Gesundheit : Schädlingsbekämpfung: Eine Ameise für den Citrusbaum

Julia Thurau

Die Päckchen und Briefe kommen aus der ganzen Welt. Ihr Inhalt: kränkelnde Schwammspinner oder Falter, Frostspanner und Schmetterlinge. Auch Kunststoffbehälter mit Engerlingen und Maden. Selbst tropische Käfer sind auf dem Postwege schon in das Darmstädter Institut für Biologischen Pflanzenschutz der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) geflattert. Viele der Tiere sind tot; die, die noch leben, krank. Fast alle sind Schädlinge, die sich in gesundem Zustand über Nutzpflanzen des Menschen her machen.

Es gibt wohl nur wenige Menschen auf der Welt, die sich über derlei Postsendungen freuen würden. Einer von ihnen ist Regina Kleespies, Wissenschaftlerin im Labor für Diagnose, Histo- und Zytopathologie von Gliederfüßer-Krankheiten der BBA in Darmstadt. "Wir suchen nach neuen Krankheitserregern, die für die biologische Bekämpfung von Schadinsekten geeignet sind", sagt Kleespies.

Die Idee, Schädlinge von Nutzpflanzen, allen voran Insekten und Milben, mit natürlichen Methoden zu bekämpfen, ist nicht neu. Bereits 1775 berichtete der schwedische Naturforscher Peter Forskal von Bauern im Jemen, die mit einer Ameisenart eine andere, schädliche Art bekämpft hatten. Und chinesische Plantagenbesitzer sollen ihre Citrusbäume vor dem Kahlfraß bewahrt haben, indem sie Ameisen mit Bambusstangen den Weg von Baum zu Baum erleichterten.

Die kommerzielle Suche und Nutzung von Insekten als Schädlingsbekämpfungsmittel begann jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts. Damals drohte die Australische Wollschildlaus in Kalifornien ganze Citrusplantagen zu vernichten. Banken weigerten sich bereits, die Plantagen als Sicherheit für Kredite zu akzeptieren. Viele Besitzer standen vor dem Aus. Erst eine aus Australien importierte Marienkäferart konnte den verzweifelten Obstbauern helfen. Die Käfer fraßen die Schildläuse kurzerhand auf.

Mit dem Aufkommen chemischer Pflanzenschutzmittel geriet das Prinzip der biologischen Schädlingsbekämpfung von damals allerdings in Vergessenheit. Die Chemikalien wirkten schneller, waren günstiger und einfacher anzuwenden. Inzwischen aber haben viele Schadinsekten ein Schutzschild gegen die chemischen Pestizide entwickelt, sie sind resistent geworden. Auch Rückstände an Lebensmitteln und im Grundwasser sowie Gesundheitsrisiken für den Landwirt haben die "chemischen Keulen" in Verruf gebracht.

Mit biologischen Schädlingsbekämpfungsmitteln will man nun den Einsatz der Chemikalien reduzieren, im Idealfall sogar unnötig machen. Auf der Suche nach natürlichen Feinden von Kartoffelkäfern, Wanderheuschrecken oder Raupen konzentrieren sich Wissenschaftler heute auf Viren und Bakterien, Pilze und Würmer. Vertreter dieser Gruppen können nämlich nicht nur bei höheren Tieren, Menschen und Pflanzen Krankheiten hervorrufen. Auch befallene Insekten werden krank. Sie werden träge und schlapp, fressen nicht mehr oder erliegen inneren Organschäden.

Wichtig für den Einsatz im Pflanzenschutz: Wenn es um den Wirt geht, sind die Krankheitserreger äußerst wählerisch. Sie befallen nur ganz bestimmte Insektenarten. Für Menschen und Nutztiere sind sie ungefährlich. Die Suche nach brauchbaren Erregern aber ist zeitintensiv und mühsam. Bis etwa ein Bakterium als Bekämpfungsmittel gegen Schwammspinner eingesetzt werden kann, vergehen viele Jahre. Denn schließlich reicht es nicht aus, nur den Erreger ausfindig zu machen.

"Wir studieren das gesamte Krankheitsgeschehen, denn nur ein umfassendes Krankheitsverständnis versetzt uns in die Lage, zu beurteilen, ob und wie ein Erreger in der mikrobiologischen Schädlingsbekämpfung genutzt werden kann", sagt Regina Kleespies. Schwer haben es die Wissenschaftler auch, Landwirte und Obstbauern von ihrer Methode zu überzeugen. "Biologische Schädlingsbekämpfungsmittel sind heute in der Regel noch teurer und weniger effizient als chemische Methoden", sagt ein Sprecher der BBA in Braunschweig.

Dennoch zeichnen sich erste Erfolge ab. Im August letzten Jahres etwa: Durch die Kombination zweier biologischer Methoden konnte die Larve des Apfelwicklers ebenso wirksam wie mit herkömmlichen chemischen Mitteln bekämpft werden. Ein Erfolg, der auch Obstbauern überzeugte: Auf einem Sechstel der deutschen Anbaufläche wurde der Wurm biologisch bekämpft - für manche ein Durchbruch im biologischen Pflanzenschutz.

Doch die Suche geht weiter. Die Päckchen an Regina Kleespies könnten neue, noch wirksamere Waffen gegen die Schädlinge enthalten. Je mehr kranke Insekten eingereicht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Treffers. Vor allem jetzt im Winter hofft die Wissenschaftlerin auf viele Zusendungen: Auch Insekten sind in der kalten Jahreszeit geschwächt und holen sich schneller eine Infektion als im Sommer.

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