Weibliche Sexualität : Der Vagina-Monolog

Früher galt der weibliche Körper als nach innen gestülpte Version des Mannes. Unsere Autorin erkundet die Sexualität der Frau von Aristoteles bis heute.

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Der "Ursprung der Welt" von 1866 war eine gezielte Provokation des Malers Gustave Courbet. Kürzlich wurde das dazugehörige Porträt gefunden, es zeigt Courbets Geliebte.
Der "Ursprung der Welt" von 1866 war eine gezielte Provokation des Malers Gustave Courbet. Kürzlich wurde das dazugehörige Porträt...Foto: Reuters/Philippe Wojazer

Ich habe einmal an einem einzigen Tag 14 Klitorisse im Spiegel bewundert – oder wie nennt man das weibliche Geschlechtsorgan im Plural? Die Begriffslage ist ja „untenrum“ bei Frauen recht schwierig. Entweder klingt es technisch oder ist politisch bedenklich. Vorsicht ist etwa beim Wort Vagina angebracht: Das ist der Tunnel zum Muttermund, und lange hielt man diesen Ort weiblicher Sexualität für den einzig wichtigen. Vermutlich war er, fortpflanzungstechnisch, einfach unvermeidbar.

Ich empfehle „Vulva“, damit ist man auf der sicheren Seite. Die Vulva deckt lauter Organe ab, die bei der Vagina auf der Strecke bleiben: Innere und äußere Lippen, Klitorisperle und -kapuze, Vaginaleingang, Harnröhre, kurz: alles, was sich da (von lateinisch: volvere) wölbt und wickelt und ergießt. Ja, richtig, ergießt. Das Fließen der Vulven hat unsere westliche Gesellschaft 200 Jahre lang vernachlässigt. Und damit beinahe einen wichtigen Teil weiblicher Sexualität ausgelöscht.

Das glaubt jedenfalls die Berliner Sex-Beraterin Laura Méritt. Seit Jahren berät sie Frauen in ihrem Sexshop „Sexclusivitäten“ in Kreuzberg, hält Vorträge über Sex im Alter oder zeigt feministische Pornos. Promoviert hat sie in Linguistik, daher rührt ihre Skepsis gegenüber der Alltagssprache. Méritt kann leidenschaftlich darlegen, dass die weibliche Scham nichts zum Schämen ist.

Gerade hat sie ein Buch herausgegeben, (Orlanda-Verlag, 24,50 Euro), in dem das ausführlich erklärt ist. „Frauenkörper neu gesehen“ heißt es, obwohl es so neu nicht ist. Sondern die überarbeitete Auflage eines Kultbuchs aus den 80er Jahren. Die Lektüre zeigt, dass es auch 30 Jahre später viele Fragen beantworten kann: Von der Zwischenblutung bis zu Geschlechtskrankheiten erklärt es weibliche Gesundheit. Und natürlich gibt es ein großes Kapitel zur Klitoris.

Der Plural von Klitoris lautet übrigens Klitorides, Betonung auf dem „o“. Aber wann hat man schon mal die Möglichkeit, über mehrere gleichzeitig zu sprechen?

Ich habe das Buch kennengelernt, als es noch auf Amazon zu antiquarischen Preisen gehandelt wurde. Es war am selben Tag, an dem ich den vielen Vulven begegnete, vor zwei Jahren auf einem Workshop bei Laura Méritt. Angefangen hatte alles mit einem Vortrag in ihrem Freitagssalon. Es ging um den weiblichen Orgasmus, und ich erhielt Informationen über meine Klitoris, die ich faszinierend und etwas befremdlich fand. Ich lernte, dass meine Klitoris zwei Schenkel hat, die sich tief hinein in meinen Körper erstrecken und mit ihrem Schwellgewebe die Vagina umklammern. Auf den Zeichnungen, die aus jenem Buch stammten, sieht das so aus, als säße ein dicker Pinguin, die Ärmel seines schwarzen Fracks leicht abgespreizt, auf einer Südpol-Pipeline. Alles, was wir sehen können, ist sein Schnabel, die kleine Klitorisperle. Im Falle einer Erregung hebt der Pinguin seinen Kopf.

