Gesundheit : Rodeio - Hahnen- und Pitbullkämpfe sind weiterhin Volksvergnügen

Klaus Hart

Nicht nur die Naturfreunde, sondern auch die Tierschützer haben in Brasilien einen schweren Stand. Hahnen- und neuerdings sogar Pitbullkämpfe, bei denen sich die Tiere bis zum Tode zerfleischen, sind eigentlich verboten, doch populär - man kann wetten, Autos, Fernseher, Stiere oder Ziegenböcke gewinnen. In Südbrasilien ist die Farra de Boi trotz Verbots und heftiger internationaler Proteste weiterhin ein Volksvergnügen. Bei dem Fest werden Stiere von einer Menschenmenge stundenlang gejagt und auf bestialische Weise zu Tode gequält. Jetzt geraten die Rodeios erstmals ins Kreuzfeuer der Kritik, weil dort Tausende von Stieren und Pferden systematisch misshandelt werden.

In Süd- und Mittelbrasilien sind die Rodeios das wichtigste Volksfest gleich nach dem Karneval. Derzeit ist Hochsaison und der Massenandrang wie immer gewaltig. Den Vogel schießt traditionell Barretos bei São Paulo ab. Über anderthalb Millionen Menschen strömen dorthin, der Veranstalter macht in nur einer Woche einen Umsatz von umgerechnet rund vierhundert Millionen Mark. Man bekommt viel geboten: die Stars der Musica Sertaneja, Brasiliens Country-Musik, weit populärer als Samba, dazu jede Nacht Massenschwoofs. Doch das Wichtigste sind die Rodeio-Wettkämpfe am Tage, in den Kategorien für Kinder, Jugendliche und harte Macho-Männer, sprich: für Brasiliens Peoes, die Tropen-Cowboys.

Bockende, ungestüme Stiere und Hengste müssen dabei mit dem Lasso eingefangen und in den Staub der Arena niedergezwungen werden. Die größte Attraktion ist Montaria em Touro, das Bullenreiten. Gewonnen hat, wer sich am längsten und ganz souverän auf dem Tier halten kann, ohne es mit den Händen zu berühren oder gar abgeworfen zu werden.

Die meisten Zuschauer denken, Rodeio-Stiere und -Pferde springen so wild hin und her, weil sie noch nicht gezähmt wurden oder eben von Natur aus so unbändig sind. Völlig falsch. In Wahrheit hat man die Tiere hinter den Kulissen erst so wild und aggressiv gemacht, ganz systematisch, in dem man sie mit Stöcken schlägt, brennende Zigaretten auf ihnen ausdrückt, ihre Haut mit Glasscherben ritzt oder Gegenstände in den Anus einführt.

Doch die wichtigste Methode hat mit einem ganz speziellen Gurt, dem Sedem, zu tun. Mit einem Ruck quetscht man damit die Hoden der Tiere fest zusammen, damit sie schockartig enormen Schmerz erleiden - und stößt sie dann sofort in die Arena.

Diese Quälerei wird keineswegs verheimlicht, sondern steht im offiziellen Rodeio-Reglement, das man auch im Internet anklicken kann. Und das Parlament von São Paulo hat in einem speziellen Rodeio-Gesetz das Quetschen der Hoden mittels Sedem ausdrücklich erlaubt, als ob es in der achtgrößten Wirtschaftsnation Brasilien und in benachbarten Rodeio-Ländern wie Argentinien und Paraguay kein strenges Tierschutzgesetz gäbe, das solche Praktiken ausdrücklich verbietet und unter Strafe stellt.

Die Internationale Tierschutzvereinigung WSPA, die auch in Deutschland eine Filiale hat, kämpft gemeinsam mit brasilianischen Umweltorganisationen seit Langem gegen die populären Rodeios. WSPA-Direktorin Vanice Orlandi sagt: "Die Peoes foltern zahme, ruhige Tiere solange, bis sie regelrecht verrückt werden." In den letzten zwei Jahren gelang es immerhin, elf kleinere Rodeios verbieten zu lassen. Aber gegen die ganz großen wie in Barretos bei São Paulo hat die WSPA noch keine Chance, weil die Rodeio-Industrie Anwaltsteams beschäftigt, um Klagen abzuschmettern.

Umweltminister Sarney Filho äußert sich zu dem Thema nicht, das dennoch überraschend Schlagzeilen macht. Denn Brasiliens weiblicher Rockstar Rita Lee aus São Paulo schreit auf allen Konzerten heraus: "Ich hasse Rodeios!" Sie wirft der Rodeio-Industrie vor, Politiker gekauft zu haben, damit das Tierschutzgesetz ignoriert werde und der Horrorzirkus in den Arenen weitergehen könne. "Ich habe ein Video", sagt Rita Lee, "auf dem Rodeio-Cowboys nach dem Wettkampf einen Stier lebendig in Stücke schneiden. Warum? Das arme Tier war nicht wild genug herumgesprungen - und das war die Strafe."

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