Gesundheit : Per Mausklick ins Arztzimmer

Wer einen freien Termin in einer Praxis sucht, muss oft stundenlang herumtelefonieren. Online-Buchungsportale wollen das ändern. Der Nutzer aber muss versteckte Werbung in Kauf nehmen.

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Telefon? Nein danke. Die Gründer von Doxter: Julian Hoffmann, Kai Rubarth und Ron Lehnert (v.r.).
Telefon? Nein danke. Die Gründer von Doxter: Julian Hoffmann, Kai Rubarth und Ron Lehnert (v.r.).Foto: Mike Wolff

Sagen wir, es ist Donnerstag, 17 Uhr und das Auge ist nicht nur wirklich rot, sondern verursacht Schmerzen. Oder das Knie tut nach dem Sporttraining vom Vortag beim Strecken immer noch verdächtig weh. Es gibt Situationen, in denen Patienten schnell einen Arzttermin brauchen, am besten noch Freitag, vor dem Wochenende. Wer dann zum Telefon greift, hat aber häufig Probleme, die infrage kommenden Praxen überhaupt zu erreichen: ein Anrufbeantworter erklärt auf Deutsch und Englisch, dass kein Platz mehr für neue Nachrichten ist. Man landet in der Warteschleife, oder es ist einfach besetzt.

Schnelle Hilfe versprechen Terminbuchungsportale im Internet. Direkt über die Webseite eines bestimmten Arztes einen Termin zu buchen, ist mittlerweile in vielen Berliner Praxen verbreitet, um den organisatorischen Aufwand für Patienten und Praxismitarbeiter zu reduzieren. Online-Terminportale gehen einen Schritt weiter und wollen die verfügbaren Termine von vielen Ärzten auf einer Website bündeln, um so den nächstmöglichen freien Termin zu finden.

Der Patient gibt seinen Wohnort an, welchen Arzt er sucht und wie er versichert ist. Die Ärzte mit den nächsten verfügbaren Terminen werden ihm angezeigt – so die Idee. Je nach Angebot kann man dann unter Angabe der Mailadresse oder der Telefonnummer den Termin buchen und bekommt per Mail oder SMS eine Bestätigung. Für den Patienten ist das kostenlos, doch ein vorsichtiger Umgang ist ratsam. Das Angebot ist teilweise schwer abzugrenzen von Werbung. Mehrere private Anbieter konkurrieren um die Marktführung. Man sollte gut prüfen, wem man sensible medizinische Daten anvertraut.

Die Techniker Krankenkasse hat im Oktober 2011 in Zusammenarbeit mit einigen Facharztverbänden, darunter Augenärzte, Orthopäden und HNO-Ärzte, für Berlin versuchsweise ein Online-Portal zur Terminbuchung gestartet (zu finden unter www.tk.de, dann klicken auf „Online-Filiale“ und „Meine Ansprechpartner“). Seit Juni wird diese Online-Terminsuche für ganz Deutschland angeboten und ist um häufig nachgefragte Arztgruppen wie Haut- und Kinderärzte erweitert worden. Durch das Portal könnten kurzfristig abgesagte Termine leichter an andere Patienten weitergegeben werden, sagt TK- Sprecherin Heike Weinert. Über die Onlinebuchung sei für die Patienten auch sichtbar, wann eine Praxis weniger stark ausgelastet ist, etwa zu Mittag. Allerdings stellen zurzeit erst 92 Berliner Ärzte ihre Termine online.

„Terminbuchungsportale erschließen für Patienten sonst ungenützte Termine“, sagt auch Ron Lehnert, Geschäftsführer des privaten Portals Doxter aus Berlin. Durch die Nutzung dieser „versteckten Ressourcen“ komme ein Patient schneller zu seinem Termin. Lehnert, der selbst Medizin studiert hat, hat Doxter 2010 mit den Wirtschaftsingenieuren Julian Hoffmann und Kai Rubarth von der TU als Ausgründung der Berliner Charité gestartet. Anlass war der Sportunfall eines der Gründer und die anschließenden Schwierigkeiten bei der Arztsuche. Auch Portale wie Arzttermine.de und Arztbuchen24.de bieten Online-Terminvereinbarung an. Die Präsenz der Ärzte auf den Portalen variiert stark nach Fachrichtung.

