Gesundheit : Schlesische Schlösser: Neu entdeckt

Amory Burchard

Ein altes Foto brachte den Kunsthistoriker auf die Spur. Es zeigt den Lesesaal der Schaffgotschen Majoratsbibliothek zu Warmbrunn. Dort hing ein Monumentalgemälde mit dem Stammbaum dieses schlesischen Adelsgeschlechts. Nach der Flucht des Reichsgrafen Friedrich von Schaffgotsch, 1945, wurde die mit 80 000 Bänden größte deutsche Privatbibliothek aus ihrem Standort in der Bad Warmbrunner Probstei nach Breslau (Wroclaw) verlagert. Seitdem galt der Stammbaum als verschollen. Tatsächlich war er nur vergessen. Den zuständigen Denkmalpfleger von Hirschberg (Jelenia Gora) hat zuerst der Görlitzer Kunsthistoriker Arne Franke im Mai dieses Jahres nach dem Stammbaum gefragt. Franke ist Projektleiter einer Ausstellung über Schlösser und Gärten im Hirschberger Tal in Schlesien, die zur Zeit im Breslauer Architekturmuseum gezeigt wird und über Hirschberg nach Berlin wandert.

Der Hirschberger Konservator Wojcech Kapalczynski führte Franke prompt in einen abgelegenen Korridor der Schaffgotschen Probstei. Dort stand der 1722 gemalte Stammbaum, verstaubt, bis zur Unkenntlichkeit verdreckt, rissig - aber nicht allein. An der Wand lehnte ein zweiter von der Hand desselben unbekannten Künstlers: die Lebenswege des Geschlechts der Piasten.

Die parallele Darstellung von deutschem und polnischem Hochadel, um 1720 von einem Grafen Schaffgotsch in Auftrag gegeben, kommt dem polnischen Bedürfnis nach Anerkennung des piastischen Erbes entgegen. Von der alten These, dass die polnische Besiedlung Schlesiens nach der Vertreibung der Deutschen 1945/46 die "Wiedergewinnung urpolnischen Territoriums" gewesen sei, hat sich Polen in den letzten zehn Jahren zwar verabschiedet. Ein Beleg für die einstige Präsenz der Piasten aber ist willkommen. Die Herrschaft der Piasten über Schlesien ging im 14. Jahrhundert zunächst auf die böhmische Krone, dann auf die Habsburger und die Preußen über. Offensichtlich, so Arne Franke, fühlten sich die Grafen von Schaffgotsch den Piasten noch im 18. Jahrhundert sehr verbunden. Man traf sich in einer "schlesischen Identität".

Halb zerstört, aber noch zu retten

Damals dachte man weniger in Nationen als in Regionen. Heute knüpfen Projekte wie die "Euroregion Neiße" daran an. Die rotgrüne Bundesregierung gab 1998 die Parole "mehr grenzüberschreitende Kulturförderung statt Geld für Vertriebenenkulturarbeit" aus. Mit 183 000 Mark sind die deutsch-polnischen Initiatoren der Ausstellung über die Schlösser und Gärten aus dem einstigen "Vertriebenen"-Topf des Bundes gefördert worden. Die übrigen Mittel kamen vom Freistaat Sachsen und von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Vergessen, aber nicht verschollen, halb zerstört, aber noch zu retten - so ist es vielen Schlössern im Hirschberger Tal ergangen. Von den 38 Burgen, Schlössern und Herrensitzen - nach der strengeren polnischen Zählung sind es 26 - sind nur drei vollkommen zerstört: Kupferberg, Maiwaldau und Rohrlach. Die übrigen sind auf unterschiedlichem Niveau erhalten.

Die Nachkriegsgeschichte der Schlösser und Burgen war bestenfalls ein Dornröschenschlaf, schlimmstenfalls eine Aneinanderreihung von Plünderung, Zerstörung und Verwahrlosung. Die verschiedenen Wellen des Schicksals der Schlösser nach 1945 hat Ivo Laborewicz dokumentiert, Leiter der Abteilung Hirschberg des Staatsarchivs Breslau. Nachdem die meisten Besitzer ihre Schlösser schon vor Mai 1945 verlassen hatten, wurden sie zuerst wieder von Soldaten der Roten Armee betreten. Sie raubten bewegliche Güter und oftmals verwüsteten sie die Paläste. "Dann", so Laborewicz im Buch zur Ausstellung, "fielen die Paläste der Zivilbevölkerung zum Opfer, sowohl Ortsansässigen als auch Zuwanderern". Die Ortsansässigen waren Deutsche, die kurz darauf selber vertrieben werden sollten. Die Zuwanderer waren polnische Vertriebene aus dem Osten des Landes, der an die Sowjetunion gefallen war. Sie bezogen zwar die verlassenen deutschen Häuser und Wohnungen, brauchten aber zu allen Zeiten Material für Um- und Neubauten. Verlassene Paläste dienen bis heute als Steinbrüche.

