Gesundheit : Picasso oder Monet? Frag die Taube!

Nicola Siegm,-Schultze

Pablo Picasso hätte es vermutlich gefreut, wäre ihm zu Ohren gekommen, was japanische Forscher jetzt herausgefunden haben: Tauben - der pazifistisch engagierte Picasso hat ihnen in Gemälden und Zeichnungen schon früh ein künstlerisches Denkmal gesetzt - können "einen Picasso" von "einem Monet" zum Beispiel unterscheiden.

Zeigt man ihnen zum Training vier Picassos und vier Monets und lässt sie anschließend ihnen unbekannte Bilder der beiden Künstler zuordnen, so picken sie - im wörtlichen Sinne - den richtigen Maler heraus. Kein Kunststück ist dieser Kunstverstand für die Tiere.

Einige benötigen nur fünf bis neun Trainingseinheiten, um diese Aufgabe mühelos zu bewältigen, so der Psychologe Shigeru Watanabe von der Keio Universität in Tokio. Er hat die Tauben für diese Untersuchungen unter seinen Fittichen. Die Leistungen der Vögel ließen auf eine komplexe Bildwahrnehmung und -verarbeitung schließen sowie auf eine ausgeprägte Fähigkeit, visuelle Eindrücke zu verallgemeinern, meint Watanabe. Seine Studie ist im Fachblatt "Animal Cognition" (Band 3/4, Seite 147) veröffentlicht.

Kopf-an-Kopf-Versuche zwischen Tauben und Menschen haben jetzt ergeben, dass die Vögel es in der Bildverarbeitung mit dem Menschen aufnehmen können. Vier Ölgemälde von Vincent van Gogh (eines aus der berühmten Sonnenblumen-Serie) und vier Ölgemälde von Marc Chagall bekamen Felsentauben und Psychologiestudenten im Trainung zu Gesicht.

In der Testphase wurden unter die bekannten Bilder zusätzlich unbekannte der beiden Künstler gemischt - kein Problem für die ungleichen Zweibeiner Columba livia und Homo sapiens. Auch als beim Zeigen der Bilder die Monitore jeweils zur Hälfte in vertikaler oder senkrechter Richtung abgedeckt oder die Gemälde nur noch in Schwarz-Weiß präsentiert wurden, tippten Tauben wie Menschen zu 90 bis 100 Prozent auf den korrekten Maler.

Unterschiede gab es erst, als Watanabe lediglich Ausschnitte präsentierte, die zwischen 31,4 und 0,5 Quadratzentimetern groß waren. Pickten die Tauben bei den kleinsten Mosaiken noch zu 65 Prozent richtig, brachten es die Menschen auf 80 Prozent. Ähnliche Herausforderungen beim Überleben der Vorfahren in einer noch unzivilisierten Welt könnten der Grund dafür sein, warum sich das visuelle System von Tauben und Menschen so stark ähnelt, obwohl es anatomisch bei der Bildverarbeitung große Unterschiede gibt, vermutet der japanische Forscher.

Der scharfe Blick für Konturen und für Muster sowie die Fähigkeit, diese Bildinformation zu verarbeiten und zu speichern, gehe vermutlich darauf zurück, dass die Vorfahren des Menschen und die der heutigen Tauben ähnliche ökologische Nischen besetzt hätten: Beide seien tagaktiv und in den Bäumen auf Nahrungssuche unterwegs gewesen.

Vielleicht also sind Tauben gar nicht so dumm, wenn sie vor einem heranrollenden Auto in der Großstadt nicht gleich auffliegen, sondern beweisen mit ihren minimalistischen Ausweichbewegungen schlicht Augenmaß. Vielleicht entspringt es einem gewissen Sinn für Kunst, wenn sie vorzugsweise auf den Pickelhauben berühmter Reiterstandbilder Platz nehmen.

Die hervorragende optische Orientierung der Tauben trägt neben ihrem "eingebauten" Magnet- und Sonnenkompass-Systemen und dem guten Geruchssinn dazu bei, dass die Tiere aus großen Entfernungen nach Hause finden. Seit dem 12. Jahrhundert werden Tauben zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt. Die Botschaft steckte in einem Röhrchen, das am Fuß des Vogels befestigt wurde.

Die heutigen Brieftauben stammen von der Felsentaube ab. Über zweihundert bis tausend Kilometer können Brieftauben zurücklegen, bis sie den Heimatschlag erreichen. Dabei nutzen die Vögel offenbar auch Markierungen im Gelände, um sichere Brut- und Nahrungsquellen wiederzufinden.

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