Pseudologen : Dichtung und Wahrheit

Sie geben sich als Adelige, Professoren oder Terroropfer aus – und haben alles nur erfunden. „Pseudologen“ werden die krankhaften Lügner genannt. Ein Charlottenburger Psychotherapeut hilft ihnen.

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Schwindel auf der Spur. Hans Stoffels diagnostiziert pathologische Lügner. Foto: Thilo Rückeis

Kein Wunder, dass die Frau schwer traumatisiert ist. Sie hat schließlich Furchtbares erlebt, am 11. September 2001. Nur durch Zufall verließ sie morgens ihr Büro im Nordturm des World Trade Centers, fuhr mit dem Aufzug runter ins Erdgeschoss, dann schnell raus aus dem Gebäude – kurz darauf krachte das erste Flugzeug in den Turm.

Die Ärzte sind beeindruckt. Und deuten die Depressionen, wegen derer sie sich stationär behandeln lässt, als Symptom einer posttraumatischen Stresserkrankung. Bis sich ein Mann meldet. Seine Bekannte sei eine liebenswerte Person, sagt er. Bloß ihre Geschichten dürfe man bitte nicht glauben. Die stimmten nämlich nie.

Lügen gehören zum normalen Leben, sagt Hans Stoffels. „Es wäre geradezu unmenschlich, immer stur bei der Wahrheit zu bleiben.“ Aber bei manchen geht das Lügen zu weit. Dann wird es ungesund. „Pseudologen“ werden Menschen genannt, die gar nicht anders können, als immer wieder die Unwahrheit zu sagen. Der Berliner Psychotherapeut Hans Stoffels gilt deutschlandweit als Experte auf diesem Gebiet. Er hat Patienten mit den unterschiedlichsten Ausprägungen des pathologischen Lügens behandelt. Da war der Mann, der behauptete, eines der letzten Mitglieder der Romanow-Dynastie zu sein – zugleich aber auch vom spanischen Königshaus abzustammen. Oder der Mann, der angeblich nachts im Wald von Unbekannten so brutal verprügelt wurde, dass er sich nur auf allen Vieren nach Hause schleppen konnte.

„Der Pseudologe hat ein enormes narzisstisches Bedürfnis“, sagt Hans Stoffels. „Ein Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung.“ Die bekommt er von seinem Umfeld durch besonders dramatische, manchmal absurde Geschichten. Die „Pseudologia Fantastica“, wie das Syndrom auch genannt wird, kommt in starker Ausprägung nur selten vor. In Deutschland gibt es höchstens tausend Pseudologen, sagt Stoffels. Wobei die Dunkelziffer wohl weit höher liegt: „Viele wollen sich gar nicht behandeln lassen, weil sie keinen Leidensdruck verspüren.“ Erst wenn sie sich „nach Jahren in ein Netz von Unwahrheiten verstrickt haben und alles auffliegt, suchen manche Hilfe.“ Hans Stoffels ist Chefarzt der „Park-Klinik Sophie Charlotte“, einer Privatklinik für Psychiatrie und Psychosomatik am Schloss Charlottenburg. Davor hat er 15 Jahre lang die Psychiatrie der Schlosspark-Klinik geleitet. Sein Spezialgebiet ist die Behandlung von Depressionen und posttraumatischen Störungen, aber seit er sich auch mit krankhaftem Lügen beschäftigt und zu diesem Thema publiziert, erhält er bundesweit Anrufe. Von Kollegen, die dringend einen Rat brauchen, weil ihnen ein Patient höchst merkwürdig vorkommt.

Die einzige Behandlungsmöglichkeit ist die Psychotherapie. Hans Stoffels erstellt die Diagnose und hilft bei der Vermittlung geeigneter Therapeuten. „Man muss herausfinden, was die Motivation für dieses Verhalten ist.“ Und wenn dabei herauskommt, dass sich der Patient nach Aufmerksamkeit sehnt, ist dies schon ein Fortschritt. Allerdings ist die Therapie eines Pseudologen nicht einfach. „Er lässt sich schwer auf Bindungen ein.“ Und das bedeutet, dass er oft den Therapeuten wechselt, sobald es ihm zu viel wird. Manchmal sei er sich auch zunächst gar nicht bewusst, dass er die Unwahrheit rede. „Er täuscht nicht nur seine Mitmenschen“, sagt Stoffels, „sondern auch sich selbst.“ Auch das gehört dann zu seinen Aufgaben: den Lügnern ihre Persönlichkeitsstörung bewusst zu machen, bevor sie ambulant eine Therapie beginnen.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff der „Pseudologia Fantastica“ 1891 in einer Schrift des Psychiaters Anton Delbrück auf. Seitdem haben sich vor allem die Lügen gewandelt – und erzählen damit indirekt auch etwas über die Wandlung der Gesellschaft. „Früher gaben sich Pseudologen als Adelige oder Medizinprofessoren aus“, sagt Stoffels. Heute würden sie eher die Rolle des Traumaopfers wählen – um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Damit geraten sie immer wieder in die Schlagzeilen, wie der Bremer Gert Postel, der als Psychiater und Amtsarzt arbeitete, obwohl er eigentlich Briefträger war. Oder die Amerikanerin Tania Head. Auch sie behauptete, am 11. September 2001 im World Trade Center gewesen zu sein, und leitete sogar eine Selbsthilfegruppe für Überlebende, bis sie aufflog. Der bekannteste deutsche Pseudologe heißt Karl May. Als junger Mann schlüpfte er in acht verschiedene Identitäten, gab sich als Postbote oder Augenarzt aus. Schließlich musste er ins Gefängnis, weil er als Polizist eine Familie bestohlen hatte.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass einer wie er später 70 Romane schreibt. Denn auch das haben viele Pseudologen gemeinsam: Sie sind äußerst kreativ. Die meisten würden schon als Kind dadurch auffallen, dass sie ihren Geschwistern ständig neue Geschichten erzählen können, sagt Hans Stoffels. „Das sehe ich auch als Begabung.“ Und dass der Lügner ein Bruder des Dichters ist, das hat ja schon Nietzsche gewusst.

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