Gesundheit : Warum schmecken Tränen salzig?

Thomas de Padova

Die Hornhaut ist das Fenster des Auges. Sie ist glasklar. Weil keine Blutgefäße darin vorhanden und ihre Zellen regelmäßig angeordnet sind, kann das Licht durch sie hindurch bis zur Netzhaut vordringen.

Diese Spezialisierung des Gewebes hat jedoch ihren Preis: Die Hornhaut ist sehr empfindlich. Sie ist auf eine dauerhafte und tadellose Versorgung von außen angewiesen. Sauerstoff, Traubenzucker oder Salze müssen zu ihr hingebracht, tote Zellen sowie in Wasser gelöste Abfallprodukte wie Kohlendioxid oder Milchsäure beseitigt werden. An der Innenseite der Hornhaut kümmert sich vor allem das Kammerwasser um Nachschub und Reinigung, an der Außenseite ist es der Tränenfilm.

Alle fünf bis zehn Sekunden wischen unsere Augenlider über die Hornhaut. Schlag auf Schlag verteilen sie einen Tränenfilm auf dem kleinen Scheibchen, entfernen Staub und Fremdkörper. Über einen Kanal fließt das Sekret schließlich in den Tränensack und weiter zur Nase ab.

„Die Tränenflüssigkeit hat auch eine antibakterielle Wirkung“, sagt Christian Ohrloff, Direktor der Universitäts-Augenklinik Frankfurt. „Mit Lysozym und anderen Abwehrstoffen schützt sie uns vor Bindehautentzündungen, unter denen Patienten mit trockenen Augen häufiger leiden.“ Gefeit wird man auch vor Geschwüren in der Hornhaut.

Der Tränenfilm kommt aus einer über dem Auge gelegenen Drüse. Diese holt sich die nötige Flüssigkeit aus dem Blutserum. Dabei werden etliche Proteine herausgefiltert, sodass eine klare Lösung entsteht. Die Salzkonzentration bleibt jedoch unverändert: Sie entspricht mit 0,9 Gramm Kochsalz pro Liter der des Blutes. Daher schmeckt es salzig, wenn Tränen an unseren Wangen hinunterkullern und bis in den Mundwinkel laufen, weil bei einer Überproduktion der Tränendrüse ein See im Auge entstanden ist, der über die Lidkante schwappt.

Das Weinen hat etwas Reinigendes. Die vielschichtige Hornhaut holt sich so alles, was sie braucht. Für ihren Stoffwechsel spielt das Salz der Tränen allerdings eine untergeordnete Rolle. Der Tränenfilm versorgt sie zwar mit Sauerstoff. Traubenzucker und Salze gelangen jedoch in erster Linie über das Kammerwasser in die Hornhaut. Das Kammerwasser hält auch den Wassergehalt im Gewebe immer gleich hoch. So bleibt die Hornhaut schön durchsichtig.

Eine Auswahl von 101 „Aha“-Kolumnen von Thomas de Padova ist soeben im Piper-Verlag unter dem Titel „Die Kinderzimmer-Akademie“ (176 Seiten, 14 Euro 90) erschienen.

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