Wählen und die Gesundheit : Teamarbeit im Gehirn

Die Bundestagswahl ist vorbei. Aber was passiert eigentlich im Kopf, wenn wir Entscheidungen fällen? Und wie beeinflusst dieser Vorgang unser Wohlbefinden? Eine kleine psychologische Einführung.

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Entscheidungen zu treffen ist ein komplexer Vorgang
Entscheidungen zu treffen ist ein komplexer VorgangFoto: dpa

Die gute Nachricht für alle, die am Sonntag ins Wahlbüro gepilgert sind, egal welchem Kandidaten und welcher Partei sie ihre Stimme gegeben haben: Sie werden es nicht bereuen. Fehlentscheidungen hat es dabei nämlich nicht gegeben.

Das behauptet jedenfalls Daniel Gilbert, Professor für Psychologie an der Harvard-Universität. Und erklärt es mit dem „psychischen Immunsystem“ des Menschen, das es ihm ermögliche, selbst objektiv recht verheerende Folgen eigener Entscheidungen – etwa den Kauf eines Hauses an einer verkehrsreichen Straße – im Nachhinein vor sich selbst in Erfolge umzudeuten. „Wir sind sehr gut darin, die Welt in ein neues Licht zu stellen“, so Gilbert in seinem Buch „Ins Glück stolpern“. Als Meister des Selbstbetrugs werden wir, wenn das stimmt, die von uns am Sonntag Gewählten in den nächsten vier Jahren in schmeichelhafterem Licht sehen als ihre politischen Gegner, denen wir die Stimme verweigert haben. Auch dass Nichtwähler die deutsche Politik weiterhin als ärgerlichen Einheitsbrei erleben werden, lässt sich auf diese Weise gut erklären.

Wie aber sind wir überhaupt zu unserer Entscheidung für oder gegen das Wählen, für oder gegen die zur Wahl Stehenden gekommen? Und was ist dabei in unserem Kopf passiert? In den letzten Jahren hat die Hirnforschung eindrücklich herausgearbeitet: Ein kühler Kopf allein genügt nicht, um Entscheidungen zu fällen. Eindrücklich zeigt das der Fall des Patienten Elliot, den der amerikanische Neurologe Antonio Damasio in seinem Buch „Descartes’ Irrtum“ vorstellt: Ein intelligenter Mann, der, nachdem ihm ein gutartiger Hirntumor entfernt worden war, nicht mehr in der Lage war, seinen Tagesablauf zu planen oder auch nur eine einzige alte Zeitung wegzuwerfen. Er hatte bei dem Eingriff auch bestimmte Regionen beider Stirnlappen eingebüßt – und damit Gefühle, ohne die keiner fähig ist, sich zu etwas durchzuringen, so intelligent er oder sie auch sein mag. Als Damasio ihn traf, stand Elliot seinem eigenen Leben in fassungsloser Distanziertheit gegenüber. Rationale Abwägungen konnte er zwar treffen – aber keine Entscheidungen.

Letztlich haben Entscheidungen immer eine emotionale Basis

„Entscheidungen sind immer emotional, wie lange man auch abgewogen hat, und rationale Argumente wirken auf die Entscheidung nur über die mit ihnen verbundenen Emotionen, das heißt Erwartungen und Befürchtungen ein“, schreibt der Neurobiologe Gerhard Roth in seinem Buch „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten“. Und mehr noch: „Wir sind mit unseren Entscheidungen nur dann zufrieden, wenn sie ihren Grund in den tiefer liegenden limbischen Ebenen unserer Persönlichkeit haben.“

Diese Region ist unter anderem für emotionale Bewertungen zuständig. Wie bedeutsam sie sind, zeigt die Geschichte von dem jungen Mann, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte. Er soll den großen Benjamin Franklin um Rat gefragt haben, der ihm nahe legte, eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten für beide Partnerinnen anzulegen. Der Mann tat es – und heiratete schließlich die, für die weniger sprach. Das beweist allerdings nicht, dass die Liste nicht nützlich gewesen wäre. „Eine solche Sammlung von Argumenten kann durchaus helfen, zu einer vernünftigen Entscheidung zu kommen“, gibt Charité-Psychiaterin Isabella Heuser zu bedenken.

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