Gesundheit : Terry aus der Zwischenwelt

Amerikaner erwachte nach 19 Jahren aus dem Koma – Auch an die Zeit vor dem Unfall erinnert er sich kaum

Elke Binder

Sein erstes Wort war „Mum“, das englische Wort für „Mama“. Kurz darauf murmelte er „Pepsi“. Nach 19 Jahren ist Terry Wallis aus dem Koma erwacht. Der Mann hatte seit einem schweren Autounfall im Juni 1984 bis vor wenigen Wochen in einer Rehabilitationsklinik in dem Örtchen Mountain View im US-Bundesstaat Arkansas gelegen – querschnittgelähmt und ohne Bewusstsein.

Terry galt eigentlich als ein hoffnungsloser Fall. Die Ärzte glaubten, er würde nie wieder sprechen. Nach dem Unfall auf einer der schmalen Straßen, die sich in seiner Heimat durch die Berge winden, waren Tage, Wochen und Monate vergangen, ohne dass sich sein Zustand veränderte. Terry blieb völlig leblos. Sein Hirnstamm war schwer verletzt und vor allem jene Stellen, die Schaltfunktionen zur Großhirnrinde (dem Cortex) hin übernehmen. Dort, im Cortex, findet unser Denken statt, die Verknüpfung und Verarbeitung von bewusst aufgenommenen Informationen.

Damals, als es passierte, war der Automechaniker gerade 20 Jahre alt und frisch verheiratet. Seine Tochter war sechs Wochen zuvor zur Welt gekommen. Doch von nun an lag Terry mit weit aufgerissenen Augen im Krankenhaus. Er war am Leben: Er atmete, schluckte, schlief und wachte wieder auf.

Aber sein Leben war nicht mehr als ein Dämmerzustand: Terry war wach, ohne sich dessen bewusst zu sein. Er starrte, ohne zu sehen. Sein Gesicht blieb regungslos, ohne Tränen, ohne Entsetzen, ohne Freude.

Terry Wallis lag im Wachkoma. Solche Patienten können keinen Kontakt zur Umwelt aufnehmen. Terrys Mutter Angilee wollte die Hoffnung dennoch nicht aufgeben. Zwischen ihren Schichten in einer Fabrik fuhr sie zwei Mal in der Woche die fünfzig Meilen zur Klinik. Sie redete unermüdlich mit ihrem ältesten Sohn, las ihm vor, fuhr ihn herum, holte ihn an Wochenenden nach Hause. Nach Terrys ersten Worten am 11. Juni diesen Jahres fiel Angilee vor Freude in Ohnmacht.

Der behandelnde Arzt James Zini sprach von einem „noch nie erlebten Wunder“, als die Klinikleitung jetzt an die Öffentlichkeit trat. Denn normalerweise entscheidet sich in den ersten Wochen, ob jemand wieder ins Leben zurückgeholt werden kann. „Es ist extrem ungewöhnlich, dass ein Patient nach so vielen Jahren plötzlich aus dem Koma erwacht“, sagt auch Karl-Heinz Mauritz, Leiter der Abteilung für Neurologische Rehabilitation am Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin. „Ich selber habe keinen Fall erlebt, bei dem jemand nach mehr als zwei Jahren doch noch aufgewacht ist“, sagt Mauritz, der in Berlin Wachkoma-Patienten behandelt.

Oft bleibende Hirnschäden

In Deutschland erleiden jedes Jahr fast 100 000 Menschen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, das mit einem Koma von mehr als sieben Tagen einhergeht. Das akute Koma ist ein dem Tiefschlaf ähnlicher Zustand, von dem sich viele wieder vollständig erholen. Bei etwa 20 000 Patienten kommt es jedoch zu bleibenden Hirnschädigungen. Sie liegen häufig länger als drei Wochen im Koma. Etwa 4000 Menschen jedes Jahr tauchen auch nach Monaten nicht mehr aus der Welt zwischen Leben und Tod auf.

Das apallische Syndrom, wie Mediziner das Wachkoma nennen, ist meist die Folge von Verkehrsunfällen, Hirnblutungen oder Sauerstoffmangel im Gehirn. Der Geist versagt, doch der Körper arbeitet weiter, da das vegetative Nervensystem intakt bleibt. Das Herz schlägt, die Körpertemperatur wird reguliert, der Schlaf-Wach-Rhythmus aufrecht erhalten. Neurologen gehen davon aus, dass die Koma-Patienten keine Schmerzen und Gefühle empfinden können. Letztlich weiß aber niemand, ob sie über irgendeine Form von Bewusstsein verfügen.