Das Team von Doxter hat bislang aktiv Fachrichtungen angesprochen, in denen es in Berlin viel Angebot gibt – und damit verstärktes Interesse von Praxen, um neue Patienten zu werben, etwa Zahnärzte, Psychotherapeuten und Gynäkologen. Ohnehin stark nachgefragte Ärzte haben weniger Anreiz, für den Service, der für Ärzte kostenpflichtig ist, zu bezahlen. Auf der Terminplattform können Ärzte sich und ihre Praxen darstellen – für Doxter ein Geschäftsmodell. Werbung war für Ärzte in Deutschland lange verboten, im Internet öffnet sich ein großer Markt. Oft ist die Terminsuche mit Zusatzfeatures wie Arztprofile, Arztbewertungen oder Newslettern verknüpft. Für Patienten allerdings ist teilweise schwer erkennbar, wo die Information aufhört und wo die Werbung anfängt.

Da das Angebot noch in den Kinderschuhen steckt, haben Patientenschutzorganisationen noch wenige Empfehlungen speziell für diese Terminbuchungsportale. Allgemeine Kriterien für medizinische Online-Angebote lassen sich aber übertragen, sagt Corinna Schaefer, die den Bereich Patienteninformation des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin leitet. Transparenz sei ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Wer unterhält das Angebot, wie wird es finanziert, welche Interessen verfolgt der Anbieter? Werden die freien Termine nach geografischer Nähe oder alphabetisch gelistet – oder werden manche Praxen als „Premiumeinträge“ weiter oben genannt? „Das ist versteckte Werbung“, sagt Schaefer. Reklame und Inhalte sollten streng voneinander getrennt sein. Auf die Datenschutzbestimmungen sollte besonders geachtet werden. Denn wer online einen Arzttermin bucht, gibt seinen Namen, seinen Wohnort, die Kontaktdaten und den Behandlungsgrund preis.

Die Ergebnisse der Arztsuche über Terminportale sind bislang sehr beschränkt: für die Testsituation rotes Auge oder schmerzendes Knie, Donnerstag 17 Uhr, kann keines der genannten privaten Portale einen Termin vor dem Wochenende bieten. Auf Arzttermine.de findet man einen freien Termin im August, Termine bei Orthopäden wären nach dem Wochenende zu haben. Über Doxter gibt es den ersten freien Augenarzttermin in drei Wochen. Von den sechs gefundenen Orthopäden wären drei nach dem Wochenende verfügbar. Eine Ärztin wird aufgeführt, die keine Online-Termine vergibt.

Über Arztbuchen24.de lässt sich kein Berliner Augenarzt finden. Die beiden Orthopäden haben bis Ende des Jahres nichts frei. Nachfrage per Telefon: Doch, es gibt einen Termin Mitte August. „Die Buchung über unsere eigene Webseite funktioniert gut. Wir müssen uns erkundigen, woran das Problem liegt“, heißt es. Eine weitere Schwierigkeit: Einige Praxen sind auf Terminbuchungsportalen präsent, ihre eigentlichen Praxiskalender sind aber nicht mit den Portalen verknüpft. Die Termine, die online als frei angeben werden, basieren dann teilweise auf Schätzungen. Doxter arbeitet gerade an besseren Schnittstellen, um die Kalender leichter zu synchronisieren. Dreißig Prozent der Ärzte führen zusätzlich noch einen Papierkalender. So kann es passieren, dass ein gebuchter Termin in Wirklichkeit gar nicht frei ist. Bei bis zu 30 Prozent der Buchungen kann das passieren. In solchen Fällen meldet sich die Praxis und macht einen Ersatztermin aus. Die Praxis hat so einen neuen Patienten, dieser aber nicht unbedingt den schnellstmöglichen Termin.

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