Auf den Bildern gab es eine Menge Verästelungen – das Harnröhrenschwellgewebe, wie sich herausstellte, auch weibliche Prostata genannt. Dort wird Ejakulat produziert, das durch die beiden Skene-Drüsen herausspritzt. Später schauten wir gemeinsam in den Spiegel, um diese Drüsen zu suchen.

Alle Frauen, sagte Méritt bei ihrem Vortrag, haben die körperliche Voraussetzung zum Ejakulieren, geredet und geforscht wird darüber jedoch kaum. 30 Prozent der Frauen kennen den verstärkten „Flüssigkeitserguss“, viele verwechseln ihn mit Urin und schämen sich dafür. Die anderen, da ist sich Méritt sicher, halten das Ejakulat unbewusst zurück, weil Frauen in unserer Sexkultur eben nicht ejakulieren. In asiatischen Ländern ist das Phänomen bekannter. Tempel und Brunnen zeigen fließende Göttinnen.

Was Méritt uns zu erklären versuchte, ist, wie sich unsere Körper verändern, je nachdem, was in einer Kultur bekannt und geboten ist. Die Anti-Babypille ist dafür ein Beispiel: Viele junge Frauen kennen ihren Zyklus nicht, sondern nur den der Pille. Bei Stimmungsschwankungen hören sie nicht auf ihren Körper, sondern greifen zu Medikamenten. Unser Körpergefühl hat viel damit zu tun, was medizinisch entdeckt wird. Aber auch damit, wer diese Entdeckungen macht und wer sie interpretiert. In Deutschland halten einige Wissenschaftler weibliche Ejakulation noch immer für eine Fantasie.

Am Ende des Vortrags wies Méritt auf einen Workshop hin. Also ging ich anderntags in ein Aikido-Zentrum in Kreuzberg. Da waren wir: 14 Frauen unterschiedlichen Alters, bewaffnet mit Handspiegeln, um einen neuen Teil unseres Körpers kennenzulernen. Es gab Anis-Tee und Plätzchen, und ich musste an die Frauengruppen denken, die in den 70ern auf eben diese Weise die feministische Gesundheitsbewegung begründet hatten. Nach dem Vorbild der autonomen Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten begann auch in Deutschland eine Debatte über den weiblichen Körper. 1971 gab es die „Stern“-Abtreibungskampagne. Initiatorin: Alice Schwarzer. Schwarzer kannte in Paris die feministische Vordenkerin Simone de Beauvoir, andere Aktive kamen aus der Studentenbewegung. Verhütung und Sexualität standen ganz oben auf der Agenda. Frauen erforschten ihren Körper.

Knapp 40 Jahre später saßen wir wieder im Kreis, unten ohne, und ich verrenkte mich nach Kräften. So richtig wusste ich nicht, was ich eigentlich sehen sollte. Genau das, erklärte uns Laura Méritt, sei der Grund, aus dem man Frauen vor 200 Jahren die Lust gleich ganz absprach: Weil man nichts sieht.

Die Frau als ewige Unbekannte, das ist ein uralter Topos. Mal wird sie deshalb verhüllt, mal steht sie mit ihrer zähnefletschenden „vagina dentata“ für die Kastration. Ende des 18. Jahrhunderts wird das Ganze zusätzlich biologisch begründet. In dieser Zeit rückt ein neues soziales Paradigma in den Vordergrund: die Zweigeschlechtlichkeit der Menschen. Bis dahin galt der weibliche Körper als nach innen gestülpte Version des Mannes. Die Vagina? Ein hohler Penis. Die Gebärmutter? Innere Hoden. Eierstöcke gab es gar nicht. Es existierte kein männliches Pendant.

