Gesundheit : ZAS: Mit vielen Zungen an Bord von Raumschiff Enterprise - Das Zentrum für allgemeine Sprachwissenschaft

Daniel D. Eckert

Auch die Sprache hat Atome, kleinste Teilchen, in die sich Texte, Sätze und Wörter zerlegen lassen. Ebenso wie bei der Materie sind diese "Atome" der Sprache unsichtbar: Es sind grammatische Regeln, die wir im "Kopf" haben und immer, wenn wir sprechen, automatisch anwenden. Und ebenso wie in der Physik gibt es auch in der Wissenschaft von der Sprache, der Linguistik, Grundlagenforscher, die diesen elementaren Bausteinchen und ihren Verbindungen nachspüren.

Keine Glasperlenspieler

Eines der deutschlandweit führenden Institute auf dem Gebiet der linguistischen Grundlagenforschung befindet sich in der Berliner Jägerstraße: das ZAS, das Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Typologie und Universalienforschung. Trotz der theoretischen Ausrichtung des Instituts werden hier auch Erkenntnisse zu Tage gefördert, die praktischen Nutzen bringen. Sie helfen zum Beispiel dabei, die medizinische Behandlung von Zungenkrebs-Patienten zu verbessern. "Wir betreiben kein reines Glasperlenspiel", sagt Professor Ewald Lang, der Gründungsdirektor des ZAS.

Das ZAS ist eines der drei geisteswissenschaftlichen Zentren der Hauptstadt, die 1995 nach der Auflösung der Ostberliner Akademie der Wissenschaften ins Leben gerufen wurden. Es finanziert sich zu einem Drittel aus Geldern des Landes, und zu zwei Dritteln aus Zuwendungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die alle zwei Jahre neu "eingeworben" werden müssen. Hinzu kommen Gastforscher-Stipendien vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Fulbright-Kommission und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Zur Zeit sind am ZAS 24 Wissenschaftler, zwei technische Mitarbeiter, eine Sekretärin und eine Bibliothekarin beschäftigt.

"Der Gegenstand unserer Forschung ist der Mensch als sprechendes Wesen", so Ewald Lang. Das ist weit gefasst, denn die Sprache durchdringt alle Bereiche des menschlichen Daseins. Und tatsächlich wird am ZAS so ziemlich alles untersucht, was man an der Sprache untersuchen kann: Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Sprachen der Welt, Ursache und Ablauf sprachlichen Wandels, der Spracherwerb bei Kindern und noch manches mehr.

"Durch die Sprache unterscheidet sich unsere Spezies von allen übrigen Lebewesen", erklärt Ewald Lang. Zwar kommunizieren auch Delphine, Affen, Hunde oder sogar Bienen miteinander, um ihr Verhalten zu koordinieren, aber kein Tier könne über Vergangenes oder Zukünftiges "reden". Das sei dem Menschen mit seinem hochkomplexen Kommunikationssystem Sprache vorbehalten. Außerdem gebe es für das, worauf sich unsere sprachlichen Äußerungen beziehen können, keinerlei Einschränkungen. Ob Kochrezept, Science-fiction-Story oder philosophische Haarspalterei: das Medium Sprache steht uns für alle Zwecke zur Verfügung. "Die menschliche Sprache macht", so formulierte es Wilhelm von Humboldt bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, "von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch".

Menschen erfahren Sprache jedoch nicht nur als etwas Verbindendes, sondern auch als etwas Trennendes. Praktisch alle der circa 6000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, sind für uns ja Fremdsprachen. Wenn sich zwei Chinesen auf der Straße miteinander unterhalten, verstehen wir bekanntlich nur Bahnhof, ihre sprachlichen Äußerungen sind uns vollkommen unverständlich. Die Linguisten haben jedoch herausgefunden, dass sich Deutsch und Chinesisch auf einer abstrakten Ebene viel ähnlicher sind, als es den Anschein hat. So funktioniert die Satzbildung in dieser exotischen Sprache eben nicht vollkommen anders, sondern im wesentlichen nach ähnlichen Mustern wie in unserer Muttersprache. Das lässt sich für alle Sprachen und Mundarten behaupten: Die fundamentalen grammatischen Prinzipien sind überall dieselben, sie sind universell, weshalb sie auch als "Universalgrammatik" bezeichnet werden.

Schlüsselt man diese mentalen Regeln auf, erhält man Algorithmen, also gewissermaßen "Bedienungsanleitungen", Vorschriften und Verbote dafür, wie Laute, Silben, Wörter und Satzteile miteinander kombiniert werden dürfen. Diese Algorithmen sind freilich äußerst kompliziert. Ausformuliert erscheinen sie dem Uneingeweihten daher als ein Kauderwelsch von Symbolen und Abkürzungen. "Grammatik ist im Grunde Mathematik", vermerkt Ewald Lang dazu.

Aber am ZAS wird nicht nur reine Kopfarbeit im stillen Kämmerlein betrieben. Das Gebäude in der Jägerstraße beherbergt auch ein Laboratorium, in dem empirisch geforscht wird: das "Phonetiklabor". Die "Phonetik", eine Teildisziplin der Linguistik, beschäftigt sich mit den Schallwellen, die wir beim Sprechen erzeugen. Sie versorgt ihre Mutterwissenschaft mit Informationen darüber, wie Wörter, Silben und einzelne Laute gebildet und wahrgenommen werden. Die exakte Erfassung von Zungenbewegungen ist eine aufwendige Angelegenheit, die eine ganze Menge elektronischen Schnickschnack erfordert.

Sensoren auf der Nasenwurzel

Für derlei artikulatorische Untersuchungen verfügt das ZAS über das Phonetiklabor, dessen besonderer Stolz der Articulograph "AG 100" ist. Mit diesem wundersamen Gerät lassen sich die Bewegungen der Zunge, der Lippen und des Kiefers "live", also während des Sprechens genauestens registrieren. Der Articulograph besteht aus dem Messgerät, einer kofferradio-großen grauen Box und einem Kopfaufsatz, der wie eine Mischung aus futuristischem Helm und mittelalterlichem Folterinstrument anmutet. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn der Versuchsperson vor der Messung drei Sensoren auf die Zunge und je eine auf die Unterlippe und die Nasenwurzel geklebt werden. Ist diese Prozedur abgeschlossen, erinnert der Proband ein bisschen an einen Borg aus "Raumschiff Enterprise" und fühlt sich vermutlich auch so.

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