Gesundheit : Wer das Rad erfunden hat

Als der Mensch mobil wurde: Archäologen streiten über die Herkunft der ersten Gefährte

Michael Zick

Wohnwagensaison auf Deutschlands Autobahnen – mal gezogen von Rad und Wagen oder als Selbstfahrer auf eigenen Achsen sind sie wieder unterwegs. Der Prototyp dazu rumpelte vor fast 6000 Jahren durch die Steppenlandschaften nördlich von Schwarzem Meer und Kaukasus. Die frühen Planwagen belegen, neben großer Mobilität der Alten, dass nicht alle zivilisatorischen Errungenschaften aus Mesopotamien kommen, wie uns Schulbuchwissen eintrichtert. Bis vor wenigen Jahren gingen Altertumsforscher davon aus, dass Rad und Wagen ein halbes Jahrtausend später im Zweistromland erfunden wurde – weil eben nach der Lehrmeinung alle Kultur dort geboren wurde. Nachdem aber die Archäologen ihre Arbeitsgebiete nach dem Zerfall der Sowjetunion weit über die klassischen Regionen ausdehnen können, stoßen sie auf immer ältere Belege zivilisatorischer Entwicklung auch außerhalb der so genannten Wiege der Kultur. Funde der letzten Jahre in den Landschaften von der heutigen Ukraine bis Georgien bringen das vertraute Bild ins Wanken.

Rad und Wagen haben – als eine erste technische Revolution – das Leben des Menschen verändert wie kaum eine andere Innovation. Wann aber entstand die Idee von Rad und Wagen? Wurde das Räderwerk einmal oder an mehreren Stellen erfunden?

„Ich glaube nach den neuesten Funden, dass es sich um eine Erfindung handelt, die in einer Gegend getätigt wurde“, sagt Joseph Maran. Der Archäologie-Professor von der Universität Heidelberg verwirft dabei aber Mesopotamien als Ursprungsregion und verweist auf die Tripol’e-Kultur im nordwestlichen Schwarzmeerbereich. Dort entstanden in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v.Chr. große Siedlungen für mehrere tausend Menschen. „Von hier stammen die frühesten Beispiele von tönernen Wagenmodellen, die sich auf Rädern bewegt haben oder auf Rädern gezogen werden konnten“, sagt Maran.

Zu der Zeit muss das Gerät also schon im Alltagsleben verankert gewesen sein. Das Prinzip Rad-Achse-Aufbau ist sicher nicht zusammen erfunden worden, sondern wurde aus bekannten Teilen zusammengedacht. Spinnwirteln, Töpferscheibe, Rollbalken und Schlitten zum Beispiel waren schon länger in Gebrauch. Aus Ägypten gibt es Darstellungen von Schlitten mit Rädern.

Ab 3500 v.Chr. – also etliche Jahrhunderte nach den ersten Belegen – setzt nach den archäologischen Funden geradezu eine Massenproduktion von vierrädrigen Gefährten ein – ausgehend vom Schwarzmeergebiet bis ins südliche Mesopotamien und nach Norddeutschland. Diese überaus weiträumige und schnelle Ausbreitung einer bis dahin in diesen Gebieten unbekannten Innovation nimmt Maran als Beleg für einen Technologietransfer aus einem Zentrum heraus. Die nördliche Schwarzmeerregion sei damals in Kontakt- und Austauschsysteme eingebunden gewesen, die einerseits nach Vorderasien und in der anderen Richtung nach Südost- und Mitteleuropa führten.

Marans monozentrische Mobilitätsentstehung stößt bei anderen Wissenschaftlern auf Widerspruch. Für eine Erfindung mit vielen Vätern in mehreren Regionen führen die „Polyzentriker“ unter anderem die unterschiedlichen Konstruktionsweisen an: Im westlichen Mitteleuropa drehte sich das Rad zusammen mit der Achse, in Osteuropa rotierte das Rad um die Achse. Die Beweisfunde dafür stammen allerdings meist erst aus der Zeit um 3000 v.Chr.

Ähnlich umstritten ist die Frage, ob Rad und Wagen als Arbeitserleichterung erfunden wurden oder vorrangig dem Kult oder dem Prestige dienten. Maran ist der Meinung, „dass die profane Nutzung die primäre war“. Erfindung und Nutzung des Wagens dienten „der Erleichterung von Transport, weniger zwischen zwei Siedlungen als im Umfeld einer Siedlung, etwa bei der Ernte.“ Damit relativiert der Heidelberger Prähistoriker den Hinweis, dass Mitteleuropa im 4. Jahrtausend v.Chr. dicht bewaldet und unwegsam war, klobige viehgezogene Transportvehikel also nicht sinnvoll waren.

Da waren herkömmliche Lasttiere oder Menschen sicher effektiver. Aber Pflug- und Wagennutzung verschaffte einem Dorf sicher einen immensen ökonomischen Vorsprung – was zur lauffeuerartigen Verbreitung der Innovation und zur Differenzierung der Gesellschaft beitrug.

Drei Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um dem technischen System Rad und Wagen zum Erfolg zu verhelfen: ein wagentaugliches Terrain oder ein künstliches Wegenetz, ein gesellschaftlicher Bedarf und große domestizierte Zugtiere. Den Maya Mittelamerikas zum Beispiel war das Rad durchaus bekannt, wie Spielzeugfunde zeigen. Doch konnte es sich als Transportmittel nicht etablieren – es gab keine Zugtiere. Auch in Ägypten waren Rad und Wagen bekannt, konnten jedoch der Schifffahrt auf der zentralen Lebensader des Landes, dem Nil, nicht das Wasser reichen.

Neben der Frage, von wo breitete sich die Mobilinnovation aus, würden die Forscher gern das Rätsel lösen: Von wem wurde der Technologietransfer vorangetrieben? Wanderten Menschengruppen mit ihren gepackten Ochsenkarren oder zogen einzelne Menschen mit dem Know-how durch die Lande? Das könne man nicht abschließend beantworten, sagt der Archäologe Maran.

Im 4. Jahrtausend v.Chr. ist vieles in Bewegung geraten. Es scheint, als ginge ab 3500 v.Chr. ein Ruck durch die Menschheit: Die ersten Städte entstanden, die Schrift wurde erfunden, die Gesellschaften differenzierten sich, Großarchitektur und Kunst kamen zu einer ersten Blüte. Ob Rad und Wagen Auslöser oder Folge dieser Aufbruchstimmung waren, kann die Archäologie naturgemäß nicht ergründen.

Einigermaßen sicher aber können die Altertumsforscher sagen, wann der Mensch die Geschwindigkeit entdeckte: Mit der Domestizierung des Pferdes und der Erfindung des Speichenrades wurde irgendwann zwischen 2000 und 1800 v.Chr. der leichte zweirädrige Streitwagen zur Serienreife entwickelt. Neben dem Kampfeinsatz war er natürlich ein wunderbares Prestigeobjekt für Könige und antike Playboys: Man ließ alles hinter sich, der Raum wurde entgrenzt, nur der Wind war noch Begleiter. Das war die Geburtsstunde des Cabriolets.

0 Kommentare

Neuester Kommentar