Gesundheit : Wilhelm Nagayoshi Nagai: Der Begründer der japanischen Arzneiforschung studierte und arbeitete lange in Berlin

Rolf Brockschmidt

Was haben der Hustensaft und ein Samurai aus Japan gemeinsam? Hätte der Samurai nicht in Berlin studiert und infolge dessen dabei das Ephedrin entdeckt, unsere Erkältungsmedizin wäre um einiges ärmer. In Berlin kennt man inzwischen Mori Ogai, jenen Militärarzt, der im 19. Jahrhundert hier studierte und zurück in Japan seinen Landsleuten Goethes Faust und weitere Klassiker der deutschen Literatur übersetzte. Aber wer kennt Wilhelm Nagayoshi Nagai (1845 bis 1929), den Begründer der Pharmazie in Japan? Abhilfe schafft jetzt eine sehenswerte Austellung im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin, die zum Teil eine Übernahme der Universität Tokushima ist und für die deutsche Seite von Annette Lepenies konzipiert wurde.

Betrachtet man die Fotos, die Nagai aus der Hand von Japans erstem Fotografen Ueno in Samurai-Tracht zeigen - auf einem hält er sogar eine Blume in der Hand - kann man ermessen, wie groß die Umstellung für ihn gewesen sein muss, als er 1871 über Amerika und Großbritannien in Berlin angekommen ist. Sein Fürst hatte ihn und weitere hochbegabte Studenten nach Berlin geschickt, um ihn dort Medizin studieren zu lassen. Nagai war einer der ersten Japaner, der nach der Meiji-Restauration von 1868 nach Preußen kam. Aber Nagai wollte nicht Medizin studieren. Er interessierte sich für chinesische Heilmittel und deren Wirkung. Warum hat die und die Pflanze diese medizinische Wirkung? Das war sein Thema. Zuvor hatte er bereits in Nagasaki erste Kontakte zur westlichen Welt geknüpft, denn hier hatten die Niederländer als einzige westliche Nation ein Bleiberecht, und so wurde Nagasaki für die Japaner das Tor zum Westen.

In Berlin studierte er bei August Wilhelm Hofmann, der für seine Erforschung der synthetischen Farbstoffe und organischen Stickstoffe berühmt geworden war. 1881 promovierte Nagai mit der Arbeit "Beitrag zur Kenntnis des Eugenols". Das dicke Buch in deutscher Sprache ist ausgestellt. Er wird Hofmanns Assistent und kehrt schweren Herzens 1884 nach Japan zurück, wo er die erste pharmazeutische Firma des Landes gründet. Gleichzeitig wird er Professor an der Kaiserlichen Universität Tokio. In der Medizin vertritt er die Pharmazie, in den Naturwissenschaften die Chemie. Es ist sein Verdienst, dass im Laufe der Jahre Chemie und Pharmazie eigenständige Fächer wurden, die bis dahin in Japan unbekannt waren. 1885 entdeckt er das Ephedrin und stellt es synthetisch her. Dieser Wirkstoff ist heute noch in manchem handelsüblichen Hustensaft zu finden. In der Vitrine sind einige historische Gerätschaften jener Zeit sowie die Formel und ein Protokoll zu sehen. Hier steht, dass man die Substanz fünf Tage geschüttelt habe, "wobei leichte Erwärmung eintrat".

1886 heiratet Nagai in Andernach die Unternehmerstochter Therese Schumacher, die er - für japanische Augen jener Zeit ungeheuerlich - auf einem Foto der neuen Familie ganz selbstverständlich an der Hüfte umfasst. Mit ihr reist er alsbald nach Japan zurück. Dort nimmt er den Aufbau der Pharmazie und der pharmazeutischen Industrie in Angriff. Spektakulär ist seine Beteiligung an der Gründung der ersten Frauenhochschule Japans 1901, an der Frauen Chemie studieren konnten. Dies war in Berlin 1902 erstmals Gasthörerinnen aus Professorenfamilien an der Technischen Hochschule und ab 1907 Frauen überhaupt möglich.

Aber Wilhelm Nagayoshi Nagai - den deutsche Namen bekam er nach seinem Übertritt zur evangelischen Kirche - zeigte sich Deutschland Zeit seines Lebens gegenüber verpflichtet. Bei einem Deutschlandbesuch 1907 sagte er, dass er alles in seinem Leben, Studium, Karriere und Frau, Deutschland zu verdanken habe. Aus diesem Grunde leitete er von 1907 bis 1920 die Dokkyo-Oberschule in Tokyo, an der auf Deutsch nur deutsche Wissenschaft unterrichtet wurde. Und als nach dem Ersten Weltkrieg deutsche Akademiker in Not gerieten, sammelte Nagai mehr als zwei Millionen Mark.

Wilhelm Nagayoshi Nagai, der 13 glückliche und prägende Jahre in Berlin verlebt hat, hat diese Ausstellung verdient. Seine Verdienste stehen denen Mori Ogais in nichts nach. Und sogar heute noch schickt eine Stiftung, die sein Enkel in Düsseldorf gegründet hat, jedes Jahr 20 Nichtakademiker nach Japan und umgekehrt, um einander besser kennen zu lernen.

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