Schlösser, die öffentlich genutzt werden sollten, wurden seit Ende der vierziger Jahre saniert. Schloss Warmbrunn beispielsweise hatte die Rote Armee bis 1947 als Lazarett für Soldaten mit Geschlechtskrankheiten genutzt und als Ruine zurückgelassen. Der Wiederaufbau erfolgte von 1949 bis 1951. Aber nicht alle Schlösser, die von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Schulen, Kinderheimen und Verwaltungen genutzt wurden, entgingen dem Verfall. Zu oft wechselten die Nutzer - bis viele Objekte endgültig aufgegeben wurden.

Erst 1962 kam eine "Verordnung zum Schutz der Baudenkmäler", die auch für die preußischen Herrensitze gelten sollte. Bei der Dringlichkeit von Erhaltungsarbeiten allerdings galt die Kategorisierung von null bis vier: Besonders schützenswert waren die mittelalterlichen Burgen aus der Piastenzeit. Burg Kynast (Chojnik) und Bolzenschloss (Bolczow) wurden als touristische Sehenswürdigkeiten und ideologische Vorposten in stand gehalten. Unter Kategorie vier fielen die preußischen Schlösser. "Das bedeutete", so Kapalczynski, "dass nichts investiert wurde". Die dritte Phase begann nach der Wende in Polen. Die Liste der schützenswerten Objekte wurde länger und länger.

Schloss Lomnitz (Lomnica) ist eines der Vorzeigeobjekte des Denkmalschutzes im Hirschberger Tal. Das nach 1945 als Verwaltung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft genutzte Witwenschlösschen wurde unter Denkmalschutz zu einem Hotel und Kulturzentrum im Stil eines schlesischen Gutshauses rekonstruiert. Träger ist eine polnisch-deutsche GmbH, an der Ulrich von Küster, Enkel des letzten Besitzers, beteiligt ist. Das Witwenhaus spielt Geld ein für den Wiederaufbau des eigentlichen Schlosses Lomnitz, von dem bis vor zwei Jahren nur noch die Außenmauern standen. Dazu kommen deutsche und polnische Spenden. 2002 soll es als Hotel und Sitz eines deutschpolnischen Vereins zur Pflege Schlesischer Kultur eröffnet werden.

In Lomnitz tagt seit 1997 alljährlich ein internationales Symposium. Fernziel der Zusammenarbeit von Kunsthistorikern, Architekten und Landschaftsarchitekten ist es, das Hirschberger Tal mit seinen Schlössern und Gärten von der Unesco als Weltkulturerbe eintragen zu lassen. Die lange vergessene Region hat die höchste Schlösserdichte Europas aufzuweisen.

Ein Glücksfall ist Jacek Jakubiec. Der polnische Architekt hat sich ganz dem historischen Bauen verschrieben - und das seit 1983. Auf der Suche nach einer Nische weitab vom kommunistischen Machtzentrum fand der Solidarnosc-Mann Unterschlupf in Schloss Schwarzbach (Czarne) bei Hirschberg. Zuvor hatte sich die örtliche LPG aus dem verfallenen, 1559 von Caspar von Schaffgotsch erbauten Renaissance-Bau zurückgezogen. Bis 1987 konnte Jakubiec mit finanzieller Unterstützung der Denkmalpflege das Schloss sichern. Noch vor der Wende gründete er auf Schwarzbach das "Zentrum ökologischer Kultur", das seit 1997 als Modellprojekt der Euroregion Neiße von der EU gefördert wird.

Zurück zur Ausstellung. Die Stammbäume derer von Schaffgotsch und der Piasten flankieren den Eingang zur Ausstellung. Das Denkmalpflegeamt ließ sie in Rekordzeit wiederherstellen - ein Beispiel für die hohe Schule der polnischen Restaurationskunst. Die Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen, sagt Ellen Röhner von der mitveranstaltenden Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch, sei heute sehr offen. So ist der Gesellschaft in Kooperation mit dem Hirschberger Bezirksmuseum die dritte "schlesische" Ausstellung seit 1995 geglückt. Röhner und ihre Kollegin Ulrike Treziak haben mit ihrem ideologiefreien Ansatz viel Land jenseits der Neiße gewonnen.

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