Den Orgasmus aber „hatten“ beide und die dazugehörigen Körperflüssigkeiten auch. Der Arzt Hippokrates und der Naturphilosoph Aristoteles wussten, dass „Frauen einen Saft absondern“ können, der mengenmäßig den des Mannes „bei Weitem übertrifft“. Der Historiker Thomas Laqueur fand bei der Lektüre von Hebammen-Handbüchern aus dem 17. Jahrhundert heraus, dass der weibliche Orgasmus gar eine Bedingung für die Befruchtung war. Die katholische Kirche im Mittelalter ging noch einen Schritt weiter und machte die Ejakulation für Frauen zur Pflicht. Sie hielt diese Flüssigkeit für nährend, wie die Kölner Ärztin Sabine zur Nieden 1993 in ihrer Doktorarbeit berichtet.

Uns mag erstaunen, dass die Erfahrung damals nichts anderes lehrte: Schwangerschaften kommen ja auch ohne weiblichen Orgasmus zustande. Doch unser Blick, schreibt Laqueur, ist gefärbt vom Geist des 19. Jahrhunderts, in dem der weibliche Orgasmus an Bedeutung verlor. Plötzlich war seine Existenz umstritten; mehr noch, er wurde zum medizinischen Problem. Anders als die männliche passierte die weibliche Lust eher zufällig. Genau damit bestätigte sich die neue Theorie der gegensätzlichen Geschlechter: Männer waren vital, Frauen kalt und leidenschaftslos. Wenn nicht, waren sie Hysterikerinnen und kamen in die Psychiatrie.

Laqueur beobachtete, wie die Klitoris, lange ein bedeutendes Organ, in den medizinischen Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts zunehmend schrumpfte – auf jene Perle, die, glaubt man Wikipedia, erst 1998 wieder zu ihrer vollen Größe fand. Méritts Buch (Erstausgabe 1981) zeigt, dass die Online-Enzyklopädie nicht ganz up to date ist.

Man muss bei solchen Entdeckungen vorsichtig sein. Dass weibliche Ejakulation vor 250 Jahren bekannter war als heute, heißt nicht, dass Frauen damals körperlich freier waren. Überhaupt ist Sex als Ausdruck des Individuums eine Deutung des 20. Jahrhunderts. Auch die feministische Gesundheitsbewegung unterschlägt gern die Tatsache, dass sprudelnde Vulven an indischen Tempeln noch keine Emanzipation machen.

Laqueurs Studien (und auch unsere im Aikido-Raum) zeigen jedoch, wie medizinische Entdeckungen und Zeitgeist einander bedingen. Die Klitoris fiel keineswegs der „wahren“ Befruchtung zum Opfer. Die wurde nämlich erst 1843 entdeckt – ein halbes Jahrhundert, nachdem man die Frau für frigide erklärte. Vielmehr legitimierte die Medizin nachträglich die soziale Hierarchie der Geschlechter. Frauen kommen seltener? Siehste – die sind eben schwach.

Die Wiederentdeckung der Klitoris entlarvt einen Mythos: Dass Medizin Wahrheit aufdeckt. Denn Sexualität ist nichts, was dem Körper einfach innewohnt, ein biologischer Trieb, den man sezieren kann. Sexualität, so der Philosoph Michel Foucault, entsteht erst, indem wir darüber reden, indem wir Wissen schaffen.

Das Wissen um den Körper war in den vergangenen 250 Jahren sehr männlich geprägt. Vielleicht haben die Frauengruppen der 70er Jahre auch deshalb lieber zu Handspiegeln gegriffen als zu medizinischen Lehrbüchern. Zu wenig erfuhren sie dort über ihr eigenes Geschlecht.

Wir hingegen blieben an jenem Nachmittag gegenüber der weiblichen Prostata skeptisch. Auf Zuruf floss das Ejakulat nicht auf die Aikido-Matten. Aber die beiden winzigen Pünktchen, die Skene-Drüsen, durch die die Flüssigkeit austritt, haben wir bei allen gefunden – nicht ganz ohne Hilfe unserer Lehrerin. Eine nach der anderen schmiss, weil sie nichts sah, frustriert den Handspiegel hin und setzte sich, breitbeinig und von aller Scham befreit, vor den größten Spiegel. Umringt von den anderen ließen wir uns von Laura Méritt das kleine Organ zeigen. Wir starrten und staunten.

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