Gesundheit : Plagiatsvorwurf an der Humboldt-Uni

Jura-Methodenlehre aus dem Handel genommen

Hermann Horstkotte

Seit gut einer Woche erlebt die Humboldt-Universität einen Zweikampf um die wissenschaftliche Ehre. Der Juradoktorand Benjamin Lahusen, Doktorand im Fach Rechtswissenschaft, beschuldigt den Juraprofessor Hans-Peter Schwintowski, plagiiert zu haben. In einem soeben erschienenen Kommentar der Fachzeitschrift „Kritische Justiz“ wirft Lahusen dem Professor vor, in seinem jüngsten Buch, einer „Juristischen Methodenlehre“ für Erstsemester, von Fachkollegen und fachfremden Wissenschaftlern breit abgeschrieben zu haben – ohne die Stellen nach den Regeln der Kunst als Zitate zu kennzeichnen.

Ein Beispiel sind danach wortwörtliche Übernahmen vom bekannten Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, die der Jurist mit dem Ziel verwendet, über „die fachlichen Grenzen“ hinaus zu „einem neuen Wissenschaftszweig, nämlich der Neurobiologie des Rechts“ zu gelangen: „Im Gehirn von Primaten befassen sich mehr als 30 verschiedene Areale der Großhirnrinde mit der Verarbeitung visueller Information. Die primäre Sehrinde verteilt ihre Arbeitsergebnisse parallel an eine Vielzahl eng miteinander vernetzter Hirnrindenregionen, wobei jedes dieser Areale jeweils nur einen Teilaspekt der Sehwelt bearbeitet“ (usw., Seite 192/3). Lahusen gibt eine größere Menge solcher Paralleltexte an, darunter Passagen aus Texten des Bundesverfassungsrichters Wolfgang Hoffmann-Riem, des Philosophen Gerald Edelmann und des Hirnforschers Giulio Tononi sowie des Lebenswissenschaftlers Paul D. MacLean.

Vergangenen Donnerstag zog der Verlag das Buch zumindest vorläufig aus dem Handel zurück. Er wartet ab, wie die HU auf die Textüberschneidungen reagiert. Vizepräsident Hans Jürgen Prömel hat die „Kommission zur Überprüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ eingeschaltet. Schwintowski selber unterscheidet gegenüber dem Tagesspiegel zwischen der „urheberrechtlichen Zitierpflicht“, die allemal nur der betroffene Autor oder Verlag einklagen kann, und dem „wissenschaftlichen Zitiergebot“ oder der „Zitierethik“, die es „als rechtsverbindliche Regel“ nicht gebe. Allerdings fühlt sich Schwintowski „an die wissenschaftliche Zitierethik gebunden“ und will alles tun, dass „die Vorwürfe, die Herr Lahusen mir gemacht hat, nicht auf Dauer in der Welt bleiben“ – also in einer möglichen Neuauflage überflüssig werden. Was sollen sonst auch die Adressaten denken, Studenten, denen in Übungen und Seminaren die richtigen Zitierweisen eingebläut und Verstöße unnachsichtig angekreidet werden?

Wie ihm die offenbaren Ausrutscher gegenüber den Regeln der Kunst passieren konnten, versucht Schwintowski zum Teil mit Zwängen der Literaturgattung verständlich machen, ohne damit jedoch seine persönliche Verantwortung leugnen zu wollen. Der Verlag akzeptiert nämlich laut einem Konzept für alle Autoren derartiger Leitfadenliteratur höchstens „knappe“ Literaturverzeichnisse sowie Fußnotennachweise „nur in Ausnahmefällen“ – wie allerdings „zum Beispiel zum richtigen wissenschaftlichen Zitieren“. Ideal wäre mithin ein ganz in eigene Worte gefasstes Vorlesungsskript. Beim mündlichen Vortrag mögen Einschübe wie „so Hoffmann-Riem“, „so Singer“ als Nachweis genügen. Beim Langzitat im Lehrbuch ohne erkennbaren Anfang und Schluss spricht Lahusen indes von einer „Bauernopferstrategie“ des Autors, der seine Eigenständigkeit kultivieren will.

Unterstützt wird Lahusen von seinem Doktorvater Dieter Simon, dem früheren Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dessen eigener Verriss von Schwintowskis Buch im März in der „Kritischen Vierteljahresschrift“ erscheint. In einem „mitfühlenden“ Brief an Schwintowski, der dem Tagesspiegel vorliegt, schreibt Simon, ohne allzu große kollegiale Rücksichtnahme: „Es ist natürlich unerquicklich, wenn man bei einer solchen bodenlosen Windbeutelei ertappt wird. Es werden immer mehr Menschen aufmerksam und studieren den Kasus von allen Seiten, lachen, sind wütend, rufen nach dem Ombudsmann, verlangen dieses und jenes.“ Zumal in einem Zweikampf David gegen Goliath. „Kurzum“, so Simon, „die erwünschte Ruhe bleibt aus.“ Das hängt aber jetzt ganz von der HU-Kommission ab.

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