. „In den Knoten gibt es Abwehrzellen, die Bakterien und Viren erkennen und bekämpfen können: Makrophagen und Lymphozyten“, sagt Lymphologin Warsow. Sie zählen zu den weißen Blutkörperchen. Weil die Lymphknoten mithelfen, Eindringlinge zu beseitigen, steigern sie bei einer Infektion ihre Leistung und schwellen an. Bei einer Virusgrippe sind es etwa die Lymphknoten im Hals, die deshalb einige Tage wehtun können. Neben den Knoten gibt es noch andere „lymphatische Organe“, in denen Lymphozyten gebildet oder aktiv werden. Dazu zählen unter anderem die Milz, die Mandeln und das Knochenmark.


WARUM ENTNIMMT MAN BEI EINER KREBSERKRANKUNG LYMPHKNOTEN?

Lymphknoten fangen nicht nur Bakterien und Viren, sondern – bei einer Krebserkrankung – auch Tumorzellen ab. Leider können sich diese Zellen gerade über das Lymphsystem gut im Körper verbreiten. Um dieses Risiko zu minimieren und um festzustellen, wie stark der Krebs „gestreut“ hat, entnimmt man einzelne Knoten in der Nähe eines Tumors – bei Brustkrebs zum Beispiel aus der Achselhöhle. Je mehr Knoten herausoperiert werden, desto mehr gerät das Lymphsystem aus dem Gleichgewicht; die Lymphflüssigkeit kann nicht mehr richtig abfließen. Immerhin weiß man mittlerweile, dass es oft genügt, zunächst nur einen bestimmten Knoten herauszuoperieren, den die Krebszellen auf jeden Fall passieren müssen: den „Wächter-Lymphknoten“. Ihn machen die Ärzte ausfindig, indem sie dem Patienten etwa ein radioaktives Präparat spritzen, mit dem man den Weg der Lymphe verfolgen kann.


KÖNNEN LYMPHKNOTEN ALLEIN VON KREBS BETROFFEN SEIN?

Ja, dann spricht man von „malignen Lymphomen“. Die Medizin unterscheidet zwischen den recht gut behandelbaren Hodgkin- und den sehr vielfältigen Non-HodgkinLymphomen (NHL). Letztere kommen immer häufiger vor. Welche Therapie bei NHL zum Zug kommt, hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Bei wenig aggressiven und langsam fortschreitenden Non-Hodgkin-Lymphomen raten die Ärzte sogar zu „watch and see“: abwarten und beobachten.


WIE ENTSTEHT EIN LYMPHÖDEM?

Bei einem Lymphödem staut sich die Lymphflüssigkeit an einer bestimmten Stelle, oft in den Beinen, aber auch in den Armen. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Die Ursachen sind individuell sehr unterschiedlich. Primäre Lymphödeme, bei denen die Gefäße wegen einer Entwicklungsstörung nicht richtig funktionieren, kommen selten vor. Häufiger wird der Stau durch OP-Narben und Verletzungen verursacht. Wenn die Lymphbahnen undicht sind, kann eine Entzündung durch Streptokokken schuld sein. „Die Bakterien gelangen durch Verletzungen der Haut in den Körper“, sagt Warsow. Mit dem Lymphgefäßsystem werden sie dann auch noch im gesamten Organismus verteilt und lösen eine Entzündung der Haut aus; diese Krankheit heißt Wundrose.


WORAN ERKENNT MAN EIN LYMPHÖDEM?

Da die Ödeme erst mal keine Schmerzen verursachen, werden sie meist nicht sofort bemerkt. Anfangs treten sie nur tagsüber auf und sind weich. Unbehandelt lässt die Schwellung später auch nachts, im Liegen, nicht nach. Sie fühlt sich dann hart an – und wird immer schlimmer. Dies liegt vor allem daran, dass es sich bei der Lymphe um ein Gemisch unterschiedlichster Stoffe handelt, von denen einige Entzündungen auslösen können. Im Extremfall wird ein Bein so dick, dass man von „Elefantenartigkeit“ spricht.


WIE HILFT EINE LYMPHDRAINAGE?

Lymphödeme sind eine chronische Krankheit. Hilfe verschafft einzig eine regelmäßige manuelle Lymphdrainage – eine Art Massage, bei der mit leichten, kreisförmigen Knetbewegungen die Flüssigkeit im Lymphgefäßsystem angeschoben wird. Der Masseur beginnt am Hals und arbeitet sich über den Bauch bis zu den Füßen vor. Danach wird die betroffene Stelle, also meist das Bein, fest bandagiert. So soll verhindert werden, dass Lymphe zurück ins Gewebe fließt. Um die Situation nicht zu verschlimmern, sollte man alle Extreme meiden: Zu viel Sport genauso wie zu wenig Bewegung, zu große Hitze, aber auch Kälte.

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