Gesundheit : Riss in der Seele

Menschen mit Migrationshintergrund pendeln häufig noch in der zweiten oder dritten Generation zwischen zwei Kulturen Diese Lebensumstände machen viele von ihnen psychisch krank. Eine Charité-Studie will ihre medizinische Versorgung verbessern

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Foto: Charité
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Die Beine von Elif Günes (Name geändert) zittern so heftig, als würde sie bei Minusgraden auf einem verlassenen Bahnsteig sitzen. Im Sprechzimmer aber kommt ihr Körper langsam zur Ruhe. Sie sitzt aufrecht, und mit ihrem langem rötlichen Haar sieht sie aus wie eine ehemalige Tänzerin. Aber das täuscht. Die 50-Jährige hat nie einen Beruf erlernt, weil ihr Mann dagegen war. Auch einen Sprachkurs durfte die junge Frau nicht machen, als sie vor 31 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, um zu heiraten. Deshalb sitzt an diesem Nachmittag auch eine Dolmetscherin neben ihr. Wir befinden uns in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA), eine Einrichtung der psychiatrischen Universitätsklinik der Charité am St. Hedwig-Krankenhaus in Mitte. Elif Günes kommt seit einem Jahr regelmäßig hierher.

Ein Leben ohne Selbstbestimmung, Sprachprobleme, die Konflikte mit der Schwiegermutter und die lieblose Beziehung zu ihrem Mann haben sie krank gemacht. Dass sie unter Depressionen leidet, ist ihr selbst lange Zeit nicht klar gewesen. „Ich wollte viel schlafen und überhaupt nicht mehr rausgehen“, erzählt sie. Sah sie Freunde auf der Straße, kehrte sie um, damit sie nicht reden musste. „Ich habe den Tod als einzige Erlösung gesehen.“ Wenn ihre Freunde und Kinder sie nicht gedrängt hätten, einen Arzt aufzusuchen, würde sie wohl immer noch zu Hause im abgedunkelten Zimmer sitzen.

Abhängigkeiten, das Pendeln zwischen zwei Kulturen oder die Heirat von Menschen, die einander völlig fremd sind, führen bei vielen Migranten zu seelischen Krankheiten. Davon sind beide Geschlechter betroffen. „Männer sind oft zum Starksein verdonnert“, sagt Meryam Schouler-Ocak, die leitende Oberärztin der PIA. Bei Männern sind zum Beispiel Suchtkrankheiten weit verbreitet, aber auch Beschwerden wie Kopf-, Rücken- oder Gliederschmerzen.

Um mehr über den Zusammenhang von seelischer Gesundheit und Migration herauszufinden, hat die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité 2009 das Forschungsprojekt „SeGeMi“ (Seelische Gesundheit und Migration) gestartet – gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf und der Psychiatrischen Klinik der Marmara Universität Istanbul. In dem Projekt, das bis 2012 läuft, arbeiten Psychiater, Psychotherapeuten, Soziologen und Ethnologen zusammen. Ziel ist es, die psychosoziale Versorgung von Migranten zu verbessern. „Erste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Menschen mit Migrationshintergrund seltener psychosoziale Versorgungseinrichtungen nutzen als andere“, sagt Andreas Heinz, Klinikdirektor und Projektleiter. „Wir wollen herausfinden, welche Ursachen das hat.“ Die Studie untersucht dies am Beispiel türkischer Migranten. „Die Menschen haben sehr offen mit uns über psychische Erkrankungen gesprochen, das hat uns sehr überrascht“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Simone Penka. Ab April untersucht sie, inwieweit psychosoziale Einrichtungen im Bezirk Mitte, zum Beispiel Angebote zum betreuten Wohnen, tatsächlich auf die Bedürfnisse von Migranten reagieren.

Bei psychischen Problemen wäre ein Therapeut der richtige Ansprechpartner. Aber: „Viele Migranten kennen die Struktur des deutschen Gesundheitssystems nicht und gehen deshalb eher zum Hausarzt“, sagt Schouler-Ocak. Sie gehört zu den Antragstellern des Projekts und erhofft sich von der Studie neue Erkenntnisse über die Häufigkeit psychischer Störungen bei türkischen Migranten. Bis zu 70 Prozent der Patienten und 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter in der PIA haben einen Migrationshintergrund. Einen Termin zu bekommen, ist nicht leicht, denn die PIA kann nur Patienten mit schweren Krankheitsbildern aufnehmen. Seit Elif Günes regelmäßig hierherkommt, hat sich ihr Leben verändert. Sie hat die Scheidung eingereicht. „Ich wünschte, ich hätte früher den Mut dazu gehabt“, sagt sie. Jetzt will sie nach vorn schauen.

Seit ungefähr einem Jahr kommt auch Feraye Polat (Name geändert) in die PIA. Sie hat seit vier Jahren oft Herzrasen und Panikattacken. „Ich bin depressiv und habe die Lust am Leben verloren“, sagt die 38-Jährige, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt und perfekt und sehr schnell Deutsch spricht. Während sie spricht, flattern ihre Augenlider nervös auf und ab – wie die Flügel von Insekten.

Vier Mal hat Feraye Polat schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Über eine Freundin hat sie von der PIA erfahren. „Ich habe viel zu viel Verantwortung für die ganze Familie, muss für alle mitdenken, organisieren und übersetzen“, sagt sie. Am schwersten belasten sie die ständigen Auseinandersetzungen mit ihrem Sohn. Der ist Anfang 20, hat keinen Schulabschluss und ist spielsüchtig. „Ich liebe ihn, aber ich wünsche mir, dass er auszieht und sein eigenes Leben lebt“, sagt sie. „Aber wenn ich darauf bestehe, bin ich für meine Familie die Rabenmutter.“ Ihr Mann sei nicht stark genug, um sie zu unterstützen. „Ich bin sehr gläubig, aber ich möchte im Rahmen dieses Glaubens meine Freiheit haben und selbst entscheiden, was ich tue.“ Manchmal hätte sie gerne einen Zauberstab, um die Zeit zurückzudrehen. Aber den gibt es nicht. Trotzdem weiß sie, dass man in der PIA für sie da ist. Und zwar so lange, wie sie Unterstützung braucht.

Mehr Infos zum Projekt unter www.segemi.de. Am Donnerstag berichtet Meryam Schouler-Ocak in Spandau über die Ergebnisse einer Studie zu Suizid unter Migrantinnen (siehe Terminspalte).

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