Diskussion um Sterbehilfe

Immer wieder wollen Angehörige, dass Sterbehilfe geleistet wird. Sie wollen dem Leben, das keines mehr ist, ein Ende machen. Passive Sterbehilfe ist bei uns rechtlich sogar möglich, etwa durch Nahrungsentzug. Dann wird zum Beispiel die Versorgungssonde aus dem Magen entfernt. Doch viele Mediziner mahnen an, dass Menschen im Wachkoma keine Hirntoten und keine Sterbenden sind.

Tatsächlich zeigen einige Patienten ein „verdecktes internes Verhalten“. Sie reagieren, sobald nahe Angehörige mit ihnen sprechen. Die Regungen sind hinter den starren Gesichtszügen zwar nur schwer zu erkennen. Neurologen können sich mit Gehirnstrommessungen aber ein Stück weit in die verborgene Geisteswelt vortasten. Die Hirnströme, aber auch Herzfrequenz und Muskelanspannung, verändern sich, wenn der Patient eine vertraute Stimme hört.

Ärzte nutzen dieses passive Erleben, um Menschen aus ihrem Dämmerzustand zu befreien. In Rehabilitationskliniken werden die Sinne – Augen, Ohren, Nase und Haut – regelmäßig stimuliert. Die Therapeuten versuchen, an den möglicherweise noch vorhandenen Erinnerungen anzuknüpfen. „Wir lassen die Verwandten zum Beispiel Musikkassetten mitbringen, die der Patient gerne gehört hat“, sagt Mauritz. Bei Jugendlichen stehen die Chancen dann besser als bei Erwachsenen. Vermutlich kann sich ihr Gehirn noch besser regenerieren; neue Verschaltungen zwischen Nervenzellen werden leichter geknüpft.

Die Mediziner müssen sich allerdings auch gut um den Körper des Komapatienten kümmern. Wie alle lange Bettlägerigen ist er durch Mangel an herkömmlicher Nahrung und vor allem an Bewegung sehr stark geschwächt. Muskelmasse und Körperfett schwinden, auch Gelenke leiden unter dem Nichtgebrauch. Die Haut muss intensiv gepflegt werden, damit es nicht zum Wundliegen kommt. Solche Kranken bekommen darüber hinaus leicht eine infektiöse Lungenentzündung – wie eben Terry auch. Und da der Blutkreislauf auch auf Sparflamme läuft, ist die Gefahr von Thrombosen groß

Ein Patient wacht meist langsam auf. Manchmal bleibt das zunächst unbemerkt. Auch Terry hatte nach all den Jahren, in denen er vor sich hinstarrte, angefangen, mit den Augen Bewegungen zu verfolgen. Letztes Jahr blinzelte er dann plötzlich, grunzte sogar. Angilee ist überzeugt, dass er damit auf ihre Fragen geantwortet hat.

Nach einer kurzen Zeit im Koma können Menschen wieder ganz gesund werden. „Monate oder Jahre im Koma jedoch hinterlassen aber fast immer Störungen“, sagt Mauritz. So wie bei Terry. Natürlich kann er nicht laufen, denn er ist gelähmt. Aber er spricht auch langsam und undeutlich, formt nur kurze Sätze. Immerhin kann er spontan antworten, lesen und Witze machen.

Er selbst weiß von der Zeit im Koma nichts mehr – fast nichts. An eines erinnert er sich doch: wie seine Mutter ihm vorgelesen hat. „Offenbar hatte er doch mehr Bewusstsein, als wir damals angenommen haben“, zitiert die britische Zeitung „The Guardian“ Terrys Arzt Zini.

Und die Erinnerung an seine Jugend? Von seinem Leben kurz vor dem Unfall weiß er kaum etwas – nicht von seiner Frau und nicht von seiner Tochter, die heute fast so alt ist wie er selbst, als er ins Koma fiel.

Die Welt ist für Terry in den 80er Jahren stehen geblieben. Er erinnert sich an seine Geschwister, an ein Sprichwort seines Großvaters, daran, wie er auf der kleinen Familienfarm die Schweine gefüttert hat. Und er erinnert sich an seine Mutter.

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