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Gewalt auf der Straße : Wer bettelt, hat schon verloren

24.06.2013 14:13 Uhrvon
Im Seminar werden Konfliktsituationen durchgespielt.Bild vergrößern
Im Seminar werden Konfliktsituationen durchgespielt. - Foto: dpa

Was tue ich, wenn ein Fremder Streit sucht? Oder zuschlägt? Ralf Bongartz ist Ex-Polizist und kann viele Tipps geben. Unser Autor hat ein Seminar bei ihm besucht.

Um etwas zu erklären, erzählt Ralf Bongartz gern kleine Geschichten. Sie sind wahr und haben oft ein verblüffend gutes Ende. Eine davon spielt nachts in Essen, in einem Linienbus, der gleich losfahren soll. Ganz hinten lümmeln drei Jugendliche, jeder von ihnen eine Kippe im Mund und eine Dose Alkopops in den Händen, obwohl beides im Bus verboten ist. Der Fahrer überlegt, was er tun kann. Er erinnert sich an das Training bei Bongartz, setzt sich zu den dreien – und bittet um eine Zigarette.

„Die Jugendlichen sind baff und geben ihm die Kippe“, sagt Bongartz und schlüpft kurzerhand in die Rolle des Fahrers. Dafür nimmt der 51-Jährige auf seinem Stuhl am Ende des Seminarraums Platz, die Beine entspannt nach vorne geschoben, und zieht wieder und wieder an einer imaginären Zigarette. Dann richtet er sich auf und wird zu einem der Jungs. „Ey“, sagt er ein bisschen aufgekratzt, „wer fährt jetzt eigentlich den Bus?“ – Nun wieder Bongartz als Fahrer, mit lässiger Stimme: „So lange hier geraucht und getrunken wird, keiner.“ Ruhig fügt er hinzu: „Leute, ich rauche und trinke auch mal gerne, aber ich bitte euch, hier drin damit aufzuhören.“

Die Pointe sitzt, die schauspielerische Einlage ist beendet. Ralf Bongartz steht auf und erklärt: „Das hat damals gut funktioniert. Die drei haben das Rauchen und Trinken sofort eingestellt.“ Ein Raunen geht durch den Raum, und der Übungsleiter selbst knipst wie so oft ein Lächeln an, als wollte er sagen: Sehr ihr, geht doch!

„Konflikt und Körpersprache“ heißt das Seminar, das ich an diesem Dienstag im schleswig-holsteinischen Fuhlenhagen besuche. Es ist eines von 120, die Bongartz jedes Jahr in ganz Deutschland veranstaltet. Die rund 20 Teilnehmer heute sind fast alle Sozialarbeiter, manche haben Erfahrung im Umgang mit schwierigen Jugendlichen, die meisten arbeiten im sozialpsychiatrischen Dienst. Bongartz soll ihnen erklären, wie man Konflikte frühzeitig entschärft und Gewalt abwendet. Das ist seit vielen Jahren sein Thema.

Begonnen hat er mit 17 als Polizist, später studierte er und wechselte zur Kripo, untersuchte Tötungs- und Sexualdelikte. „Kernige Sache“, sagt er in seinem leichten rheinischen Dialekt. „Da brauchte ich auch mal was Schönes.“ Das Schöne war das Theater. Drei Jahre Schauspielstudium hat Bongartz dann noch absolviert, klassische Pantomime. Heute führt er diese zwei Welten – Straße und Bühne – zusammen: als selbstständiger Trainer, der Interessierten erklärt, wie sie sich in Gefahrensituationen verhalten sollten, und mehr noch, wie man diese verhindern kann. Schon die letzten fünf Jahre bei der Polizei war das sein Job. Als Trainer hat er zum Beispiel mit den Lehrern am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt gearbeitet, nach dem Amoklauf dort 2002.

Aufmerksam geworden auf Bongartz bin ich durch ein Buch, das er vor kurzem veröffentlicht hat. „Nutze deine Angst“ heißt es, ein praktischer Ratgeber, was man tun kann, wenn man in der U-Bahn, auf der Straße oder sonst wo bedroht wird. Mir ist so etwas noch nie passiert, was vielleicht bloß Glück war. Jedenfalls bin ich „Futter“, wie Bongartz es ausdrückt. Denn als Mann unter 40 passe ich perfekt ins Beuteschema von Gewalttätern. Mal abgesehen davon, dass ich nicht besonders furchteinflößend aussehe und auch keinen Kampfsport beherrsche. Wenn ich von Fällen wie dem von Johnny K. lese, frage ich mich: Was hätte ich tun können, wenn ein Freund von einer Gruppe blöd angemacht und angegriffen worden wäre? Und was, wenn es mich getroffen hätte? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.

Genau das ist das Problem, sagt Bongartz. „Die meisten sind auf eine solche Situation überhaupt nicht vorbereitet und damit voll ihren Automatismen unterworfen.“ Im Seminar erklärt er, dass es Angst- und Wuttypen gebe. Die einen wollen sich bloß mit keinem anlegen und versuchen bei Gefahr, wegzurennen, die anderen lassen sich leicht provozieren und werfen sich in die Konfrontation. Beides ist nicht unbedingt eine gute Idee.

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