Gesundheit : Mainz bleibt Mainz

Streit um wertvolle Akademie-Dokumente

Uwe Schlicht

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat etwas zu feiern – und doch ist die Freude getrübt. Gestern kam der Generalsekretär der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur, Wulf Thommel, mit Kisten nach Berlin; darin 125 Bände der Akademiegeschichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert in französischer Sprache.

Nach Mainz gebracht hatte sie einst Helmuth Scheel, der ehemalige Akademiedirektor. Der betrieb seit 1943 die Auslagerung wertvoller Akademiebestände in Bergwerke und Festungskatakomben – um sie vor den Bomben der Alliierten zu schützen. 1946 nun wollte der als „strammer Nazi“ geltende Scheel seine Entlassung durch den neuen Akademiepräsidenten Johannes Stroux 1946 in Ostberlin nicht akzeptieren. Und wollte wieder etwas retten – diesmal vor den Kommunisten. Scheel nahm Dienstsiegel und Bögen mit amtlichem Briefkopf mit, um in Mainz – in der französischen Besatzungszone – als „im Amt befindlicher Direktor” der Preußischen Akademie aufzutreten. Dort wirkte er 1949 an der Gründung der Akademie der Wissenschaften und der Literatur mit. Gründungsmitglieder dieser Akademie waren außer Helmuth Scheel nahezu ausnahmslos ehemalige Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die nach 1945 in Berlin nicht mehr arbeiten durften. Darunter Namen wie der Erbbiologe und Rassehygieniker Ottmar Freiherr von Verschuer, der Mediziner Paul Diepgen oder der Philosoph Karl August Emge, „bei deren Nennung dem zeithistorisch Informierten noch heute die Haare zu Berg stehen” – so formuliert es der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie Dieter Simon. Scheel, der Orientalist war, versorgte seine Kollegen mit Literatur aus den Beständen der Preußischen Akademie – offenbar aus den Auslagerungsorten. Ein Teil davon kam jetzt nach Berlin zurück.

Aber noch lagern 250 Titel über die bedeutende Turfan-Forschung in der Seminarbibliothek für Iranistik der Universität Hamburg. Und über 500 weitere Bände befinden sich in der Universität Mainz. Über deren Rückgabe wird seit 1995 eine „ergebnisorientierte Diskussion” ohne Ergebnis geführt – die Mainzer sprechen von einer Schenkung durch Scheel. Und dann gibt es noch eine Sammlung juristischer Fachbegriffe aus dem Römischen Recht, die nach Linz in Österreich gelangt sind.

War Scheel nun ein Bücherdieb? Ist ihm Amtsanmaßung oder Bereicherung vorzuwerfen? Ein Jurist befand, den Vorsatz zum Diebstahl könne man Scheel nur schwer nachweisen, schließlich habe er doch in der Fiktion gehandelt, noch als Generalsekretär zu amtieren. Ein umgekehrter Fall von „Beute-Kunst“ etwa? Nein, sagt Dieter Simon. Dabei handele es sich um völkerrechtliche Fragen, bei der Rückgabe der Akademieschriften jedoch kämen wohl deutsche Gesetze ins Spiel.

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