Gesundheit : „Mikroben helfen der Körperabwehr“

Der Infektionsexperte Hans-Jürgen Tietz über unser Zusammenleben mit Bakterien und Pilzen

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Bakterien, Viren und Parasiten haben keinen guten Ruf. Dabei helfen sie uns zu überleben beispielsweise, indem sie ansonsten unverdauliche Nahrungsbestandteile aufschließen und das Wachstum mancher Krebszellen hemmen. Vor allem aber trainieren sie die Abwehrkräfte unseres Körpers. Hans-Jürgen Tietz, Mikrobiologe und Infektions-Immunologe an der Hautklinik der Berliner Charité, ist Spezialist für die Wechselwirkungen zwischen Krankheitserregern und dem Immunsystem. Mit ihm sprachen wir über die guten Seiten jener Billiarden von Mikroben, die ständig in und auf uns leben.

Herr Professor Tietz, wäre es eigentlich wünschenswert, der Mensch wäre völlig frei von Bakterien oder Viren?

Unser Immunsystem wäre nicht dazu imstande, auf fast alles adäquat zu reagieren, wenn es sich im Laufe der Evolution nicht mit Krankheitserregern und den Keimen in uns hätte auseinander setzen müssen. Wenn im Darm keine Pilze und Bakterien lebten, würde unser Immunsystem dahinsiechen.

Da wurde und wird also quasi laufend aufgerüstet und mit Gegenrüstung geantwortet?

Absolut. Ein Bakterium oder ein Virus machen immer zweierlei: Ein Teil von ihm will die Immunabwehr austricksen, ein anderer regt die Körperabwehr an und führt so zur „Selbstvernichtung“ des Krankheitserregers. Ohne die Waffen der Mikroben wäre unser Immunsystem nicht annähernd so perfekt.

Aus Sicht der Erreger ist es aber nicht sinnvoll, die Immunabwehr so anzukurbeln, dass sie den Erreger zerstören kann?

Deswegen sind besonders die Erreger absolut genial, die mit dem Immunsystem ein Waffenstillstandsabkommen abgeschlossen haben. Das Herpes-Virus etwa kann, ohne zerstört zu werden, im Wirtsorganismus bis zu dessen Tod leben. Nur wenige Erreger sind so dumm, dass sie ihren Wirtsorganismus töten, etwa die von Pocken oder Pest. Das sind sozusagen Betriebsunfälle der Evolution, denn die Erreger gehen zusammen mit dem Wirt zugrunde.

Kennen Sie ein weiteres Beispiel für so einen klugen Waffenstillstand?

Rund 85 Prozent der Mitteleuropäer sind von dem Hefe-Pilz Candida albicans befallen, der in der Mundhöhle, im Darm oder im Vaginalbereich auftritt. Sie haben diesen Pilz, ohne davon krank zu werden.

Dennoch hat speziell dieser Pilz keinen guten Ruf.

Wenn im Körper etwas nachweisbar und vorhanden ist, dann beflügelt das in unserer Gesellschaft immer die Phantasie - die von Heilpraktikern, aber auch die von Journalisten und Ärzten. Man redet schon von der „Candida-Mafia“, die etwas konstruiert, wo nichts ist, was aber letztlich zu einer Candida-Phobie in der Bevölkerung führt. Man sieht nur das Dramatische, nicht die harmlose Seite, die dieser Pilz hat. Da gibt es auf all die Leiden die wir haben, von der Vergesslichkeit bis hin zu Stimmungstiefs, nur eine Antwort: Schuld sind die Pilze in unserem Körper. Ohne jeglichen Beweis wird die normale Pilz-Flora in uns zur pathologischen gemacht.

Welche positive Rolle spielen Mikroben denn auf unserer Haut?

Es gibt eine ganze Reihe von Bakterien, die für den bekannten Säureschutz-Mantel auf der Haut sorgen und rein besiedlungstechnisch Konkurrenz darstellen für krank machende Mikroben. Jeder Mikroorganismus im Darm oder auf der Haut besetzt ja gewisse Rezeptoren, also quasi Andockstellen an der Haut oder Schleimhaut, an die ein pathogener Keim deshalb nicht heran kann. Und jede Infektion beginnt mit diesem Andocken an den Hautzellen. Wenn dort aber genügend Platzhirsche sind, die Neuankömmlingen Konkurrenz machen, dann haben diese keine Chance.

Setzen alteingesessene Mikroben bei ihrem Abwehrkampf auch chemische Waffen ein?

Auch das. Nehmen wir Escherichia coli, kurz E.coli genannt. Dieses Bakterium sondert in unseren Därmen eine Substanz namens Colicin ab, die ähnlich wie Antibiotika wirkt und konkurrierende Keime abtötet, etwa Salmonellen. So kann uns E.coli vor einer Infektion mit krank machenden Bakterien schützen.

Kann es ungute Folgen haben, wenn man den Mikrobenschutzfilm auf der Haut durch übertriebenes Reinigen oder gar Desinfizieren stört oder zerstört?

Da gehört mehr dazu. Die gesunde, unverletzte Haut ist für Bakterien, Viren und Pilze normalerweise eine undurchdringliche Barriere. Es müssen zum Kontakt mit Keimen noch andere Umstände hinzukommen, etwa winzige Verletzungen oder Durchblutungsstörungen.

Gerade bei Kindern beobachten Mediziner eine bedenkliche Zunahme von Allergien, die ja auf eine gestörte Immunabwehr hindeuten. Sollte man die Kleinen deshalb nicht ruhig mal im Schmutz spielen lassen, statt immer Angst vor bösen Bakterien zu haben, die im Dreck lauern?

Wenn ein Kind draußen im Schmutz spielt, ist das wegen der vielen Kontakte mit Keimen nichts anderes als ein Bodybuilding für die Abwehrkräfte. Denn der Keimkontakt stimuliert die Produktion von Antikörpern.

Das Gespräch führte Walter Schmidt.

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