Gesundheit : Metall vom Meeresboden

Manganknollen enthalten viele Rohstoffe. Nimmt die Tiefsee durch den Abbau Schaden?

Roland Knauer

Einen „Goldrausch“ befürchtet die Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) in Hamburg, wenn die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover zwischen Hawaii und Mittelamerika am Grund des Pazifischen Ozeans Claims für deutsche Firmen absteckt. Dabei geht es der Behörde gar nicht um Edelmetalle, sondern um Buntmetalle, die als Manganknollen am Grunde der Tiefsee lagern. An diesen Knollen hat sich die BGR für gerade einmal 250 000 Dollar die Schürfrechte auf zwei Flächen im Pazifik gesichert, die mit zusammen 75 000 Quadratkilometern etwas größer als Bayern sind.

Entgegen dem Vorwurf, wie Goldgräber wenig Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen, geht die BGR eher langsam vor. „Geplant ist in den nächsten 15 Jahren nur eine ausführliche, wissenschaftliche Untersuchung, wie man die Knollen nutzen kann“, sagt der BGR-Meeresbiologe Michael Wiedicke. Dagegen hat Christian Neumann vom WWF-Zentrum für Meeresschutz in Hamburg wenig. Er befürchtet aber, dass Deutschland mit solchen Untersuchungen eine Lawine lostritt, die die Lebewesen der Tiefsee unter sich begraben könnte.

Doch im Prinzip will die BGR genau die Risiken für das Ökosystem Tiefsee untersuchen. Wie das aber genau aussieht, weiß niemand wirklich. Einig sind sich die Forscher nur, dass in der Tiefe eine Art Second-Hand-Leben herrscht: Würmer und Muscheln, Schwämme, See-Anemonen und Seegurken leben von den Resten der Lebewesen, die aus höheren Wasserschichten herunterrieseln. Nur ganz oben gibt es genug Licht, um das Leben in Schwung zu halten. Im Dunkel der Tiefe beschränken sich die Organismen auf die Jobs Müllabfuhr und Totengräber.

Was natürlich nicht heißt, dass so ein Tiefsee-Ökosystem langweilig wäre. Im Gegenteil: Sinkt der Kadaver eines verendeten Wals in die Tiefe, tauchen wie aus dem Nichts Fische und viele andere Lebewesen auf, die rasch nicht viel mehr als die Knochen übrig lassen, bevor sie wieder in das Dunkel ihres Lebensraumes verschwinden. „Diese Vagabunden aber dürften kaum Schaden nehmen, wenn irgendwo die Manganknollen abgeräumt werden“, meint Wiedicke.

Die in die Tiefe sinkenden Überreste kleinerer Organismen liefern auch Nachschub für die Manganknollen. Viele dieser Lebewesen schützen sich nämlich mit einem Kalkpanzer gegen Feinde, der sich ab einer bestimmten Wassertiefe auflöst. Dabei werden gleichzeitig alle möglichen Inhaltsstoffe der Organismen frei, darunter auch Spurenelemente wie Mangan, Eisen oder Kobalt. Diese Substanzen fallen weiter. Direkt über dem Meeresgrund lösen sich durch chemische Reaktionen viele der Metalle im Wasser.

Lange bleiben diese Metall-Ionen aber nicht gelöst. Sobald sie ausreichend Sauerstoff und eine feste Oberfläche in Form eines zu Boden schwebenden Sandkorns oder auch eines Haizahns finden, scheiden sich die Metalle dort als Oxid wieder ab. So entsteht ein kleines Metallkügelchen, an das sich immer weiteres Metall anhängt, bis eine Art Zwiebel entsteht. Darin finden sich rund drei Prozent Buntmetalle wie Kobalt, Kupfer und Nickel, knapp neun Prozent Eisen und 27 Prozent Mangan. Der Rest ist Sauerstoff.

Solche nach ihrem Hauptmetall Manganknollen genannten, bis zu 20 Zentimeter großen Gebilde entstehen im Prinzip fast überall in den Weltmeeren. Der erste Boom eines Manganknollenbergbaus nach der Ölkrise verlief jedoch im Sand. Äußerst schwierig war es schon, die Metallkartoffeln aus Wassertiefen von bis zu 6000 Metern zu bergen. Am besten sah noch die Idee aus, die Knollen mit einem Staubsauger zu Schiffen oder Plattformen zu pumpen. Bald aber fielen die Metallpreise wieder und niemand wollte mehr in Meeresstaubsauger investieren.

Da seit 2003 die Preise für Buntmetalle explodierten, griff die BGR jetzt die Gelegenheit beim Schopf und kaufte Schürfrechte für ein Gebiet ein, das 400 bis 800 Millionen Tonnen Manganknollen mit zwölf bis 25 Millionen Tonnen Buntmetallen enthalten sollte.

Die Technik für das Bergen dieses Schatzes wird sich wohl entwickeln lassen. Schwieriger dürfte es sein, die Bedenken der Naturschützer zu zerstreuen. Aber auch da gibt es bereits erste Ergebnisse, sagt der Meeresgeologe Wiedicke. 1989 simulierten Wissenschaftler den Manganknollenbergbau mit einem acht Meter breiten Unterwasserpflug, der ein Areal mit 3,5 Kilometern Durchmesser am Meeresgrund praktisch auf den Kopf stellte. Die Auswirkungen waren verheerend. Die dort zuvor in riesigen Mengen lebenden Borstenwürmer, Kleinkrebse und die meisten anderen Meeresgrundbewohner wurden praktisch ausgerottet. Nach sechs oder sieben Jahren aber war das Leben zurück, der Meeresgrund wimmelte wieder vor Organismen.

Einen Freibrief für Tiefseebergbau ist das jedoch nicht. Denn nur Organismen, die über den Meeresgrund kriechen oder sich durch den Boden bohren, kehrten zurück. Frei im Wasser schwebende Larven von Lebewesen dagegen nicht. Das bedeutet, dass Manganknollen immer nur auf kleinen Arealen geerntet werden können, damit die Organismen eine Chance haben zurückzukehren.

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